Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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mich die Pflicht hotten, sich in der Krankenpflege zu betätigen, den Verein itt§ Leben riefen. In diesem langen Zeiträume hat sie dem Verein ihre Treue bewahrt, und ihrer unverdrossenen Mühe und Arbeit ist es in erster Linie zu danken, wenn der Verein zu immer gröberer Blüte sich entfaltete und heute ebenbürtig und vollwertig allen, auch viel älteren Vereinigungen gleichen Strebens zur Seite steht. Am 7. November 1916 starb der Mitbegründer, mehrjährige Vorsitzende und zuletzt Ehrenvorsitzende des Vereins, Herr S a l 0 m o n N a n. Tie Gründung des Vereins war sein Werk, sein Blühen und Heranwachsen die Freude und der Stolz seines Alters. Im hohen Alter starb am 6. Oktober Herr Geh. Kommerzienrat Ludwig Ritter v. G e r n g r o s, der von Anbeginn an ein treuer Freund und warmherziger Förderer des Vereins war. Seinen Bemühungen und seiner tatkräftigere Unterstützung verdankt der Verein den Erwerb des gegenwärtigen Schwesternheims; und wiederum hat er durch eine hochherzige Stiftung, die seinen und seiner Gattin 'Namen trägt, im vergangenen Jahre seinen Sympathien für den Verein und das nach dem Kriege neu zu errichtende Schwesternheim mit Krankenstation beredten Ausdruck verliehen. Stand somit das abgelansene Bereinsjahr durch den Tod so hervorragender Verwaltnngs- und Vereinsmitglieder und den Rücktritt bewährter Schwestern unter einem ungünstigen Stern, so vollzog sich doch die Tätigkeit des Vereins im übrigen in normalen Bahnen. Während des ganzen Jahres 1916 standen dem Verein zehn Schwestern zur Verfügung. Tie durch den Austritt von zwei Schwestern entstandenen Lücken wurden durch zwei andere, die am 1. Mürz nach glücklich bestandener Approbationsprüfnng ihre Tätigkeit hier anfnehmen konnten, wieder ansgefüllt. Zur Allsbildung in Breslau befinden sich seit 1. März 1916 vier Lehrschwestern und seit dem 1. Dezember 1916 eine bereits ansgebildete und geprüfte Schwester, um dort noch au Lehrknrsen in Wochen- und Säuglingspflege und Frauenkrankheiten'' teilznnehmen. Auch in diesem Jahre war dem Verein die Erfüllung der vaterländischen Aufgaben, die er zu Kriegsbeginn übernommen hatte, ermöglicht. Es Pflegten während des ganzen Jahres Schwester Ruth H e i - m a n n im Reservelazarett Bismarck-Schulhaus. Schwester Sally Meverfeld im Reservelazarett Sebastian-Spital, Schwester Sara Levi im Reservelazarett Lndwigsseld. Schwester Thekla Rosenbanm im Reservelazarett Goethe-Schnlbans, Schwester Henriette K u r z m a u n im Bereinslazarett Arndt-Haus. Tie Schwestern haben sich dieser patriotischen Pilicht freudig und gern unterzogen, vlme Unterschied in vollstem Maße ihre Schuldigkeit getan und sich allesamt die warmherzige Anerkennung ihrer Vorgesetzten erworben. Tie Schivestern I e r l i u e, R u t h, Sara und Henriette wurden zugleich mit dem König-Lndwig-Krenz ausgezeichnet. Schwester Auguste L i ch t e n f e l d leitete wiederum das mit städtischen Kriegsiürsorgekindern beleate Erholungsheim in Forth, und auch sie hat sich aufs neue auf diesem nicht immer leicbten und verantwortungsvollen Posten bestens bewährt. Sie erhielt gleichfalls als Anerkennung ihrer Tätigkeit das König-Lndwig-Krenz. War es den nbriaen Schwestern versagt, sich ebenfalls, wie sie es aewif; gern wollten. im vaterländischen Hilfsdienst zu betätigen, so fiel ihnen die umfangreiche und an ihre Kraft und Tüchtigkeit die höchsten Ansordernnaen stellende Aufgabe zu. den Vfleoedienst in der Stadt anfrechtznerhalten und die zahlreichen Gesuche um Uebernahme von Pflegen so gut als möglich zu befriedigen. Daß ihnen dies gelungen ist, beweisen die nachfolgenden Zahlen: Tie Schwestern leisteten in 75 Pfleaestellen 218 Taa-. 526 Nacht- und 627 Vollvflegen, versahen in 496 Füllen ambulante Tienste, halfen bei 5 Operationen und machten zahlreiche Armenbesnche. Unter Berücksichtigung, daß diese Pflegen und Besuche nur von einigen wenigen Schwestern geleistet werden mußten, wird man diesen gewiß auch warmen Dank und Anerkennung nicht versagen. Ter Verein war auch in diesem Jahre gezwungen, wegen Mangel an verfügbaren Kräften 68 Pflegen abzulehnen und anderen Pflegevereinen zu überweisen. Es ist aber dem Verein gelungen. eine größere Zahl tüchtiger, gut vorgebildeter Mädchen aus ordentlichen Familien für die Krankenpflege zu gewinnen, und er darf doch hoffen, in Zukunft immer mehr allen Anforderungen, die an ihn gestellt werden, gerecht werden zu können, zumal durch den geplanten Neubau eines Schwesternheims mit Krankenstation in richtiger Weise dafür gesorgt ist. Das im Vorjahre schon erwähnte Grundstück Ecke der Wieland- und Noriher Straße in der Größe von 