Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zunächst wird uns von unserer Mitarbeiterin M. B. geschrieben: L. M. B r a m s o n. Zu den in -Rußland neugewählten Senatoren gehört auch der Rechtsanwalt L. M. Bvamson, der den Ehrenposten abgelehnt hat, weil er dem Vollzugskomitee des Arbeiter- und Soldatenrates als Mitglied angehört. Dieser Verzicht auf eine angesehene ititb vorteilhafte Stellung ist bezeichnend für Bramson, der sich als begeisterter, aufrechter Freiheitsmann schon zur Zeit der ersten Reichs- Duma betätigt hat. Er war damals als Abgeordneter von Kowno in das erste russische Parlament gewählt worden und trat der Partei der „Trudowiki" oder der „Werktätigen" bei. Von seiner frühesten Jugend an ist die Arbeit sein Element, und zwar immer die gemeinnützige, vornehmlich im Dienste der bedrängten Juden'heit. Ihr galt sein Wirken in Wort itu-b Schrift, ihr seine Studien, die er im Auslande vielfach machte, um sich mit den musterhaften Handwerks- und Gewerbeschulen bekannt zu machen.und ähnliche für die jüdische Jugend in Rußland einzuführen. Dies Ziel erreichte er auch, und ihm ist eine Reihe derartiger Lehrstätten in Petersburg und in den russischen Provinzstädten zu danken. Viele Jahre war er der Petersburger Sekretär von JCA, und die von ihm dort niedergelegten Berichte und Denkschriften bilden ein beredtes Zeugnis von dem Idealismus, von der ungewöhnlichen Gewissenhaftigkeit und der schwungvollen Hingabe, mit der er die soziale, geistige und wirtschaftliche Hebung seiner unterjochten «Stmnmesgenossen verfolgt hat. Von jeher vertrat Bramson die Ansicht, daß die sieben Millionen Juden Rußlands durch den Zionismus keine Erlösung \n erwarten haben, sondern daß ihre Rettung durch die innere Kolonisation erfolgen müsse, wenn der Gesamtheit des russischjüdischen Proletariats geholfen werden sollte. Alle Teilauswanderungen erachtete er mit als kleine Palliativmittel zugunsten einer beschränkten Zahl von Juden, ohne daß dadurch die Lage des ganzen jüdischen Volkes in Rußland und Polen besser werden konnte. Bramson erinnert mit seinen festumrissenen Freiheitsbestrebungen und mit seinem weiten politischen Blick an Alexander Herzen. Wie dieser glaubte er zuversichtlich an eine lichtvolle Zukunft Rußlands und an den Sieg der Freiheit, wenn unablässig für sie gearbeitet würde. Er selbst ging stets hierin mit gutem Beispiel und Selbstverleugnung voran, und daher genießt er eine ungeteilte Wertschätzung in Petersburg nicht nur, sondern in ganz Rußland. * Daß es dagegen in dem neuen Rußland noch teilweise nach dem alten Kurs zugeht, lehrt folgende Notiz der „Köln. Volks- Leitung": F r e i h e i t. Im Proskurowschen Grenzkreis (Gouvernement Podolien) siedelt taut „Nowoje Wremja" vom 14./27. Mai die neue Dorfverwaltung die vütben aus. Die Begründung ist höchst einfach: Da die Juden bei der bevorstehenden Landverteilung auch ihren Anteil verlangen werden, muß man sich vorher von ihnen befreien. * Endlich seien aus einem Artikel des „Nellen Wiener Journals" von einem neutralen Berichterstatter „Jüdische Asyle in Sibirien" einige Stellen herausgehoben: Das Hotel Metropole ist heute in ein jüdisches Asyl verwandelt. Dort sah ich ein stockdunkles Zimmer, wo das Fenster an der Decke sich befindet. Dieses dunkle Loch ist nicht groß und doch beherbergt es zwanzig Erwachsene und Kinder. Die Zimmer aber, die auf die Straße gehen, sind hell. In einem solchen sehe ich eine Nähmaschine, an der eine kleine junge Jüdin arbeitet. Dieses Zimmerchen bewohnen vierzehn Personen und einige kranke Kinder; Bänke, Kleider, Küchengeschirr und andere Gegenstände