Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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- 326 und Heil der Menschen zu fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der öffentlichen Belehrung der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen im Judentum seit jeher alle anderen Anstalten. Die regelmäßige Vorlesung und Erläuterung aus dem Gesetz und den Propheten bildeten den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes. Nicht Andachterwecknng und künstliche Erregung religiöser Stimmung, sogenannte Erbauung, war und ist Zweck (sogenannter) des jüdischen Gottesdienstes, sondern Belehrung, Verlebendigung der zugleich religiösen und sittlichen Wahrheiten, daß sie jedem einzelnen zu jeder Zeit gegenwärtig bleiben könnten. Besonnene Belehrung, Erweckung der logischen Elemente in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstände sind eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühls- Überreizung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei und Mystik ausartet, durchaus unjüdisch. Die ewigen Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt gewirkt. — Im Judentum herrschte stets eine lebendige Regsamkeit; eine unanfhörliche Geistesfriktion gab dem Studium stets neuen Aufschwung. Und überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so wiegt neben dem tiefsten, innigsten Glauben eine scharfe Verstandesrichtung vor, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen einer Ekstase bewahrend, die sich in Visionen, Verzückungen und Unbegreiflichkeiten berauscht und ihren Triumph darin erblickt, den Verstand zu unterjochen. Das Judentum befiehlt nicht „du sollst glauben" — was allerdings nicht ohne Obskurantismus und Knechtung des Geistes angeht —, sondern befiehlt, „du sollst lernen und forschen". Im Judentum soll es nicht eine Gemeinde geben, die an dem Leitseil eines geistlichen Hirten geleitet wird, die Gemeinde soll nicht z n in b l i n d e n G e h o r s a m sich Hinneigen, noch Geistliche als höhere K a st e n über sich haben; nur die wissenschaftliche Befähigung, der Fortschritt und die Vollkommenheit erteilen den Vorzug, erheben zum Lehrer. Daraus ist erklärlich, warum es im Judentum von jeher so schwer fiel, die Gemeinschaft durch die Autorität der einzelnen zu leiten, und es blieb daher auch vor List, Eigensucht, Betrug und Eigendünkel geschützt und bis zu diesein Tag der göttlichen Lehre und dem menschlichen Verstand unentrückt. Während viele Nationen durch Mysterien, heilig gehaltene Kasten und gesonderte Orden gezügelt wurden, stand Israel mit der Thora in der Hand, festen Blickes hineinschauend, gesunden Verstandes genau vergleichend, ob auch die Bestrebungen seiner Lehrer und Führer mit dem unverwüstlichen Wort Gottes vereinbar seien. Einsiedler blieben ihm fremd, magische und wundertuende Kreise hatten bei ihm keinen besonderen Wert. Da ferner das Judentum keine Geheimnisse hatte, so war der Zutritt zum Studium von selbst jedermann geöffnet, bedurfte es nicht der besonderen Weihe, um die heiligen Vorhöfe zu betreten. Diese Geistesfreiheit aber hat dem Juden von jeher seinen Glauben zu einer nimmer versiegenden Quelle geistiger Erfrischung und Stärkung gemacht. Denn wie das am Himmel leuchtende Gestirn infolge seiner gewaltigen Höhe uns überall hin folgt, wohin wir auch gehen, so schritt der jüdische Denker mit der jüdischen Wissenschaft fort und sah sich doch von der Sonne seiner Religion begleitet. Die bedeutendsten und schärfsten Denker in Israel haben die schärfste Verstandesentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinigt. So bildet das vernunftgemäße Denken ein so starkes Element des Judentums und ist es der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen und fest genug zu halten haben. In der ganzen Thora ist kein einziges Wort, das „Glauben" bedeutet; die Propheten bedienen sich mit ausfallender Vorliebe des Ausdruckes „Gotteserkenntms". Nur die tiefe Ueberzeugung und die aus dieser ersließende Gesinnungstüchtigkeit schaffen eine wahre und dauernde Begeisterung für das Judentum. Die bloße Gefühlsseligkeit und das ungebundene Spiel der Phantasie führen zu allen möglichen Auswüchsen und Verirrungen des Geistes. Die Woche. Berlin, den - 30. Juli. s ist leider noch nicht die geringste Aussicht vorhanden, daß der fürchterliche Krieg bald zu Ende geht, dessen Dauer nun schon nach Jahren berechnet werden muß. Wer beim Ausbruch , dieses ungeheuren Weltereignisses von dreijähriger Dauer gesprochen hätte, wäre von den sogenannten Besserwissenden verspottet worden; — nun sind drei Jahre beinahe um, und nirgends zeigt sich ein Hoffnungsstrahl. Wenn auch in der Berichtswoche England, Italien und die südöstlichen Armeen, mit denen die griechischen Truppen sich vereinigen mußten, .ganz oder größtenteils sich still verhalten haben, sind Frankreich und Rußland, die man so oft und scheinbar von autoritativer Seite als vornehmlich kriegsmüde bezeichnete, ununterbrochen und mit voller Wut tätig gewesen. Ihre kolossalen Anstrengungen sind mißglückt, außerordentlich hohe, blutige Verluste sind die einzige Folge gewesen. Mag Rußland durch amerikanisches Gold gelockt, mögen seine Truppen durch französische und englische Offiziere befehligt worden sein, — Tatsache bleibt, daß das republikanische Rußland verfährt, so gut wie das zaristische, daß es an keinen Sonderfrieden denkt, und daß alles Gerede von Disziplinlosigkeit, Ermattung oder Unlust der russischen Truppen nur Gerede war. * Unterdessen dauern in Deutschland die Erörterungen über die Kriegs ziele fort. Während die Alldeutschen ihr utopistisches Programm fefthalten oder gar erweitern, während die Sozialdemokraten, die ihre Gefolgschaft diesmal nicht bloß in den breiten Massen ihrer Anhänger finden, einen annexionslosen Frieden verlangen, hat der Reichskanzler in der am 7. stattgefundenen Sitzung des Hauptausschusses eine F e st l e g u n g auf einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen ab ge lehnt. * In demselben Hauptausschuß und in der gesamten Tagespresse gehen die Erörterungen über die innere Neugestaltung fort. Auch hier sind die Meinungen sehr verschieden, die Gegensätze sind gewaltig; die Reichsregierung tritt mit bestimmten Vorschlägen auf breiter Grundlage nicht hervor. Wir begnügen uns hier, ohne lange politische Erörterungen zu versuchen, mit der Wiedergabe des Antrags des fortschrittlichen Abgeordneten Müller- Meiningen und Genossen, der uns aus der Seele gesprochen ist und schon deshalb hier eine Erwähnung verdient, weil die Forderung einer unbedingten Gleichberechtigung auch uns gilt. Er lautet: „Der Reichstag wolle beschließen, an den Herrn Reichskanzler folgende Erklärung zu richten: Mit der an den Reichskanzler nnd den preußischen Ministerpräsidenten gerichteten O st e r b o t s ch a f t des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen ist auch der Reichstag der Ueberzeugung, daß nach den gewaltigen Leistungen.des ganzen Volkes in diesem furchtbaren Kriege für das Klassenwahlrecht in Preußen kein Ra u nt mehr ist. Wie alle Schichten des Volkes in pflichtbewußter Aufopferung an der glücklichen Durchführung des gewaltigen Krieges Mitwirken,