Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 819 — tzegett beides, und so hät die Ehrlichkeit in seiner Person wieder einen großen Sieg errungen. Die Erfolge Wäzsonhis im öffentlichen Leben reichen bis 25 Jahre zurück. Kaum 25 Jahre alt, erkämpft er sich einen Sitz im Budapester Gemeinderat. Im sechsten Bezirke entfaltet er 'die Fahne der Demokratie, die im Sturme einen Bezirk nach dem anderen erobert. Nach zehn Jahren erringt sie eine gewaltige Majorität im Gemeinderat. Wäzsonhi braucht nur die Hand nach dem kurulischen Stuhle des Bürgermeisters der Hauptstadt Ungarns auszustrecken, er bleibt jedoch bescheiden der Führer der Majorität. Sein Wort, sein gewichtiges Urteil füllt bei jeder wichtigen Angelegenheit schwer in die Wagschale. Im Jahre 1901 wählt ihn der VI. Bezirk in Budapest, in dem er seine öffentliche Wirksamkeit begonnen, zum Abgeordneten. Er interveniert beim großen Eisenbahnerstreik unter dem ersten Ministerium Tisza und erreicht eine solche Popularität bei den Eisenbahnern, daß er bei den nächsten Wahlen den Eisenbahnminister Hieronymi besiegt. Seitdem wählt ihn die Theresienstadt, sein Bezirk, jedesmal ohne ernsten Gegenkandidaten zum Abgeordneten. Als Abgeordneter schließt er sich keiner Partei an, ist zuerst allein der Demokrat, dann schließen sich ihm noch zwei Gesinnungsgenossen an. Er hält es zumeist mit der Opposition, die im Kampfe gegen die Negierung seine numerisch kleine, doch rednerisch große Mithilfe gern annimmt, seine agitatorischen Erfolge einheimst, wenn sie jedoch dann, wie zur Zeit der Koalition ans Ruder gelangt, den „Mohr gehen läßt". Diesmal kam die Wählrechtsfrage auf eigene Initiative unseres jungen, aber schon energischen Herrschers auf die Tagesordnung. Die Frage der Demokratie wurde durch die Kriegscreignisse spruchreif, und da mußte der Mann, der seit 25 Jahren für die Demokratie gekämpft, mit eigener Person in die vordere Linie gewissermaßen als Bürge dafür, daß das erweiterte demokratische Wahlrecht auch durchgeführt werden wird. Diesmal konnte er nicht beiseite geschoben werden, um so weniger, da in Wien seine Konfession nicht beanstandet wurde. Nicht zuletzt verdankte Wilhelm Wäzsonhi seine Volkstümlichkeit seinem gewinnenden Wesen. In seinem Auftreten bescheiden, hat er als Advokat mit Vorliebe seinen Schutz den ärmeren Schichten angedeihen lassen, war ihr Fürsprecher und Gönner, während er anderseits einen regen Verkehr pflegte mit seinen Gesinnungsgenossen, die er mit seinem sprudelnden jüdischen Witz entzückte. Diesen jüdischen Witz, die jüdische Anekdote hat Wäzsonhi, ich möchte sagen, reichstagsfähig gemacht, und sehr oft hatte er in einer Ecke der Couloirs des Abgeordnetenhauses mehr Zuhörer als der Redner drinnen im Hause. Ebenso beliebt wie sein Witz, sein Fabulieren, machten ihn seine unermeßliche Belesenheit, seine gründlichen Kenntnisse in allen Wissensfächern, daß es fast wie ein Rätsel anmutete, woher dieser Mann die Zeit nimmt, um allen Pflichten als Abgeordneter, Stadtvertreter und Parteiführer nachzukommen, dazu eine große Advokatenkanzlei zu leiten, ausgebreiteten geselligen Verkehr zu pflegen, endlich viel zu lesen und sich fortwährend zu bilden. Wäzsonhi war ein warmer Anhänger des Judentuins, und insbesondere am Anfang seiner Laufbahn ein beherzter Streiter dafür. Auch später hat er sich vom Judentume nicht ferngehalten, ist Mitglied mancher jüdischen Körperschaft, wenngleich er im inneren jüdischen Leben weniger aktiv war. An seine Ministerschaft knüpft das ungarische Judentum die große Hoffnung, daß der echte und wahre demokratische Geist immer größere Kreise in Ungarn befruchten und den lauernden Geist des Antisemitismus bannen wird. Man merkt es an vielen Zeichen, daß diese Hydra wieder ihr Haupt erhebt und so manche ungünstigen Folgeerscheinungen des Krieges auf das Konto der Juden schreiben will. Ein Sieg der demokratischen Idee und ein Wiedererwachen des Antisemitismus wären der krasseste Widerspruch. Die Ministerschaft des Juden