Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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81. Jahrgang Nr. 27 Berlin, 6. Juli 1917 Der Gemeindetzote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Korrrsponütn-kn unü Kschrichrrn. Deutschland. $$$- Berlin, 3. Juli. Die Plünderung jüdischer Läden in Leeds und die Mißhandlungen der dortigen jüdischen Bevölkerung ftcllen sich nach Zuschriften an englische Zeitungen immer mehr als planmäßig betrieben heraus. Am Tage nach dem ersten Pogrom lonrden mannigfache Broschüren verteilt, voll von beschimpfenden und aufreizenden Sätzen gegen die jüdische Bevölkerung. Ferner wurden Gerüchte über Mißhandlungen verwundeter Soldaten durch die Juden verbreitet. Es scheint eine Organisation hinter der ganzen Bewegung zu stehen, deren Ursprung in Brotneid im weitesten Umfang des Wortes und Haß gegen die deutschen Elemente unter den Juden liegt. Die Stadt Leeds zählt etwa 20 000 jüdische Einwohner bei einer Gesamtbevölkerung von 428 953 Seelen. Leeds ist die drittgrößte jüdische Gemeinde in Großbritannien, in Größe und Bedeutung nur noch von London und Manchester übertroffen. Seit 1840 gibt es in Leeds eine jüdische Gemeinde. Bor dieser Zeit waren in dieser Handelsstadt nur einzelne wenige Juden ansässig. 1840 erhielt die Gemeinde vom Earl os Cardigan einen Friedhof: die erste Trauung erfolgte vor 75 Jahren, am 1. Juni 1842 — vielleicht waren Nachkommen dieses ersten Ehepaares unter den Verfolgten. Früher fand der Gottesdienst in Mietsraumen statt; 1860 erbaute die Gemeinde ein eigenes Bethaus in der Belgrave-Street, das bald für die schnell anwachsende Gemeinde zu klein war und 1877 durch die heutige Synagoge ersetzt wurde. In Leeds bestehen zahlreiche jüdische Gesellschaften, Chewroth, ein Beth-Hamidrasch, eine jüdische literarische Gesellschaft, seit 1876 eine Talmud-Thora-Schule zur unentgeltlichen Erziehung jüdischer armer Knaben, seit 1887 eine Zweigstelle des Jewish Board os Guardians. Das Gemeindeleben ist sehr rege. Unter der jüdischen Bevölkerung befinden sich zahlreiche russische Juden, die nach den Pogromen ins „gelobte Asyl der Freiheit" gekommen sind, meist Arbeiter und Handwerker bzw. Schneider. Die Unruhen in Leeds sind die Folge der systematischen Hetze einer Anzahl englischer Zeitungen seit dem engen Anschluß Englands an das zaristische Nußland. — Sehr merkwürdig ist, daß „Daily Mail" einen Artikel bringt, der die Leedser Unruhen nicht verurteilt. E. M. Berlin, 3. Juli. Die Wählbarkeit der Genie i n d e b e a m t e n in Gemeindeehrenämter wurde in der letzten Sitzung des Berliner jüdischen Gemeindeparlaments zwischen dem Vorstände und der Repräsentantenversammlung eingehend erörtert. Im Prinzip ist diese Frage seit einer Reihe von Jahren bereits dadurch entschieden worden, daß außer den im Schulvorstande und in einer Anzahl von Wohlfahrtsausschüssen wirkenden Rabbinern auch eine Anzahl Verwaltungsbeamten sich ehrenamtlich in verschiedenen Verwaltungskommissionen, wie Armenkommission, Waisenverwaltung und Schulvorstand, betätigt. Dieser Praris entsprechend hatte der Vorstand der Gemeinde bei einer Vakanz in einein Synagogenvorstand sich für die Uebertragung dieses Ehrenamtes an einen geeigneten besoldeten Beamten ausgesprochen. Gegen diesen Vorschlag wurden aus der Versammlung heraus prinzipielle Bedenken geltend gemacht, ob es richtig sei, einen angestellten Beamten in eine Kommission zu wählen, die der Selbständigkeit nach allen Seiten bedarf. Obwohl die Eignung des vorgeschlagenen Kandidaten für das betreffende Amt nicht bestritten wurde, wurde bezweifelt, daß ein angestellter Gemeindebeamter stets die volle Entscheidungsfreiheit in allen möglichen Fällen besitzt. Für einen Teil der Repräsentanten gab Gewerberat P l o t k e die Erklärung ab, daß auch seine Freunde den vorgeschlagenen Kandidaten wählen würden, weil sie von seiner Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit überzeugt sind. Alls vrinzipiellen Gründen bitte er jedoch darum, daß dieser Fall eine Ausnahme bleibe. Der Kandidat könne von seiner Körperschaft auch in andere Verwaltungskonunissionen abgeordnet werden. Da er Beamter sei, müsse befürchtet werden, daß er bei Abstimmungen nicht die volle Handlungsfreiheit habe wie die anderen Gemeindemitglieder. Aus diesem Grunde werde