49119 Quadratfuß ist zum Preise von 123 329 Mark käuflich erworben und der Kaufpreis bar bezahlt worden. Reiche Spenden hierfür, über die im Zusammenhänge gesondert Bericht erstattet wird, haben den Verein dazu in den Stand gesetzt, und es ist ihm ein Herzensbedürfnis, allen gütigen Spendern hierfür wie auch allen sonstigen Gönnern des Vereins an dieser Stelle den wärmsten Dank auszusprechen. Besonderer Dank gebührt den Hinterbliebenen des Herrn David H e s s e l b e r g e r, die an der erstmaligen Wiederkehr des Todestages desselben mit einem Kapital von 10 000 Mark eine David und Pauline Hesselbergersche Familienstiftung ins Leben riefen und bestimmten, daß die Zinsen dieses Kapitals als Zuschüsse zur Erholung der im Dienste erkrankten Schwestern des Vereins Verwendung finden sollen. Der Bericht schließt mit der Bittenden segensreich wirkenden Verein durch gütige, reiche Spenden in den Standzu sehen, die Aufgaben, die er im Dienste der Menschlichkeit übernommen hat, zu erfüllen. Auch für ihn heißt es: durchhalten durch die so ernste, schwere Zeit. Die Kassenabrechnung für das Jahr 1916 schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 47 807,61 Mark. Das Vereinsvermögen beträgt 604 542,66 Mark. Erster Vorsitzender des Vereins ist Rabbiner Tr. Freudenthal. Pirmasens, 29. Juni. Unter dem schweren Verdachte des Raubmordes, begangen am 2. Juni an dem Kaufmann Walter L ö w e n t h a l ans Berlin, wurde der 25jährige Makler Otto Gebhard verhaftet. Soviel jetzt ermittelt ist, hatte Gebhard dem ihm bekannten Kaufmann Walter Löwenthal in Berlin Ende vorigen Monats geschrieben, daß er Gelegenheit hätte, -ihm Schuhwaren im Werte von etwa 50 000 Mark zu besorgen. Er solle hierher kommen und das Geld mitbringen. Löwenthal kam dann auch am 2. Juni nach Pirmasens und stieg im Hotel „Schwan" ab. Er hatte jedoch nur 4000 Mark bei sich und ließ sich noch 46 000 Mark telegraphisch übermitteln. Am 2. Juni, nachmittags 1 Uhr, verließ Löwenthal das Hotel, und seit dieser Zeit ist er spurlos verschwunden. Nachgewiesen ist, daß der verhaftete Gebhard mit Löwenthal um \IA Uhr von seiner Wohnung in der Nodalbertstraße wegging. 11m 4 Uhr wurde int Hotel, in dein Löwenthal abgestiegen war, telephonisch angernfen, daß der Ueberzieher und Handkoffer an die Bahn gebracht werden sollten. Nachweislich nahm Gebhard diese Gegenstände am Bahnhof in Empfang und fuhr noch am gleichen Tage nach Köln, wo er nach kurzem Aufenthalt im „Metzer Hof" sich im Hotel „Exzelsior" einlogierte. Am Sonntag, den 3. Juni., erhielten die Angehörigen Löwenthals eilt in Köln angeblich von ihm aufgegebenes Telegramm, daß er am Samstag. den 9. Juni, heimkehre. Verschiedene Utnstände mtd große Geldausgaben, die sich Gebhard in letzter Zeit leistete, erwecktenden dringenden Verdacht, Gebhard habe Löloenthal beraubt und beseitigt. Alts die Auffindung der Leiche, die ttach Lage der Sache lvohl in Pirmasens oder in der Umgebung verborgen ist, wird eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt. Am Mittwoch nachmittag ist von der Kriminalpolizei der Vater des Otto Gebhard, der Schuhfabrikant Gebhard, unter dem Verdacht der Mitlvisserschast verhaftet loordett. Löwenthal hatte die Absicht, einige Lebensmittel von hier nach Berlin mitzunehmen. Durch Vermittlung des jungen Gebhard erbot sich ein Handelsmann, Schinken und Eier zu beschaffen. Tie Lebenstttittel sollten nun, wie angenommen wird, in der Wohnung des Schuh fab rikanten Gebhard verpackt werden. Nach Verlassen der Otto Gebhardschen Wohnung hat Löwenthal lvahrscheinlich die des alten Gebhard gemeinschaftlich mit Otto Gebhard attfgesucht. Seitdem soll er nicht mehr gesehen worden sein. Otto Gebhard leugnet nach wie vor hartnäckig, irgend etwas über die Angelegenheit zu wissen. Die Kellnerin des Hotels „Exzelsior" in Köln, wo sich Gebhard als Löwenthal ins Fremdenbuch eintrug, konnte bisher vor der hiesigen Kriminalpolizei nicht erscheinen. Es wurde deshalb die Photographie Otto Gebhards durch Eilbrief nach Köln gesandt. Otto Gebhard, der stark heraustretende Augen hat und ans einem Auge schielt, ist leicht wiederzuerkennen. Das hier verbreitete Gerücht, ein Teil der Leiche Löwenthals sei aus dem Friedhose vergraben aufgefunden worden, entbehrt jeder Begründung. r. Mainz, 29. Juni. Tie jüdische Bevölkerung der Stadt Mainz und der Provinz Kurheffen könnte ein erfreuliches Jubiläum begehen. Es sind sieben Jahrzehnte seit der Aufhebung des sogenannten Judenpatents vergangen. Dieses von der israelitischen Bevölkerung als überaus drückend empfundene Patent war durch ein Dekret Napoleons 1. vom 17. März 1808 vorläufig auf zehn Jahre in Frankreich eingeführt worden. Nach Ablauf dieser Zeit wurde -es dort als ausgehoben