liegen bunt durcheinander. llud die Luft ist hier so dick, daß man buchstäblich nicht atmen kann. Auf meine Frage, wie hier vierzehn Personen wohnen können, antwortete mir ein alter, weißhaariger Jude lächelnd: „Im Grab ist es ja noch enger?" Gegenüber liegt ein anderes Asyl: man sagte mir, es sollte besser sein als dieses. Wie ich aber konstatierte, sind die Mauern durch die Feuchtigkeit geschwärzt und die Bewohner laufen Gefahr, rheumatisch zu erkranken. Die Kinder sind alle an Pocken erkrankt. Welches Elend hier! Stickluft, kein Sonnenlicht, Feuchtigkeit und die Wände sind von Insekten belebt, die die Zimmerlnft vergiften. Ich beschreibe hier die besten Asyle. Obendrein ist es hier im Winter jo schrecklich kalt, daß die jüdischen Flüchtlinge monatelang ihre Kleider nicht ansziehen. In einer solch traurigen Lage befinden sich nicht nur Hunderte, sondern Hunderttausende armer Wesen, die durch die Roheit der russischen Regierung aus ihrer Heimat nach den entlegenen sibirischen Gegenden geschafft wurden. Wann wird diese Rot hier enden? In Tomsk gelange ich ins Herz des neuen jüdischen Gettos in Sibirien. Hier gewahrte ich eine Art Klubhaus, welches am Tage meiner Ankunft geöffnet wurde. Es umfaßt zwei elende Zimmerchen, wo am Tag und in der Nacht eine erbärmliche Oellampe brennt. Hier treffen die Polnischen Inden zusammen, um mit leiser Stimme ihre Leiden, ganz besonders ihre individuellen Leiden sich zu erzählen. Im Erzählen leisten sie trotz ihres Elends ein Erkleckliches/, bis sie Plötzlich damit aufhören. Um so schwerer lastet das Schweigen in diesen vier Wänden. Wer sind nun die Besitzer dieses „Klubs der Unglücklichen"? Eine jüdische Familie ans Warschau. Einst eine begüterte Familie mit drei Kiildern, zwei Mädchen und einem Knaben. In Warschau besuchten sie die Schule. Als die Kriegserklärung erfolgte, befand sich diese Familie, wie manche andere, in der Sommerfrische im Gouvernement Mohilew und konnte nach Warschau nicht inehr zurückkehren. Nur von dieser Stadt sprechen sie, von ihren schönen Gärten, prachtvollen Straßen und Promenaden, von ihrer Reinlichkeit und Bequemlichkeit. Die Mutter weiß mit einer bewunderungswürdigen Beredsamkeit mir die Schönheiten dieser Stadt vor Augen zu führen. Der Vater, ein kluger Mann, schweigt, nickt hier und da seinen Kops als Bestätigung der Aussagen seiner besseren Ehehälfte. Einmal sagte er: „Warschau ist eine heilige Erde. Lieber sich von trockenen! Brot und Salz ernähren, wenn man in einer jüdischen Stadt leben kann." Und er fügte hinzu: „Die Polen sind Antisemiten schrecklichster Art! Aber Warschau ist doch eine jüdische Stadt. Alan sagt uns, daß die Reichtümer uns gehören. Aber das ist keineswegs wahr. Hundert Juden auf tausend Russen sind tatsächlich reich, aber die anderen! Wieviel Arme wird es geben und wieviel Mittel werden nötig sein, um diesen Unglücklichen zu Hilfe zu kommen!" Nicht weit vom Tisch saß ein etwas bejahrter Mann, stumm, mit tiefliegenden Allgen. Er spräche sehr wenig liub gab auf meine Fragen nie eine Antwort. Er ist ein Mechaniker ans Bialystvk. In Tomsk hat er eine Werkstatt eröffnet. Einmal entschlüpfte ihm der Satz: „Lieber ein Bein brechen, als die Vaterstadt verlassen^" Am Tisch saß noch ein jüdischer Arbeiter ans Warschau-.- Er ist Schneider, mit blassen, müden Gesichtszügen. Er verdient fünf Rubel täglich und arbeitet unermüdlich. Hier in Tomsk hat er nichts. Nein, er hat hier wirklich nichts, alles hat' er in Warschau gelassen. Die Bibliotheken, wohin er nach der Arbeit geht, gibt es hier nicht, weder Zeitungen, noch Kameraden. Er erstickt hier in *