beispielsweise bei Staatsbehörden im allgemeinen vermieden, Verwaltungsbeamte in öffentliche Körperschaften zu wählen, damit sie nicht in die Lage kommen, Kritik au den Maßnahmen der Vorgesetzten Behörde zu üben und sich zu diesen Maßnahmen in Gegensatz zu stellen. Nach einer Erklärung vorn V erst a n d s t i s ch sind die Erfahrungen, die mit den bisher im Ehrenamte der Gemeinde tätigen besoldeten Beamten gemacht wurden, durchaus günstig. Es bestehe auch kein Zwang für den betreffenden Synagogenvorstand, gerade diesen Herrn in die Festgottesdienstkommissivu oder andere Körperschaften abzuordnen, die übrigens nicht zur Kritik an den Maßnahmen des Gemeindcvorstandes berufen wären. Nach dieser Erklärung wurde der Wahlvorschlag des Vorstandes einstimmig angenomm n. E. M. Berlin, 3. Juli. P r e d i g t g o t t e s d i e n st e am Freitagabend werden von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin seit dem Jahre 1911 in den Wintermonaten veranstaltet. Diese Gottesdienste, die nach Geschäftsschluß stattfinden, sind für die erwerbstätige Bevölkerung, besonders für die kaufmännischen Angestellten beiderlei Geschlechts, bestimmt, denen es zu einer anderen Zeit nicht möglich ist, ihr Bedürfnis nach religiöser Erbauung zu befriedigen. Die Liturgie für diese gottesdienstlichen Veranstaltungen besteht aus hebräischen und deutschen Gebeten und Gesängen für den Freitagabend: im Mittelpunkt steht die Predigt. Diese Gottesdienste, die anfänglich nur in der Synagoge in der Lindenstraße stattfanden, erfreuten sich bald großer Beliebtheit in den betreffenden Kreisen, so daß nach einem Jahre bereits auch in der Neuen Synagoge Spätgottesdienste veranstaltet wurden. Im Jahre 1915 wurde auch in der Synagoge in der Levetzowstraße dieser Gottesdienst eingeführt: ein Versuch in der Synagoge Fasanenstraße hatte kein befriedigendes Ergebnis. Der Krieg und besonders das letzte Kriegsjahr haben auf den Besuch dieser gottesdienstlichen Veranstaltungen sehr störend eingewirkt. Gegen 7865 Personen im Jahre 1915/16 haben in den Wintermonaten 1916/17 nur 4585 Personen am Gottesdienst teilgenommen. Der stärkste Rückgang der Besucherzahl ist in den Synagogen Lindenstraße und Levetzowstraße mit fast 47 Prozent zu verzeichnen, geringer ist die Abnahme der Besucher in der Neuen Synagoge. Trotz dieses bedauerlichen Rückganges der Freguenzzisfer haben die Gemeindebehörden beschlossen, auch in diesem Jahre späte Predigtgottesdienste am Freitagabend in den Synagogen Oranienburger Straße, Lindenstraße und Levetzowstraße zu veranstalten. An jedem ersten Freitag im Monat findet der Gottesdienst in der Synagoge Lindenstraße, au jedem dritten Freitag in der Neuen Synagoge statt. Für die Monate November, Februar und März sind auch Gottesdienste in der Synagoge Levetzowstraße angesetzt, wo sie an jedem vierten Sabbat im Monat stattfinden werden. Eine Wiederholung des Versuchs in der Synagoge Fasanenstraße ist angeregt worden. — Tarnowih, 29. Juni. In der Nacht zum 9. Februar d. I. war in die hiesige Synagoge ein Einbruch verübt worden, cm dem der entsprungene Fürsorgezögling Paul M e i s e r von hier, der Fleischergeselle Franz Dylla aus Beuthen und der Zimmermanu Paul Jutzurek, ebenfalls von hier, beteiligt waren, die, deswegen augeklagt, vor der Strafkammer in Beuthen standen. Während Jutzurek „Schmiere" stand, hatten sich die beiden anderen Angeklagten durch ein Kellerfenster Eingang in das Innere der Synagoge verschafft und dort einen in die Wand eingelassenen Opferkasten erbrochen. Erbeutet haben sie 7 Mark. Außerdem haben sie noch andere Behältnisse erbrochen, in diesen aber nichts gefunden. Es wurden verurteilt: Meiser unter Einrechnung einer noch zu verbüßenden viermonatigen Gefängnisstrafe zu 7 Monaten Gefängnis, Dylla zu ebenfalls 7 Monaten Gefängnis und Jutzurek zu 9 Monaten Gefängnis. &&& Nürnberg, 29. Juni. Der hiesige Verein f i'i r jüdische Krankenpflegerinnen (E. VJ versendet soeben seinen 17. Jahresbericht, dem wir folgendes entnehmen. Am 24. April 1916 starb die zweite Vorsitzende des Vereins, Frau Bertha Ziemlich, die zu dem kleinen Kreis weitsichtiger Männer und Frauen gehörte, die sich im Jahre 1899 zusammenfanden und, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß auch jüdische Frauen und Mädchen nicht nur die Befähigung, sondern i 1