Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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dieses Zieles nichts beitragt. Wir verlangen deshalb: Beschränkung des Stoffes! Alles nicht wirklich für die Kindesseele Wertvolle muß ausscheiden! — Es kommt nicht auf die Masse des dargebotenen Stoffes an, sondern auf seine Vertiefung! „Wenig" bedeutet hier „viel"! In dem „Zu viel" liegt die größte Gefahr für die religiöse Erziehung. — Aber auch die zweite, von Herrn Dr. Rosenberg in seinen „Bemerkungen zu dem neuen Lehrplan" aufgestellte Forderung, daß bei der Verteilung des Stoffes „auf das geistige Fassungsvermögen der Schüler" Rücksicht zu nehmen sei, ist in dem Lehrplan selbst durchaus nicht beachtet worden. Bei Auswahl und Anordnung des Lehrstoffes sind für ihn nicht psychologische Gesichtspunkte maßgebend gewesen, denn die Stoffe entsprechen keineswegs der Stufe, für die sie vorgeschrieben sind. Besonders gilt das für die Vorschule und die U n t e r - stufe. Lebensbilder aus der jüdischen Geschichte aller Jahrhunderte gehören nicht in die Vorschule, weil sechs- bis achtjährige Kinder nicht imstande sind, diese Stoffe in rechter Weise zu erfassen. Die Besprechung der Festtage und ihrer Bedeutung, des häuslichen und öffentlichen Gottesdienstes darf nicht in der Vorschule, sondern kann nur auf einer höheren Stufe erfolgen, wo jenen Dingen schon mehr Verständnis entgegengebracht wird. In der Vorschule hat die Vorbereitung des religiösen Gedankenkreises durch eine kleine Anzahl biblischer Geschichten zu erfolgen, die dem Standpunkt der sechs- bis achtjährigen Kinder angemessen sind. Geeignet sind für diese Stufe die Erzväter- und Josephs-Geschichten. Auf der Unterstufe sind zu behandeln die wertvollsten Erzählungen aus der Moses-Geschichte, aus dem Buche Josua, aus der israelitischen Richter-, Königs- und Prophetenzeit. Die Geschichte des geteilten Reiches, die Verbannung, die Rückkehr aus der Verbannung, das von Esra und Nehemia wiederhergestellte theokratische Leben in Wechselwirkung mit der griechischen Bildung, die große Versammlung, Alexanver der Große, die Ptolemäer und die Septuaginta die makkabäischen Freiheitskämpse, die Römerkämpfe usw., das alles muß zur Besprechung für die Mittel- und O b e r st u f e zurückgestellt werden. Unter keinen Umständen darf dieser schwierige Stoff bei neun- bis elfjährigen Kindern behandelt werden. Was der Fassungskraft der Kinder nicht entspricht, kann kein Leben wecken, und dieses ist doch das nächste Ziel des erzieherischen Unterrichts. In dem Rahmen dieser kurzen Darlegung mag das genügen, um meine Auffassung über den Dr. Rosenbergschen Plan als richtig zu erweisen. Es ließe sich aber zeigen, daß die Stoffwahl in den anderen Teilen ebensowenig nach beiden Richtungen hin den, wie ich wiederhole, wirklich vortrefflichen allgemeinen Grundsätzen des Herrn Dr. Rosenberg für Aufstellung eines Lehrplans entspricht. Einen weiteren Mangel des vorliegenden Lehrplans finde ich in der Anordnung des Lehrstoffes nach konzentrischen Kreisen. Nach dem neuen Lehrplan soll der ganze Geschichtsstoff auf der Unterstufe in gedrängter Uebersicht vorgeführt und auf der Mittelstufe dann in jedem Jahr, im ganzen also viermal, wiederholt und ergänzt werden. Ein solches Verfahren ist meines Erachtens nicht gut. Ein oftmaliges, und wie es nicht anders sein kann, mehr flüchtiges Betrachten der biblischen Personen erzeugt nicht Anteilnahme und erweckt nicht Leben, sondern macht gleichgültig. Für ein liebendes Vertiefen in die einzelnen Begebenheiten hat jene Stoffordnung nicht Zeit, sondern gebietet, die Geschichte zu durcheilen. In jedem Jahr wird derselbe Weg zurückgelegt, mit dem Unterschiede, daß zu den alten Stoffen neue hinzutreten. Wenn man die neuen Stoffe gründlich behandelt, dann bleibt für die alten wenig Zeit. Man läuft Gefahr, sie allzu flüchtig abzutun, und der rechte Gewinn bleibt wohl ganz aus. Wo man den Wert des Religionsunterrichtes nicht im Anhäufen von abfrag'barem Wissen, sondern in d?r Heranbildung