Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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■ v,'- —-332daß es sich etwa um gelehrte Notizen handelt, ''vielmehr sind es allgemeine kulturhistorische Würdigungen, 'veMischt mit Anekdoten. Um wenigstens eine Probe zu geben, hebe ich eine Anekdote hervor, die sich Band II S. 145 findet und in der von Steffen Heller, den ich oben nicht angeführt habe, weil ich nicht zu sagen vermag, ob er Jude war, berichtet wird. Sie lautet: „Von Heine, der in gesunden. Tagen dort ein häufiger (Käst gewesen, erzählte mir Heller manchen drolligen Zug. Heine nahm unmäßig viel Senf zu jeder Speise. „Sehen Sie," erklärte er dem erstaunten Heller, „Mit viel Sens kann ich alles vertragen, — ich glaube sogar Musik." Endlich seien hier wichtige Stellen über Bertho ld Auerbach mitgeteilt. Sie lauten: Ihm selbst war ich von Jugend auf für seine „Schwarzwülder Dorfgeschichten" innig zugetan. Der persönliche Verkehr konnte meine Zuneigung nur erhöhen und befestigen. Die derbe, untersetzte Gestalt verriet feste Tüchtigkeit, das breite, rosig angehauchte Gesicht glänzte von Wohlwollen. Tie schwäbische Mundart vollendete den Eindruck des Gemütvoll-Treuherzigen. Und seine oft getadelte, gerade ihm so sehr verargte Eitelkeit? Ich wollte, alle eitlen Schriftsteller und Künstler würden diese verzeihliche Schwäche so harmlos verraten wie Auerbach! Seine Eitelkeit äußerte sich in der naiven, dankbarer! Freude über ein ihm gespendetes Lob, das er keineswegs wie einen schuldigen Tribut herablassend einstrich. Das hat nichts Verletzendes; mir war es tausendmal sympathischer als das imunterbrochen selbstbewundernde Pontifizieren Hebbels oder Wagners gehässiges Verurteilen aller lebenden Komponisten. Auerbach gesiel sich nie im Herabsetzen anderer erfolgreicher Schriftsteller. Unter den gelesensten beliebtesten Autoren stand er obenan in Deutschland; die Liebe des Publikums äußerte sich aber sehr platonisch. Er hat nie die geringste Liebesgabe erhalten von seinen zahlreichen Verehrern. „Wie hätte es mich gefreut, würde meine Verherrlichung der Rheingegend („Das Landhaus am Rhein") einen dortigen Leser angeregt haben, mir ein paar Flaschen guten Rheinweins zu schicken! Und von meinen „Verehrern" in Amerika erhalte ich Hunderte von Bettelbriefen um ein Autograph, aber nie auch nur eine einzige Havannazigarre." (Band 11,. S. 203-205.) „Auerbach selbst war uicht musikalisch, liebte aber gute Musik, vor allem Mozartsche. In seinem Roman „Auf der Höhe" ist es ein feiner, tief verständnisvoller Zug, daß die unglückliche Irma, als sie auf ihrem letzten flüchtigen Besuch in der Stadt sich noch einmal an Musik laben will, gerade die „Zauberflöte" hört. „Mozarts Zauberflöte," so lauten Auerbachs Worte, „ist eine jener ewigen Schöpfungen, die im Jenseits aller Leidenschaften und alles Menschenkampfes steht. Ich habe es oft gehört, wie kindisch dieser Text sei; aber auf dieser Höhe kann alle Handlung, alles Geschehene, alle Menschenerscheinung, alle Hingebung nur noch allegorisch sein. Die Schwere und Begrenztheit ist abgestreist; der Mensch wird zum Vogel, zum reinen Ratnrleben; er wird zur Liebe, wird zur Weisheit." Am 28. Januar schrieb nur Auerbach: „Am Nenjahrstag hatte ich die „Zauberflöte" gehört, um mich für den neuen Lebensabschnitt zu erlaben. Von allem anderen abgesehen, wird je ein Mensch eine Richard Wagnersche Oper hören, um sich für einen neuen Ausschritt zu reinigen und zu weihend Ich schreibe Ihnen heute, am hundertsten Geburtstage Mozarts; ich werde heute abend die (1-ckur- Sinfonie mit der Schlußsuge hören, und ich weiß im voraus, ich werde wieder empfinden, was ich den Lenz im „Edelweiß" aussprechen ließ: „Ich möchte dem Alaune in den Himmel hinein was Gutes tun können!" — Ja, man pesfimicre nur die Welt, wie man wolle, es bleibt doch groß, daß es schöpferische Geister gab von ewig gleicher, erquickender Temperatur, und daß zwei Menschen wie wir, der eine voll erkennend, der andere nur andächtig — aber das bleibt sich gleich — sich an solchem Ausstrom neu beleben." Das' Wort „warmherzig", das Auerbach oft und gern anbringt, paßte auf ihn selbst mehr als auf irgendwen. Er besaß ein warmes Herz und ein wohlwollendes, kindliches Gemüt. Anr Abend vor meiner Abreise bemerkte ich, wie Auerbach, seine Zigarre hervorlangend, vergebens nach Zündhölzchen herumsuchte. Ich besaß ein sehr niedliches, silbernes Etui mit Wachslichtchen und bat ihn, es zum Andenken zu behalten. Nun hätte man die Freude und die Ueberraschung des Mannes sehen müssen! Als wäre ihm das kostbarste