Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
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25 Betten. Frisch und sauber, hell und freundlich sieht alles aus; jedes Kind hat seinen Waschständer mit allen dazu gehörigen Utensilien bis zur Zahnbürste und zum Mundspülglas, die nicht vergessen sind. Der Schlafsaal ist, wie alle Räume, mit elektrischem Lichte versehen. Daneben liegt das Schulzimmer mit neuen, Praktischen Bänken, Tafel an der Wand, hebräischen, polnischen und deutschen Büchern, die sämtlich gestiftet worden sind. Beim Eingang ist noch die Kanzlei, wo über jedes Kind, seinen Paten, seine Fortschritte, seine Entwicklung Buch geführt wird. Ein Schrank mit Arzneimitteln ist als Apotheke eingerichtet. Warum wir das erzählen, alles so ausführlich? Nun, aus dem Grunde, um dem Leser und der Leserin zu zeigen, daß dies Waisenasyl eine ganz moderne Anstalt ist mit allen Einrichtungen der Neuzeit, das nicht in Kalisch, sondern im Westen einer unserer Großstädte stehen könnte. Nun zur Hauptsache! Die Insassen des Asyls. Sie weinten vor Freude, als sie am vorigen Dienstag in den Saal des Asyls einmarschierten. Sie weinten vor Freude, daß ihre Not zu Ende war, und sie nun ein Heim, das sie so lange entbehrt hatten, wieder durch die Liebe guter und edler Menschen gesunden hatten. Und spontan, von niemandem geheißen und von niemandem angeregt, von sich selber heraus beginnt ein Knirps von 9 Jahren, als er in den Saal tritt, zu rufen: Beruch ato hascheim elaukcinu inclech hoaulom, schehechejcnu wekijcmonu wehigionu lasman Hasel), sija, es sind prachtvolle Knaben, die von Haus aus große jüdische Kenntnisse mitbringen und von denen man hoffen darf, daß sie gute Juden, edle Menschen werden. Alle sind gleich gekleidet, gleiche Anzüge, gleiche Schuhe, gleiche Mützen. In Reih und Glied ausgestellt, stehen sie vor mir und begrüßen mich wie immer mit großer Freude, und sagen: Dankt unseren Paten, gebt Dank der Agudas Jisroel für das, was sie an uns getan! Dann wollen sie mir eine besondere Freude machen, und einer bittet darum, daß er mir ein hebräisches Gedicht vortragen dürfe, und er trägt ein Gedicht vor: Hazewi (Der Hirsch), der andere ein deutsches Gedicht „Der Rabe", der dritte glänzt durch ein Stück Gcmoro aus Bvwokamo, der vierte durch eine Mischnah. Alle weitteiferten darin, ihre Kenntnisse zu zeigen. Mit welcher Betonung, welchem Geschick wird alles vorgetragen! Es ist eine wahre Freude! Tie Hausmutter (das Hauselternpaar bewohnt das obere Stockwerk), die zugleich Lehrerin und eine Tochter des verstorbenen bekannten Bendziner Raw, Graubart, ist, sie findet hier ein prächtiges Material; sie wird gewiß die Traditionen des Vaterhauses hierher verpflanzen, zum Segen für die jungen Knospen, die ihrer Obhut anvertraut sind. Aber auch die Kriegspaten der Waisenkinder, die der Agudas JiSroel die Mittel gaben, dieses Beis Jesaumim zu schaffen, können eine wahre Befriedigung empfinden über dieses ihr Werk in Kalisch, und ich möchte dem noch besonders hinzufügen, daß unter den Kriegspaten alle religiösen Richtlmgen der zeitgenössischen Judenheit sich befinden. Denn wo es gilt, Waisenkindern zu helfen, ihnen ein Heim und eine Stätte zu bieten, da sind wir alle eines Sinnes, da sind wir Ungar. Iustizminister Wilhelm wäzsonyi Zu dem Artikel in der vorigen Nummer. (Aus der Ungar. Zeitschrift „Mult es Jövö“.) alle einer Ansicht. Und so aufgefaßt — ist d i e s K a lischer Maisenasyl ein Werk der deutschen Judenheit, auf das sie stolz sein kann. Kalisch hat aber auch erfahren die Wahrheit des Satzes „Ki lau almon Jisroel", daß es einen Awi Jesaumim gibt, einen Waisenvater, der in die Herzen der deutschen Juden den Gedanken gesenkt hat, den Waisenkinder Kaliscksi zu helfen und sie zu retten. Mögen die beiden Waisenhäuser Knaben und Mädchen heranreisen lassen, die ihren deutschen Kriegspaten Freude, dem Judentum Ehre, sich selber Segen bereiten! Lin neuer Lehrplan. Don Rektor M. Jriedlaender (Danzig). jt uf Veranlassung des Rabbinerverbandes in Deutschland hat Herr Rabbiner Dr. Rosenberg in Thorn für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten einen neuen Lehrplan ausgearbeitet und ihn den Rabbinern und Lehrern zur Besprechung vorgelegt. Gleichzeitig erschien in Nr. 22 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ein ausführlicher Bericht zu dem Lehrplan, in dein Herr Dr. Rosenberg auf die Notwendigkeit und Nützlichkeit eines solchen Lehrplans hinweist und ganz vortreffliche Grundsätze darlegt, die ihn bei Aufstellung desselben geleitet haben. Er ist der Meinung, die auch die unsere ist, daß nur die Stoffe behandelt werden sollen, die „in besonderem Maße geeignet sind, die religiöse Gemütsbildung zu fördern und aneifernd auf die religiöse Willenskraft einwirken", und er fordert mit Recht, daß bei Verteilung des Stoffes auf die einzelnen Altersklassen „das geistige Fassungsvermögen der Schüler vollauf zu berücksichtigen sei". Leider hat Herr Dr. Rosenberg die von ihm selbst ausgestellten Forderungen in seinem Lehrplan nicht erfüllt. Seiner Meinung nach sollen nur „wirklich wertvolle" Stoffe ausgewählt werden, und sein Plan leidet an einer geradezu unerträglichen Ueberfülle des Stoffes. — Für die Vorschule verlangt Herr Dr. Rosenberg Lebensbilder aus der biblischen und jüdischen Geschichte aller Jahrhunderte, dazu Einführung in den häuslichen und öffentlichen Gottesdienst, die Festtage und deren Bedeutung, Sprüche und kleine Gebete. Für die Unterstufe die ganze biblische Geschichte bis zum Untergang des zweiten Tempels. Auf der M i t t e l - u n d O b e r st il f e soll die ganze biblische Geschichte in jedem Jahr wiederholt werden, und ferner soll auf diesen Stufen die jüdische Geschichte in breitester Ausführlichkeit behandelt werden. Jeder einsichtsvolle Schulmann wird mir zustimmen, wenn ich behaupte: Diese Stoffe sind so reich bemessen, daß dieselben weder hinlänglich gedächtnismäßig angeeignet, noch innerlich verarbeitet und für die Willensbildung fruchtbar gemacht werden können. Der erzieherische Zweck des Religionsunterrichtes fordert, aus dem Gesamtgebiet der Geschichte nur das auszuwählen, was für die Pflege sittlicher und religiöser Lebenskunde als Anschauungs- und Erläuterungsmittel geeignet ist. Das bedeutet: Verzicht auf alles, was zur Erreichung