Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 82:'! „Nun?" forscht er nichts ahnend. «Familienärger hatte ich, Günther. Ich komme aus der Karlstraße." Er lacht auf. «Ja, ohne den können Sie ja doch nicht leben," höhnt er. „Der Weg ist Ihnen ja nie zu weit, ihn sich zu holen. Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen." „Spotten Sie nicht, Günther! Sehen Sie, Eltern habe ich nicht mehr. Wenn ich bei Tante bin, habe ich immer das Gefühl, als sei mein Vater nicht weit." »Ja, -sehen Sie, das begreife ich nun am wenigsten," sagt er und bleibt stehen, wie um seinen Worten Nachdruck zu geben. „Ich kann mir keinen größeren Gegensatz denken als den seligen Herrn Geheimrat und Ihre Tante mit ihrer sonderbaren Sprechweise. Ihr Vater war so durchaus — so durchaus" — - „Arisch," falle ich lächelnd ein. „Jawohl," bekräftigt er beinahe trotzig. „Arisch — aristokratisch war seine Art. Und Ihre Tante" — „Ist eine alte einfache Judenfrau aus Roschmin," vollende ich. „Das -stört mich nicht weiter. Sie ist doch Vaters Schwester, das einzige, was mir von der Generation blieb. Wenn Ihre Eltern hier wohnten, würden Sie auch täglich hingehen." „Nein, ganz gewiß nicht," sagt er harmlos, unverhohlen, „dazu hätte ich gar keine Zeit. Meiner alten Dame ist es übrigens ein paar Tage nicht gut gegangen." Ich bleibe erschreckt stehen. „Doch nichts Ernsthaftes?" frage ich. Er zuckt die Achseln. „Bei Mutter kann nrart nie wissen. Das ist nämlich — denken Sie mal — Mutters Geschwister sind alle an Herzschlag gestorben, fallen einfach -um, und weg sind sie. Mutter ist die einzige, von der ganzen Familie, die die 50 überschritten hat. Sie hätte es selber nicht gedacht, und wir anderen auch nicht, daß sie mal so alt würde. Aber ich bin fest überzeugt, eines Tages geht es ihr genau so wie den anderen." Er erzählt mir das mit heiterer Miene und frischem Ton, wie angeregt, als beschreibe er mir da ein Kuriosum. „Eigentlich ist es ja eine Bevorzugung, so zu sterben," sage ich leise, kleinlaut. Ich denke an Vaters qualvoll langes Siechtum. „Selbstverständlich," sagt er. „Aber ich würde an Ihrer Stelle doch öfter einmal hinfahren." „Ach nein. Wieso auf einmal?« So mitten in der Zeit!" „Ich meine nur, damit Sie sich nachher keine Vorwürfe zu machen brauchen. Damit Sie sie, wenn Sie doch glauben, sie mal so plötzlich zu verlieren, kurz vorher noch einmal gesehen haben." Ich habe immer stockender, immer unsicherer gesprochen. Es ist nicht leicht, einem Sohn von solchen Möglichkeiten zu reden. Aber seine Stimme bleibt harmlos heiter und ungerührt: „Ja, du lieber Gott, da könnte ich alle vier Wochen die Reise »rachen. Das geht ja doch nicht. Uebrigens, heute abendkomme ich zu Ihnen. Gestern abend hatte ich nichts von meinem Besuch." Mir fällt mein Tante gegebenes Versprechen ein. „Günther, ich muß um 6 Uhr nach Rosenberg fahren, ich habe es meiner Tante versprochen. Sie ängstigt sich um ihre jüngste Enkelin, die ich dort abholen soll." Er stößt mit dem Fuß aus die Erde. „Es ist fabelhaft, wie die Gesellschaft Sie ausnutzt -und wozu sie Sie alles anstellt." „Günther, das verbitte ich mir." „Ach was, gestern schicken sie Ihnen da ihren Roschminer Anhang aus den Hals (Gott sei Lob und Dank, er ahnt nicht den wahren Sachverhalt); heute dürfen -Sie das Fräulein Prinzessin abholen. Ja, -was fällt denn denen eigentlich ein, Sic zu ihrem Eerberus zu machen? Wenn ich nur Zeit hätte, ich führe mit und sagte es der Gans." „Günther!" sage ich streng. Er hört gar nicht hin. „Aber wenigstens hier auf dem Bahnhof soll sie es zu hören bekommen. Wann kommt der Zug? %\l% Wenn die Tante dabei wäre oder sonst ein ehrenwertes Mitglied der Familie, desto besser." Ich müßte doch wütend sein über seine Frechheit, aber mein Herz jubelt vor innerem Entzücken. Laut sage -ich ernst und nachdrücklich: „Günther, wenn Sie zu meinen Verwandten ein Wort sagen, sind wir geschiedene Leute." Er lacht wie in leiser Verlegenheit auf. Und dann: „Gut! schweigen wir!" und dann verächtlich: „Ich werde überhaupt kein Wort mit denen reden, wenn ich Sie von der Bahn abhole." Und ich bittend: „Günther, Sie holen mich auch nicht von der Bahn!" Und er ganz verblüfft: „Warum nicht? Das habe ich doch sonst gedurft, wenn Sie von Ihren Einkäufen aus Rosenberg zurückkamen?" Ich fühle, daß ich rot und immer röter werde, während er mein Gesicht scharf, mißtrauisch beobachtet. Fällt mir denn -gar keine Ausrede ein? Nein, die Wahrheit muß heraus, so sehr sie mich beschämt. „Meine Tante würde sich -darüber aufregen, sie hat so ihre eigenen Ansichten. Gott, so eine alte Frau" — In meiner Scham und Angst rede ich verlegen immer weiter, und als ich aufzusehen wage, erschrecke ich doch über sein maßlos mürrisches Gesicht. „Kreuzdonnerwetter nochmal!" Das ist der Proletensohtt, der da grob und ungehobelt seinen Zorn ausläßt. Er stampft so fest mit dem Fuß auf, daß ich mich erschreckt umsehe. „Adieu, ich biege hier ab." „Sie können doch ebensogut die nächste Straße gehen," sage ich leise und lasse meine Hand, wie um ihn zu halten, ein wenig länger in der seinen. „Nee, nee, nee," sagt er unartig, „ich habe Angst, die Tante sieht uns." Jetzt lache ich auf. „Günther, seien Sie doch nicht so häßlich!" Ich bin ganz ratlos. Soll ich ihn so gehen lassen? „Und wenn Sie mich dann heute abend durchaus abholen wollen," sage -ich zögernd. Und er grob: „Na, selbstredend komme ich an die Bahn," und dann leise und zaghaft: „Und wenn es nur wäre, um die Tante zu ärgern." Da ist er fort, der liebe -Grobsack. In mir lacht und jubelt es. Er kommt, er kommt zur Bahn! Was morgen ist, was die Tante sagen wird-egal, egal. Die Bahnfahrt, und die zwei Stunden einsamer Wartezeit in Rosenberg liegen -dazwischen, — ich denke natürlich nicht daran, dort jemand zu besuchen,-aber heute um ^11 Uhr sehe ich ihn wieder. Ich bin so neugierig, wie er -sich benehmen wird, der Bär, der mühsam gezähmte. * Ich gehe -heute nicht nach -der Karlstraße. Wozu denn eigentlich? Wenn es Tante nicht gut gehen sollte, wird schon eins von den Mädchen angestürmt kommen und mich holen. Mich holen sie ja überall, wo es jemand schlecht geht.