Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Günther schickt mich zu seinen Patienten, und die Gelähmte aus dem Altweiberstift hat mir geschrieben, daß sie die Bücher, die sehr rührend und schön gewesen, alle schon ausgelesen habe. „Und wenn das hochverehrte gnädige Fräulein uns wieder einmal erscheinen möchte, wie so ein lichter Engel des Himmels," — ach ja, ich weiß schon, denen, die etwas von einem wollen, bleibt man auch über 40 der lichte Engel. Dafür erinnern einen andere desto deutlicher an die 40, wenn man sie mal vergessen sollte. Wie vorgestern mich, als mir war, als fei ich 25. Alles regte mich freudig an, die kleine Reise, das zweistündige Alleinsein in Rosenberg, in dem ich mir-war ich wirklich schon 25? — — lauter erlebte und erträumte Situationen ausmalte, in denen Günther die Hauptrolle spielte. Selbst die kleine grobe Szene kurz hinter der Karlstraße lebte ich so und so oft noch einmal durch. Und wie wird es heute um 11 Uhr werden? Wird er brav zu Rosa und den anderen Verwandten sein? Ich hatte solche lustige, dumm-neugierige Angst. Als Rosa ausstieg, erwiderte ich in meiner Frohstimmung ihre jauchzende Ueberraschungsfreude mit einer herzlichen Umarmung. „Nein, daß du mir entgegengefahren bist!" Als sie sich bei der Abreise vor drei Tagen so heftig gegen das Frauenabteil gesträubt hatte, hätte ich nicht geglaubt, daß ihr meine Begleitung auf der Rückfahrt so erfreulich sein würde. Und dann ging das Erzählen los, Rosa schien-das tat mir leid — — nicht so befriedigt von ihrer Besuchsreise zu sein, wie ich gedacht hatte. Zum erstenmal in ihrem Leben war ihr wohl die Erkenntnis geworden, daß ein Kreis sich überraschend schnell schließt, wenn ein Stückchen herausgerissen worden ist, selbst wenn sich das Stückchen noch so wichtig erscheint. Die Roschminer hatten gar nicht mehr ununterbrochen an den Wegzug von Frau Sternheim nebst Enkelkindern gedacht und davon gesprochen. Und Erna Frank ging schon gerade so frisiert wie die Wostocker, und Erich, so ein flatterhafter Dummkopf — — hatte die Zeit, seit Rosa in Wostock weilte, benutzt, sich in Martha Wachsner zu verlieben. Und Wachsners Mädchen hatten sich sogar Kostüme aus Berlin schicken lassen; Rosel hatte sich nicht zu beklagen, Franks waren sehr nett und herzlich zu ihr gewesen, aber sie hatten denselben Fehler gemacht wie alle Roschminer: sie hatten nicht Kopf gestanden vor Staunen über den weltstädtischen Besuch. „Wärst du gern länger geblieben?" fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf: „Nein, es war genug," sagte sie fast ein wenig kleinlaut. Im Coupe stieg ihre gute Lärme wieder. Ein schwarzhaariger Herr, der nicht gerade zurückhaltend im Wesen war, hatte auf dem Coupeköfferchen, das sich Rosa geborgt hatte, Vaters Adresse entdeckt. Seit der Zeit war er nur immer zudringlicher und nannte mich nun: „Frau Geheimrat". Ich durfte Rosa den Spaß nicht verderben, sie stieß und trat mich jedesmal beschwörend aus den Fuß, und bettelte mich mit ihren Schalkaugen innig an, wenn sie mich „Mutter" oder „Mamachen" anrodete. „Man mecht gar nicht glauben, daß die Damen Mutter und Tochter sind," meinte der Herr. „Ja, ich sehe mehr meinem Vater, dem Herrn Geheimrat, ähnlich," meinte Rosa würdevoll und wußte gar nicht, warum ich sie tadelnd auf den Fuß trat. Ein paar Soldaten, leidvoll zerschossen und notdürftig verheilt, stiegen ein. Der ganze Jammer des Krieges faßte mich N'ieder an, als ich die beiden baumstarken Kerle, der eine jetzt