Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229313--73237-3285707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
322 - ist, zu willfahrcli. Ich trage Euch daher auf, dafür zu sorgen, daß hierunter das Mögliche geschehe. — Ich bin Euer wohlafsectionicrter König Friedrich Wilhelm. Eharlotleuburg, Ilten July 1803. Diese Kabiuettsorder leitete mm die Angelegenheit zugunsten des Bittstellers, denn an die kurmärkische Kammer erging am folgenden Tage die Verfügung, daß keine Bedenken bestünden, dem Fliege, da er einmal in Berlin ausgelernt habe, den Lehrbrief auszusertigen unter der Bedingung, daß er sein Unterkommen in Südpreußen, oder R)o es sonst zulässig, suchen müsse, jedoch keinessalls in Berlin bleiben dürfe. Gleichzeitig sollte die Frage bezüglich jüdischer Lehrlinge aus den neuen Provinzen überhaupt geregelt werden. Auch der Magistrat erhielt von der Sachlage Kenntnis mit dein Anstrage, sich darüber eingehend zu äußern, und nach längeren Beratungen stimmt er zu, daß jüdische Lehrlinge die Lehrzeit in Berlin verbringen dürfen, falls sich ein Meister bereit findet, genannte Burschen in einem Gewerbe auszubilden. Es folgen hier nun die sattsam bekannten Befürchtungen, die jungen Leute könnten nebenbei allerhand Welcher und unerlaubten Handel treiben. Es ist auch hier wieder die alte, in der ganzen Geschichte des deutschen Mittelalters sich stets wiederholende Sache: zuerst schloß man die Juden von allen Gewerben, vom Handel, Ackerbau und Grundbesitz aus, so daß ihnen nur der Althandel und das Geldverleihgeschäst übrigblieben, und sodann beschuldigte und verfolgte man sie ob dieser Geschäfte. Der Magistrat machte dann beim Einschreiben in die Lehre die unablässige Bedingung, daß der Au-senthalt in Berlin als Geselle unter keinen Umstünden gestattet wird. Die königliche Entscheidung erging dann unter dem 28. Dezember 1893 in diesem Sinne. Während aller dieser Verhandlungen war indessen immer noch nicht die Aufnahme des Fliege als Geselle erfolgt, die doch die Kabiuettsorder vom 11. Juli 1803 angeordnet hatte. Darauf erging vom Generaldirektorimn am 6. April 1804 auf Veranlassung des Königs der strenge Befehl, der Order sofort nachzukommen und auch die Gründe, weshalb solches noch nicht geschahen, anzuzeigen. Am 26. Juni berichtete dann der Magistrat, daß der Fliege an demkelben Tage bei dem Zeugschmiedegewerke los- und zum Gesellen gesprochen und diese Angelegenheit lediglich nur durch die Krankheit des Gewerkasiessors Weitzel verzögert worden sei. (?) König Friedrich Wilhelm 111. hat auch in dieser Angelegenheit gezeigt, so bemerkt Oskar Suder am Schlüsse seiner interessanten Mitreilungen, daß nicht vergebens an des Königs Herz ein Hilferuf gerichtet wurde. Wo es nur irgend möglich war, suchte er die Sache des Bittstellers zum Besten zu wenden. 8. Feisl. * Audienz beim Papst. In Friedrich Hosss „Künstlerleben" (1901) ist, wie mir eine freundliche Leserin dieses Blattes nntteilt, folgendes zu lesen: „Dann erzählte mein Vater (der Kupferstecher Nikolaus Hoff) sehr gern von der Audienz, die er einst mit anderen Kunstgenossen bei Papst Pius VII. etwa 1824 hatte. Alle Konfessionen waren bei dieser Audienz vertreten, sogar ein Jude Moritz Oppenheim, der bekannte Maler, insbesondere jüdischer Familienszenen (geboren 1801, gestorben 1882), fehlte nicht. Der ehrwürdige Greis habe sie mit packender Herzensgüte empfangen, ihnen die Hand gereicht, jeden nach seinem Glauben gefragt, sich teilnehmend nach ihrem Leben erkundigt und schließlich gesagt: „So verschieden auch unsere Wege sind, streben nur doch alle nach dem einen hohen Ziele, dem hinunlischen Jerusalem." Es lohnt sich wohl, ein derartiges Zeugnis der Vergessenheit zu entziehen. k. 0. * Richard Wagner über feine Broschüre „Das Judentum in der Musik". Im Jahre 1850 hatte Richard Wagner seine Broschüre „Das Judentum in der Musik", die besonders gegen Meyerbeer und Mendelssohn-Bartholdy mit kräftigen Waffen vorging, veröffentlicht. Er hat sich selbst über diese