Juwel geschenkt worden. Auerbach selbst mußte in seinen letzten Jahren viel Bitternis erleben. Die antisemitische Bewegung, die in Berlin so häßlich aufzuzischen begann. verwundete sein Gemüt <uif& tiefste. Er, der Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten, einer der echtesten Lieblinge des deutschen Volkes, sollte fortan als ein „Fremder", als „Eindringling" gelten? Das nagte an seinem Leben. Er hatte in Marienbad scherzend prophezeit, er werde zuverlässig das Alter Goethes erreichen, und nach seiner Rüstigkeit und Frohnatnr schien das recht wahrscheinlich.. Aber als man in Berlin und in seiner Heimat Vorbereitungen traf, zur Feier seines siebzigsten Geburtstages, lag er bereits todkrank, ein aufgegebener Mann, in Cannes. Er starb im Jahre 1882 und wurde in seinem schwäbischen Heimatsdorf Nordstetten begraben. Sein, großer Landsmann Friedrich Bischer sprach wahre, gedankenreiche.' Worte am offenen Grabe. Warum konnte der „Schöpstr der lebenswahren Idylle" sie nicht mehr hören! Es gab wohl keinen irr Deutschland, der nicht trauerte um den Verlust dieses edlen, gemütstiesen Schriftstellers. Mir ist in Auerbach mehr verloren gegangen: der Mensch. Im Verkehr von einigen Frühlingswochen . war er mir lieb und vertraut geworden, wie ein alter Freund." In ihren L ebe n se r i n ne r u n g en „Mein Weg", Verlag von S. Hirzel, Leipzig, 1913, erzählt eine der Großen im Reiche der Ge-- sangskunst, L i l i Lehmann, die ihre Kindheit und Jugend in Prag hinbrachte, von den Eindrücken, die sie dort durch Juden empfing. Ihre Mutter, einstens Opernsängerin am Hoftheater in Kassel, wirkte - später als Harfenkünstlerin am Prager Theater und erteilte vielfach. Gesangunterricht. Lili schreibt u. a. in dem- Kapitel Prag, 1853 bis- 1868: „Interessant war es, daß später mehrere jüdische Vorbeter — unter denen Leopold Landau nachmals am Stadttheater zu Hamburg; als lyrischer Tenor eine bedeutende Stellung einnahm — °zum St.u^ dinm kamen, alle arm, mit schönen Stimmen, die sich dann auch UHufa lich gut durchbrachten. Sehr komisch war -auch, daß mehrere und auch andere jüdische junge Leute, am „langen Tag" ^der; der „langen Nacht" wie sie es auch nennen, sich bei uns satt. a.ßen, weil sie, lvie sie sich ausdrückten, das lange Fasten nicht vertrügei;^ Schule and Musikinstitut hatten ihr Domizi-l MWeck)ftlt, schreibt sie später: Unten zog ein Tanzlehrer ein, oben eine Masche Familie, namens Zappert. Sie bestand aus einer alten, großer., siebzigjährigen Frau, einem noch älteren Gatten, einem alten. So'.hn, der nur zum Besuch kam, aber nicht da wohnte, und einer oä^en Jungfer-Tochter, die, lvie uns schien, nicht ganz normal war . . . Wie mau erzählte, waren es sehr reiche, wohltätige Leute, die )c(ber keine Bedürfnisse hatten, sondern unendlich einfach lebten. Iw. Hause wurde jeder Faden Wäsche gehalten, solange es nur ging, and ich erinnere mich, die Tochter cinm wollenen Unterrock stopfen gesehen zu haben, der keinen ursprünglichen Webefaden mehr anfzuweisen hatte. Ich hielt mich immer gern zu alten Leuten.. Tw alte Dame liebte mich und ich sie, — säst allabendlich saß ich zu ihren Füßen. ^ie ließ mich lesen, lehrte mich Kunststopsereü, oder überwachte uieine Handarbeiten, wahrend sie mit mir französisch sprach. Sie bezeigte mir unendlich viel Liebe, die gleich einem Denkmal in meinem Leben steht. i * * * Als auch der Tanzlehrer der großen Wohnung Valet sagte, bezog sie eine Zahlreiche Judenfamilie, Bunzl. Herr Bunzl war Besitzer eines großen Weißwanengeschäfts am Graben, das aber, im Niedergang begriffen, ihm viel Sorge bereitete. Sehr viel später erfuhren wir, daß sich Vater Bunz-ls Geschäftsreisen meist nur in den Schuldarrest erstreckten. Drei schöne Töchter — die vierte war Gouvernante außer dem Hause — frisierten ihr köstliches Haar und zogen sich sehr gut an. Daß manaber seinen Körper täglich mindestens einmal waschen mutzte, lernten sie erst von uns und gewöhnten sich nur sehr lungern daran .... Mit Vater Bunzl unterhielt ich mich gerne. Tie vielen jüdischen Gebräuche, die ich hier kennen lernte, stachelten meine Neugier, und stets beantwortete der ältere Mann voll Ernst und mit erklärenden Gründen die vielen Fragen des jungen Mädchens. Die Gründe erschienen mir so schön, daß ich mich von nun an für die jüdische Religion aufrichtig intererssierte. Herr Bunzl war seinen sechs Kündern ein ausgezeichneter Vater — seine erste Frau war früh gestorben —, seiner zweiten Ehehälfte aber ein schlechter Gatte. Man sah sie nie. Sie wohnte in einem schmalen Hinterzimmerchen, wohin ihr Pauline das Essen