Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 erklärt, blieb aber in Rhein Hessen durch eine Verordnung vom 13. Mörz 1818 mit mannigfachen Be rände rangen in Kraft. Di-esenr Patent zufolge mußte jeder jüdische Kaufmann, „jeder Israelit, der in die Lage kam, «ein Geschäft abzuschl'ießen, sich von dem Verdachte des Wuchers reinigen und von drei Behörden (dem Gemeinder-at, dem Konsistorium und der Provinzialbehörde) nacheinander jedes Jahr ein Zeugnis darüber erbitten, daß er kein Wucherer sei, und daß er noch kein unerlaubtes Geschäft abgeschlossen hatte". In welche herabwürdigende und entehrende Lage hierdurch jeder rechtliche Mann gebracht wurde, welche Gelegenheit zur Schürung des Hasses, der Feindschaft und deS Gcschästsneides unlauteren Elementen geboten lvurde, liegt auf der Hand. Einem der geachtetstell und tüchtigsten Mainzer Bürger damaliger Zeit, den: Oberilandesgerichtsrat und Kammermitglied Glanbrech, gebührt das Verdienst, seine jüdischen Mitbürger in Stadt und Land von den ungerechten Bestimmungendes „Jndenpat-ents" befreit zu haben. In seinem Berufsleben hatte er vielfach Gelegenheit, die Härten und Bedrückungen kennenzulernen, die jenes Gesetz im Gefolge hatte, und bereits im Jahre 1832 beantragte er im Vereine mit den Mainzer Abgeordneten Kertell und Trommler im Landtage die Aufhebung des Dekrets, anfangs allerdings ohne Erfolg. Erst im Jahre 1847 erfolgte die Aufhebung des „Judenpatents". Die Freude der jüdischen Bevölkerung in Mainz und ganz Rheinhessen über die Befreiung von diesem drückenden Joche w-ar unbeschreiblich. Um den Gestihleu der Dankbarkeit auch äußeren Ausdruck zu geben, wurde eine Dankadresse an Glanbrech abgesandt, die von den Borständen sämtlicher israelitischen Gemeinden Nheinhefsens unterzeichnet war. Grstrrrkich-Anggrv. Z. Wien, 29. Juni. Im österreichischen Abgeordnetenhanse brachte der jüdische Abgeordnete Reizes Beschwerden bezüglich der Behandlung der Juden -vor, deren Staatstreue -er hervor-hob. Die jüdischen Soldaten schlugen sich an allen Fronten glänzend. Redner forderte den Landesverteidignngsminister auf, gegen die Verdächtigungen, daß die Juden militürscheu und Drückeberger seien, im Namen der Wahrheit energisch aufzutreten. — Der Verein „K i n d e r st ü tz e", 16. Bezirk, Hnbergasse 8, welcher alljährlich eine große Anzahl von Kindern in seine Ferienkolonien entsendet, ist im Begriffe, eine bereits zusammengestellte Kolonie von Kindern, deren Väter eingerückt sind, m das ihm von einem Wohltäter zur Verfügung gestellte Heim zu entsenden. Der Verein kämpft infolge der fürchterlichen Lebensmitteltenerlmg mit schweren Sorgen und bittet edle Wohltäter, die ihr Herz für die Kinder unserer Soldaten bewahrt haben, die Bestrebungen der Vereinsleitnng gütigst zu unterstützen. Geld und Spenden aller Art übernimmt das Sekretariat des Vereins, Wien, 16. Bezirk, Hubergasse 8. — Mitten in seiner Berufstätigkeit ist unlängst der in weiten Kreisen bekannte Professor Heinrich Steif von einem jähen und sanften Tode ereilt worden. Der Verblichene, der durch viele Jahre im humanitären Vereine „Treubund" eine rastlose und allseits anerkannte Tätigkeit entfaltete, hat sich auch um die Organisation der Kinder'bekleidungsvereine in Wien große Verdienste erworben. Der aufrichtigen Trauer über den Heimgang dieses wackeren Mannes hat int Namen der zahlreichen Freunde und Verehrer desselben das Vorstandsmitglied des Vereins „Treubund", Herr Ignaz Glück, beim Leichenbegängnisse beredten Ausdruck gegeben. — Aus Budapest wird gemeldet: Der in Meran verstorbene Generalmajor Simon Vogel war bis zu seinem 20. Lebensjahre Jeschi wabachur. Die Eindrücke seiner Jugend waren bei ihm stark und nachhaltig. Als vielfach dekorierte Offizier bildete er die Zierde des andächtigen Tabaktempelpublikums, und es machte dem General stets ein Herzensvergnügen, am Jom Kippur nach alter Weise Haftoras Jona zu rezitieren. Und merkwürdig, dieser jüdische General wurde als Kommandant des 38. Leibregiments des spanischen Königs vom edlen alten König Franz Josef betraut, dem katholischsten Monarchen der Welt in Begleitung von Franz Ferdinand die Grüße Sr. Majestät zu seiner Hochzeit zu übermitteln. — Im Herbste d. I. erscheint in polnischer Sprache ein Sammelbuch „Jüdischer Almanach" mit einer Reihe literarisch-wissenschaftlicher Beiträge namhafter jüdischer Schriftsteller. Wie mt§ der Ankündigung zu ersehen ist, sollen hier Probleme des nationalen, ökonomischen und kulturellen Daseins des jüdischen Volkes im allgemeinen