religiöser Charaktere findet — und das will Herr Dr. Rosenberg doch eigentlich —, da wird man besser einen anderen Weg wählen. Das von Herrn Dr. Rosenberg am Eingang seines Lehrplans aufgestellte Ziel: „Bildung einer religiös-sittlichen Lebens- und Weltanschauung" wird auf Grund dieses Planes nie und nimmer erreicht werden. Wir lehnen deshalb denselben als unbrauchbar ab. Mitzellen. In Paul Seidels Erinnerung an den ersten Frauenderein (Hohen- Zollernjahrbuch, Band 18, 1915, Seite 237) heißt es: „Der vom 6. März 1813 datierte Berliner Alisruf zur Gründung eines PreuhischenFrauen- Vereins zum Wohle des Vaterlandes und der ganze Gründungsplan sind vermutlich ein Werk des 1801 getauften Berliner Schutzjuden und Kaufmanns Lollis Epenstein gewesen." Aus Mitteilungen aus der historischen Literatur, Baud 44 (1916), Seite 255. V. L. * Aus ein vor einigen Jahren erschienenes, mir aber erst jetzt bekanntgewordenes Werk: 3lu§ meinem Leben. Von Eduard Hanslick. 2 Bände. Vierte Auflage. Berlin. Allgemeiner Verein für Deutsche Literatur. (Hermann Paetel Verlag G. nr. b. H.) 1911 ff. möchte ich meine Leser Hinweisen, das jedem reichen Genuß und mannigfaltige Anregungen zu schaffen geeignet ist. Man verbindet gern mit dem Namen Hanslick den Begriff eines Antilvagnerianers, und es ist wahr, daß gelegentlich auch in diesem Buch seine Abneigung gegen Wagners spätere Opern Zutage tritt, während Z. B. der „Tannhäuser" das höchste Lob empfängt. Aber dieser Wiener Musikkritiker, der natürlich über Prager und Wiener Mustkereignisse, über die Zustände in London und Paris (wo er mehrmals ait§ Juror tätig war) zu erzählen weiß, versteht es, auch in höchst angenehmer Weise über Literatur, Kunst, Politik und Natur zu plaudern, unterrichtet anmutig über Zeitgeschichte, spricht mit Begeisterung von seinem Freunde Billroth, von dem im Anhang sehr viele wichtige Briefe mitgeteilt werden und belehrt uns — und aus diesem Grunde darf ich das Buch wohl an dieser Stelle erwähnen — vielfach über die Juden. Dieser tolerant erzogene Mann (vgl. Band I, S. 7) ist, wenn er auch unter Juden keine intimen Freunde gehabt hat, doch mit vielen Männern und Frauen jüdischen Glaubens zusammengekomuren und spricht über sie mit Achtung und Anerkennung, gelegentlich mit dem wärmsten Interesse. Nur manchmal ist von den Folgenden die Rede: Treyschock, Schulhofs, v. Lümmel, Kuranda, Rodenberg, Julius Stettenheim, Emil Kuh, L. A. Frankl, Kapellmeister Levy, Lewinski, Pauline Lucca. Ausführlichere Abschnitte finden sich über die jüdische Finanzaristokratie in Wien, besonders das Haus Wertheimstein, Band I, 209 ff., über die Herausgeber der „Neuen Freien Presse" Band II, S. 50 ff. Eine besondere Hervorhebung verdient der Abschnitt über S. Mosenthal, der vieles Neue und Wichtige enthält, Band I, S. 211—216, und Josef Dessauer Band I, S. 216—219, vor allen Dingen aber die Abschnitte über Meherbeer; merkwürdige und zum Teil unbekannte Notizen über den Menschen und Musiker, Band I, S. 66, 84, 108—111, 251 ff., und die längeren Ausführungen über Jacques Offenbach, Band II, S. 81—86. Gerade diese beiden Abschnitte sind deswegen so interessant, weil Meherbeer, der meist über Bord geworfen wird, hier eine volle Würdigung erhält und weil von diesem ernsten Musiker auch dem Vertreter der heiteren Muse, Offenbach, eine sehr gerechte und sympathische Würdigung zuteil wird. Es ist ganz besonders hervorzuheben, daß nirgends bei der Erwähnung jüdischer Menschen auch nur die allerkleinste Mißstimmung oder irgendein Vorurteil gegen Juden sich bemerkbar macht, sondern daß der Selbstbiograph alle diese Männer und Frauen als Menschen würdigt. Alle angeführten Notizen, die deswegen so ausführlich bezeichnet werden, weil das sonst durchaus lobenswerte Buch keinerlei Register hat, verdienen nicht bloß eine Anführung, sondern gar manche davon einen wörtlichen Abdruck, aber leider ist der Raum, über den ich verfügen kann, zu beengt, um es tun zu können. Die Leser mögen also darauf verwiesen werden; sie dürfen nicht meinen.