Arbeit, die 1869 mit verschärfenden Zusätzen noch einmal herauskam, ausführlich ausgesprochen; neuere Veröffentlichungen haben manches darüber hinzugefügt. Trotzdem greift man begierig nach jeder neuen Kundgebung Wagners, um die Motive kennenzulernen, von denen er geleitet war, und über die Wirkungen etwas Näheres zu erfahren, die diese S,christ ansübte. Dies war einer der Gründe, der mich auf eine neue Publikation^) begierig macht. Doch gestehe ich, daß es mich ebenso reizte, das Verhältnis dieser beiden Männer genau keunenzulerneu, das jäh endete dadurch, daß Wagner dem. Intimen dessen Frau Eosima abspenstig machte. Dieser Wunsch fand nur teilweise seine Befriedigung, denn Wagners Brief vom 30. September 1869, in welchem er von dem Freunde die Frau forderte, wird nur in der Einleitung angedeutet und ein kleines Stück daraus wird mitgeteilt. Sonst enthält die neue Briessammlung unendlich viel über Wagners Stimmungen, Kompositionen, äußerst viel Geschäftliches, sehr viel Unbedeutendes neben manchem Bedeutenden. Gar manche Aufschlüsse über seine Lebensnöte. Die Freundschaft mit Mathilde Wesendonk und Franz Liszt, seine Beziehungen zu deur König von Bayern, außerordentlich viel Banales über seine finanziellen Leiden. Bon allen diesen Dingen, so interessant sie für den Musiker, aber auch für den Kulturhistoriker im allgemeinen sind, kann hier nicht ausführlich gesprochen werden. An dieser Stelle soll nur kurz darauf hingewiesen sein, daß gelegentlich in dieser neuen Briefsammlung auch von Juden oder wenigstens geborenen Juden die Rede ist: Von Joachim, S. 37 und 52, von Marx, dem B^.liner Musikkritiker, S. 73; bisweilen fommen auch jüdisch klingende Neunen von Kausleuten wie Stern und Goldstein vor. „Jüdisch-Indifferentes" heißt es einmal S. 63; ein anderes Mal erschallt die Mahnung an Bülow, sich von seinem „Juden" 'freizumachen. Der eigentliche Grund indessen, aus dem ich die neue Erscheinung hier erwähne, sind zwei Stellen über das „Judentum in der Musik". Irl dem Briefe vom 27. September 1868 heißt es, nachdem Wagner derrr Freunde für die Zusendung der Hanslickschen Broschüre gedankt hat (S. 270): „Ich beabsichtige, das „Judentum in der Musik" neu zu redigieren, die Form wird etrva folgende sein. Ein Brief an Madarne Moukhanosf (Kalergis), welche so verwundert srug, woher nur die unablässigerr Feindseligkeiten der Presse usiv. gerade gegen mich kamen? Diese Verwunderung, welche auch bei manchen unschuldigen Berichterstattern über mich zuzeiten mit unterlief, soll nicht mehr bestehen können. Als erste Antwort gebe ich einen int Stil etwas gereinigten Ausdruck des 18 Jahre alten Artikels." Tie zweite Stelle ist vom 6. April 1869 (S. 276). Sie lautet: „Von P. erhielt ich einen Brief über das „Judentum", der mrf mich den Eindruck eines gebratenen Apfels machte. Pauline Biardot hat mir dagegen — trotzdem sie nicht Israelitin sei — eisrigst gekündigt. Aus Wien habe ich von einem Dr. Lentner einen ganz vortrefflichen Brief erhalten. Er hatte das „Contemplative" in meiner Darstellung erkannt." Ueber die hier erwähnten Persönlichkeiten ist folgendes zu sagen: P. ist wohl der bekannte Musikkritiker und eifrige Wagnerianer Pohl, Frau Biardot die berühmte in Paris lebende Sängerin, Lentner ist vielleicht ein Sohn des 1862 verstorbenen bayerischen Dichters, im übrigen mir unbekannt. Beide Notizen scheinen mir wichtig genug, um an dieser Stelle erwähnt zu werden. Sie geben im kleinen ein Bild der großen Erregung, die durch die Broschüre hervorgeruseu wurde. L- G. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (18. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) atte es denn wirklich etwas Verstimmendes gegeben für mich, ehe sein blühendes Gesicht, ehe feine liebe», braunen Augen, in denen der ganze junge Frühling glänzt, mir alle Grauheit des Lebens weggewischt hatten? Ach, Tante Phine, wie bist du alt! Ach, Günther, wie bist du jung! ’) Richard Wagner: „Briefe an Hans v. Bülow". Verlegt bei Enge» Tiederichs, Jena. 1910,