und desjenigen in polnischen Ländern insbesondere einer sack> gemäßen Erörterung unterzogen werden. Durch eine entsprechende Verbreitung in allen polnischen Ländern soll hier der erste Annäherungsversuch gemacht werden zwischen dem bis jetzt abgesondert lebenden Teile der Inden Galiziens und Russisch-Polens. Allsällige Zuschriften sind zu richten nun den Verlag „Moria", Wien, I., Ebendorser Straße 3/13. Amerika. z. New Dort. Die „American Jewish Ehronicle" veröffentlicht folgenden bemerkenswerten Artikel: Vor kurzem hat die Allianee Jsraelite Universelle ihre Schulen in den französischen Kolonien der französischen Negierung übergeben; von nun an werden die Schulen unter der alleinigen Aufsicht der Amtspersonen der französischen Kolonien stehen. Es heißt, die Alliance sei nicht länger in der Lage gewesen, ihre Schulen im Orient zu erhalten, und habe es daher für ratsam gehalten, sie insgesamt der französischen Regierung abzutreten. Es versteht sich natürlich von selbst, daß die französischen Beamten mtr für die französische, nicht aber für die jüdische Erziehung der jüdischen Kinder in- Marokko, Tunis, Madagaskar usw. sorgen können. Die französischen Kolonialbeamten sind, das steht fest, von ihrer Regierung beauftragt, gute Beziehungen zu der r ö m i s ch - katholischen K irche im Orient zu unterhalten und ihre Schulen zu schützen und zu unterstützen. Der Grund hierfür ist nicht, daß die dritte Republik irgendwelche Vorliebe für die römisch-katholische Kirche hätte, sondern daß der Katholizismus einer der großen Faktoren in Frankreichs Auslands- und Kolonialpolitik immer gewesen und auch geblieben ist. Das Judentum hat niemals in Frankreichs Auslands- und Kolonialpolitik eine große Rolle gespielt, seit die dritte Republik Kirche und Staat getrennt hat. Die französischen Kolonialbeamten, insbesondere die der jüngeren Generation, halten an dieser Politik des Separatismus fest und kümmern sich nicht mehr um religöse Angelegenheiten, wenn sie nicht durch rein politische Erwägungen dazu veranlaßt werden, wie in dem Falle ihrer Beziehungen zum Katholizismus. Es ist darum nur natürlich, daß sie versuchen werden, die früheren Alliance-Schulen so weit als möglich zu verweltlichen, und es zu ihrer Aufgabe machen werden, die jüdischen Kinder in den französischen Kolonien zu guten Franzosen und Französinnen zu erziehen. Da die Juden in Marokko und in den anderen französischen Kolonien zu arm sind, aus eigenen Mitten Erziehungsanstalten zu errichten, und daher nicht in der Lage sind, ihren Einfluß anfzubieten und einen Druck auf die französischen Beamten auszuüben, um sie zu veranlassen, für die religiöse Erziehung der jüdischen Kinder Sorge zu tragen - wird wohl die ganze jüdische Jugend in den französischen Kolonien in völliger Unkenntnis des Judentums aufwachsen. Wir fürchten nicht nur die Möglichkeit, daß eine Generation von Juden in Nordafrikä aufwachsen wird, die dem Judentum vollkommen entfremdet sein wird, sondern wir haben auch guten Grund zu der Befürchtung, daß diese Generation, welche in französischer Kultur aus Zweiter Hand erzogen wird, nur zu sehr den vielen levantinischen Juden ähneln wird, die Produkte solcher pseudo-französischer Erziehung sind. Man muß bedenken, daß französische Kultur im Orient verschieden ist von französischer Kultur in Frankreich und daß sie den in orientalischen Verhältnissen lebenden Menschen anders beeinflußt als den in Europa lebenden. Sie bringt ihn zum Abfall von den angestammten Ueberliefernngen: er wird niemals Franzose sein oder wenigstens werden ihn die Franzosen niemals als zu ihnen gehörig anerkennen, und er kann auch nicht als eingeborener Orientale gelten. Er ist nichts als eine traurig entwurzelte Persönlichkeit. — Es ist guter Grund zu befürchten, daß dieses Schicksal des französisierten Levante-Juden auch die Juden in Marokko, Tunis, Madagaskar usw. unter französischem Protektorate treffen wird. Gegenwärtig ist natürlich keine Hoffnung, die Lage zu verbessern: das Problem einer jüdischen Erziehung der nordafrikanischen Jndenheit muß mit seiner Lösung ans die Zeit nach dcm Kriege warten. Zn dieser Zeit wird etwas getan werden müssen, um die nordafriknnische Judenheit zu retten. Von Sah und Mn. — Der erste Vorsitzende der Repräsentantenversanunlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herr Tr. Georg M i n d e n , ist in seiner Eigenschaft als Direktor des Berliner Pfandbriefamtes vom 1. September 1917 ab auf weitere zwölf Jahre vom Magistrat Berlin wiedergewählt worden.