Wilhelm Wäzsonhi muß deshalb als Wahrzeichen anerkannt werden, daß dem Antisemitismus in Ungarn nach dem Kriege auch kein Erfolg winken wird. Bringe die Zukunft was immer, daS ungarische Judentum blickt mit Stolz und festem Vertrauen auf seinen Sohn, den Minister W i l h e l m Wäzsonhi, der mit weit gestecktem Ziele an seine Lebensarbeit, an sein Jugendideal herantritt, die allgemein-menschliche Heilsidee der Demokratie in Wahrheit umzusetzen. Gewiß wird das Gelingen dieses Strebens nicht nur des Meisters Ruhm erhöhen, sondern auch dem Judentume, dem uralten Kämpfer der Demokratie, zum Nutzen und zur Ehre gereichen. Die Sriesshilksalrtion der Uraelitilchen UHisn??u Wien. Wien, 26. Juni 1917. er an die gestrige G e n e r a l v e r s a m m l u n g d er I s r n e - litis ch e n Alli n 115 5 u W i e n erstattete und au die Mitglieder des Vereins versandte Jahresbericht beginnt mit einer Erinnerung an das größte und schmerzlichste Ereignis, welches die Inden in Oesterreich im verflossenen Jahre erlebt: das Hinscheiden des Kaisers Franz Josef. Es wird darauf hingewiesen, daß erst durch die gerechte, humane und segensreiche Regierung dieses Herrschers und die große Wandlung, welche sie in der bürgerlichen Stellung unserer Glaubensgenossen in der Monarchie hervorgerufen habe, die Vorbedingung für die Begründung der Israelitischen Allianz in Wien geschaffen wurde. Als zweites weltgeschichtliches Ereignis, das von unermeßlicher Tragiveite für die jüdische Religionsgemeinschaft in der ganzen Welt erscheint und neue Perspektiven für die gemeinsameu jüdischen Hilfsbestrebungen eröffnet, wird der Sturz des Zarentums in Rußland hervorgehoben. Es wird das Edikt der provisorischen Regierung in Rußland vom März dieses Jahres über die Befreiung der bedrückten Konfessionen und Nationalitäten angeführt inti> mit Genugtuung konstatiert, daß durch dasselbe der unglückselige Allsiedlungsrayon aufgehoben, die volle Freizügigkeit der Inden im russischen Reiche gewährleistet und eine uneingeschränkte Zulassung derselben 51t allen zivilen und militärischen öffentlichen Aemtern und staatlichen Würden ausgesprochen wird. Der nun folgende Tätigkeitsbericht für das verflossene Jahr darf wohl, was den Umfang der gewährten Hilfe und die zur Verwendung gelangten Mittel betrifft, als der seit der Begründung des Vereins weitaus bedeutsanlste bezeichnet werden, wobei allerdings die Hilfsaktion im wesentlichen durch die a m e r i> k a n i s ch e n Geld e r ermöglicht wurde. Die Not der jüdischen Bevölkerung in ben östlichen Kriegsgebieten hatte nach den Ereignissen des Sommers 1916 ungeahnte Dimensionen angenommen. Nene Flüchtlings ln a s s e n aus Ostgalizien und der Bukowina strömten nach den westlichen Kronlündern. Sie befanden sich in einem noch elenderen Zustande als die bei Beginn des Krieges von den bedrohten Ortschaften Galiziens geflüchteten Personen. Tie von Tag zu Tag sich verschärfende Lebensmittelnot brachte trotz der Erhöhung der staatlichen Unterstützung viele Tausende von Familien in die Gefahr zu verhungern, und der strenge Winter vermehrte das Elend. Glücklicherweise nahmen die amerikanischen Sammlungen einen mit der Entwicklung der Not einigermaßen schritthaltenden Aufschwung. Während die Gelder aus Amerika in den ersten beiden Kriegsjahren zusammen nur zirka zwei Millionen Kronen ansgemacht hatten, erhielt die Allianz im Jahre 1916 vom „Joint Distribution Commitee" in New Uork zugunsten der Flüchtlinge und für die notleidenden Juden in Galizien selbst wie in dem von den österreichisch-ungarischen Truppen okkupierten Gebiete zusammen 8 2 0 0 6 6 0 Kronen. Der Verein konnte dadurch in den zivöls Monaten seit dem vorjährigen Berichte, von Mai 1916 bis Mai 1917, allein über 6 5 0 0 0 6 0 Kronen zur Verteilung bringen, während die fortlaufenden Ausgaben nach den durch das Ausbleiben weiterer amerikanischer Zuwendungen notwendig gewordenen Einschränkungen -noch immer nahezu e i n e halbe Ai i: l l i 0 n K r 0 n e n monatlich erfordern.