sehr entstellt, schmucklos und einfach von ihren Verwundungen erzählen hörte. Sie kamen aus dem Lazarett und hatten Heimatsurlaub. „Die Frau wird gucken, wenn ich komme. Ich habe ihr ein Bild geschickt, eins mit noch drei Kameraden drauf, aber sie hat mich nicht erkannt. Das kommt von die Nase." Seine Nase hatte keine normale Form mehr. Die Soldaten darf man ja anreden; denen darf man Schokolade und Zigaretten anbieten, ohne die ich gar nicht auf Reisen gehe seit dem Kriege. Einer, ein Urlauber, sonst Schlachter —'man sieht ihm sein Zivilverhältnis mehr an als seine militärische Würde —, packt einen winzigen Karton aus, in den mehrere kreisrunde Löcher geschnitten sind. Zwei wohlig zusammengekauerte Kätzchen dehnen sich aus der Holzwolle, in der sie sorglich gebettet lagen. Alle Soldaten sehen lächelnd auf die Tierchen, deren Bewegungen der Schlachter — Unteroffizier — mit wahrhaft väterlichem Blick verfolgt. „Die bringe ich der Frau mit, ich habe sie im französischen Schützengraben aufgezogen. Die Mutter davon ist weggeschossen." Er läßt die Tierchen nicht aus dem Auge. Jetzt öffnet er eine leere Schuhcremebüchse, füllt aus einer Feldflasche Milch hinein und beobachtet mit tiefer Befriedigung den starken Appetit der beiden. Alle Komplimente hört er mit väterlichem Stolz an. „Ja, sie haben mir wollen schon 10 Mark for eine geben — aber nicht rühran! — ich Hab' de Arbeit jehabt, und leicht war eS nich, se drei Wochen aufzuziehen und ufs de janze Fahrt mitzuschleppen, und nu verkaufen? Nee! Meine Frau, die wird sich freuen. Was meinen Sie, wie die Viecher an mir hängen, die könnten sich ja gar nich mehr fortjewöhnen von mir." Ich weiß nicht, ob gerade zum Beweis dafür das weiße Kätzchen jetzt an dem Fremden, dem mit der zerschossenen Nase, emporkriecht. Aber als es sich wohlig zum Schlafen in dessen Arm einschmiegt, rührt auch der sich nicht mehr; er hat seine Augen, „vor denen er jetzt Tag und Nacht so'ne feurige Ringe sieht", lächelnd auf das schlafende Tierchen gerichtet und hält den gekrümmten Arm unbequem steif. Und alle im Coupe beobachten die Kätzchen; in all die jungen und älteren Kriegergesichter, in die das schwere Erleben tiefe Furchen gegraben hat, tritt derselbe kindlich lächelnde freundliche Ausdruck. „Wir Barbaren!" sage ich Rosa ins Ohr. Ach ja, die Juden sind Feiglinge, und die Deutschen sind Barbaren. Wann hören die bösen Märchen auf? „Tante Trude" — Rosa vergißt den schwarzlockigen Reisegenossen, den ich, Gott sei Dank, auch vergessen habe, und den sie doch „anulken" wollte. „Anulken" spielt eine große Rolle in ihrem Lexikon. „Tante Trude, sieh doch nur, Paula ist aus dem Bahnsteig", sie klopft vor Freude ausgelassen ans Fenster, „Paula und Dr. Westphal". „So?" sage ich ungläubig und dränge meinen Kopf neben den ihren. Meine Stimme klingt so ruhig. Keiner merkt wohl, wieviel aufgeregter ich bin als dieses unruhige Ding. „Ist nicht irgendwo Benno?" Gott sei Dank, Tante ist nicht da, denke ich ausatmend. Und dann lasse ich mich von dem kleinen stürmenden Wildfang hinausziehen. So sieht ja keiner, wie sehr mein Herz selber vorwärts stürmt. Uns passiert das Malheur, den Herrn Schaffner auf den Fuß zu treten. „Pardon" sage ich, mich erschreckt umwendend. Und der preußische Staatsbeamte grimmig: „Es heißt nicht „pardonk", es heißt „auf Wiedersehn". Ich lache ihm hell ins Gesicht. Ja, ja, Reinhaltung der deutschen Sprache. So dient halt jeder dem Deutschtum auf seine Weisel (Fortsetzung folgt.)