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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-13 · Heft 28 (13.7.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 28 (13.7.1917)
Date
1917-07-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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81. Jahrgang Nr. 28 Allgemeine Berlin, 13. Juli 1917 eitung desAudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «ächentUch. Abonnemenls pl eVsdurch den Buchhandel oder -ie Post (in Verlm and Vororten durch unsere venrirbssteven) bezogen vierteWhrilch Z M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter teitunz der Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an di» Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6*9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Ullflillt * senken und Fühlen in der Religion. VonDr.B. Seligkowitz y *?**14« lKöthen). — Die Woche. — Das Kriabenwaisenaspl in Kalisch. Mn Bcrrcht von Rabbiner Tr. Reu Haus (Ostrowo). — Ein neuer Lehrplan. 2Lon Vektor M. Friedlaender (Danzig). — Miszellen. — Feuilleton: Tcv.te Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeiltzdedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, Derenburg, Meiningen, Nürnberg, Pirmasens, Wien, Florenz, Petersburg. — Von Nah und Fern. Senken und Whirn in der Keligion. Bon Dr. B. Seligkowitz (Köthen). er Verstand ist in religiösen Dingen nicht beliebt. Er stört den Genuß des Sichhingebens an fromme Jllusionen. Er gestattet nie, das Alte und wegen seines Alters Liebgewordene mit ungeteilter Verehrung festzuhalten. Er zwingt fortwährend zu der Anstrengung und zu der Gefahr, sich auf neue Bahnen zu wagen. Und doch, was sollte aus der Religion werden ohne diese anhaltende Kritik des Denkens in Hinsicht auf den Glauben? Nicht allein, daß die höher Entwickelten allen religiösen Glaubens verlustig gehen würden, auch die große Menge würde auf die Dauer nicht aus Ueberzeugung der Religion' trerl bleiben -können. Die Wissenschaft, so nianches Mal als die gefährliche Feindin Der Religion hingestellt, erweist ihr den besten Dienst dadurch, daß sie die Religion immer wieder zwingt, sich ans die Höhe der Entwicklung der Zeit zu stellen. Die Schwierigkeit ist nur, den Anteil des Verstandes an der Religion auf das rechte Maß zu bringen und dabei zu erhalten. Denn wenn er dieses überschreitet, wenn er, statt nach mitwivkender Dienstleistung, nach autoritativer Herrschaft strebt, so leidet die Religion Schaden. Der Intellektualismus wird allezeit verhängnisvoll für die Gesundheit und die Kraft des echt religiösen Lebens. Allerdings ist im Gefühlsleben allezeit ein geheimer Widerwille gegen die Einmischung des Verstandes vorhanden. Gefühlserregung, wie ideal sie auch sei, trägt stets in etwas den Charakter des Genusses an sich, und für den Genuß ist die Einmischung des Verstandes ein Hindernis schon aus dem Grunde, weil er die Unmittelbarkeit stört, die eine Bedingung ungeteilten Genusses ist. Eins der allgemeinsten Merkmale aller Mystik ist das Streben nach unmittelbarer Beziehung zu dem Gegenstand der Verehrung. Daher die merkwürdige Neigung nach pantheistischer Weltanschauung bei den Mystikern. Sie dulden eben nicht, daß etwas zwischen sie und die Gottheit trete, sie wollen diese direkt umarmen: ein Wunsch, dem von seiten des Verstandes mit seiner Methode der Zergliederung und Begriffsbildung nicht entsprochen werden kann. Durch die begrisssbildende Verstandestätigkeit kommt der Gegenstand der Verehrung für das Gefühl niemals in das Licht unmittelbarer Am schauung, sondern er wird durch den dazwischentretenden Verstand in die Ferne gerückt. Ferner wird der Genuß um so bequemer, je mehr das Geistige in sinnliche Form gekleidet ist. Das Bild wirkt und ergreift viet stärker als der Begriff. Auch darin läßt der Verstand das Gefühl unbefriedigt. Es ist eben nicht anders möglich; er muß immer wieder die sinnbildliche Vorstellung zu zergliedern suchen, um ihren Wahrheitsgehalt zu bestimmen, und damit verursacht er dem Gefühl Schmerz, da es nur erregt werden will und deshalb mehr auf die Form als ans den Inhalt gibt. Die Folge davon ist, daß das Gemütsleben der Zucht des Verstandes am liebsten entflieht, und je mehr dies der Fall ist, desto ernster die Gefahr, daß das gesunde Gefühl in krankhafte Schwärmerei und Fanatismus ansartet. Wo daher die Religion als eilte bloße Gefühlssache genommen wird, wo alles Religiöse nicht gedacht, sondern empfunden werden soll, da ist ein Verschwimmen aller religiösen Gedanken unausbleiblich, da ist bei aller Gefühlsseligkeit doch jede innere Haltung und Festigkeit, jeder wahre Gewinn an Inhalt und Tat verloren, da ist auch Schwärmerei und Fanatismus wie von selbst gegeben mit ihrem ganzen unheilschweren Reich. Wer, mag er ans anderen Gebieten noch so klar denken, in der Religion nur eine Befriedigung von Gefühlen ttitb eine Anregung der Phantasie sucht, wird allen möglichen Verirrungen ansgesetzt sein und, ehe er es sich versieht, von fanatischen Schwärmern oder geschickten Betrügern ins Netz gelockt. Darum ist es für den Fortbestand der Religion eine unerläßliche Bedingung, daß sie niemals der Aufsicht des Verstandes sich entziehe. Denn das ist gerade die große Gefahr aller Gefühlsorthodorie, daß sie von der Vernunft Unterwerfung verlangt und damit ihre Bekenner wehrlos gegenüber allen krankhaften Gefühlsregungen hinstellt. Es ist ein großer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht, daß sie ihren Beweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstandes und des Herzens, des Denkens und des Fuhlens findet. Es ist hierfür charakteristisch, daß die bedeutendsten Denker des Judentums, ein Maimonides, ein Gabirol, ein Iehuda Halevi, die schärfste Verstandsentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden. Ein vernunftgemäßes Denken in religiösen Dingen bildet von jeher ein starkes Element des Judentums, und eine natürliche Folge dieses Hineinziehens des Denkens in den Bereich der Religiosität war, daß das Studium für jedermann eine ebenso heilige Verpflichtung war wie die religiöse praktische Uebung selbst. Unter allen religiösen Anstalten und Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, das geistige und leibliche Wohl

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