Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229313--73233-3285703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 großes Interesse an der Politik; sein Lehrer war der große Liberale Becchioni, von dem er pietätvoll viele Briese und Schreiben ausbewahrte. 1908 wurde er in das Gemeindekollegium gewählt. Von 1911 bis 1915 .war er Mitglied des Verwaltungsausschusses, daun des Finanzausschusses und einer Reihe anderer Ausschüsse. Viele Jahre war er Mitglied des Landrats von Oberbayern; Dr.v. Brunner, der Präsident des Landrats, hat seine Verdienste in einem warmen Beileidsschreiben hervorgehoben. Auch der Regierungslpräsident war der Anerkennung voll und betrauerte in dem Verstorbenen das Hinscheiden eines besonders kenntnisreichen und pflichttreuen Mqnnes. Er war and) als Vorstand des Wohlfahrtsausschusses seines Stadtbezirkes eifrig bis zuletzt tätig und erhielt die rührendsten Dankesbriefe der Frauen und ihrer Männer aus dem Felde. Ullmann verheiratete sich 1910 und hinterläßt eine trauernde Gattin mit zwei unmündigen Kindern. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung, wie sie München selten gesehen hat; die Reden mußten im Freien gehalten werden, da die Halle die Fülle der Anwesenven nicht fassen konnte. Er war ein treuer Jude, dessen Treue Rabbiner Werner in seiner Grabrede würdigte, indem er von ihm sagte, daß der Verstorbene „trotz der vielen Arbeiten, trotz seiner öffentlichen großen Tätigkeit niemals zurückstand, um für seinen Glauben und die Lehre des Judentums einzutreten". Auf die Rede des Rabbiners folgten ehrenvolle Nachrufe des Kommerzienrates Woerz der liberalen Münchener Parteiorganisation, deren Mitglied Ullmann 25 Jahre und in deren Vorstand er 13 Jahre, 10 Jahre davon als Schriftführer und Parteisekretär, tätig war, des Tr. Müller im Namen des Liberalen Vereins „Frei München", bei welchem Ullmann das Amt des ersten Schriftführers bekleidete. In gleicher Weise wurde der Verstorbene im Namen der Fortschrittlichen Volkspartei und mancher anderen liberalen Vereine gefeiert. Seine rühmliche Tätigkeit als Vorsitzender des Wohlfahrtsausschusses im vierten Stadtbezirk wurde mit ganz besonderer Wärme hervorgehoben. Ein hervorragender Kämpfer für die liberale Sache, ein mannigfach tätiger Mann, ein würdiger'Großkaufmann und ein trefflicher Mensch ist mit Karl Ullmann dahingegangen. Ehre seinem Andenken. L. G. Wilhelm Wästonvi königlich ungarischer I u st i z m i n i st e r. j Reformen auch die Rezeption der jüdischen Religion nnsge- I nommen und machte ernst, sie auch durchzuführen. Die Juden wollten nicht Zuschauer bleiben in diesem Kampfe um ihr Recht, sondern die liberale Strömung tatkräftig fördern und unterstützen. Eine jüdische Monstervcrsammlung sollte diesem Bestreben Ausdruck verleihen. Sie wurde im Repräsentantensaal der Pester Jüdischen Gemeinde einberufen. Neben den bekannten „alten" Führern gab es eine Menge „junger", die mit jugendlichem Feuer für die freiheitlichen Bestrebungen eintraten. Besonders ein junger Redner ging den alten Politikern und Führern scharf an den Leib, riß mit seinen begeisterten Worten die ganze Versammlung hin und erntete selbst bei den bedächtigen „Alten" großen Beifall. Dieser Redner war Dr. Wilhelm W a z s o n h i (so nannte sich jetzt Weißfeld). Diese zwei Ereignisse kamen mir in Erinnerung, als ich die Ernennung Wilhelm Wözsonyis zum ungarischen Justizminister las. Der Führer der Universitätsjugend vor 28 Jahren, der Führer des jungen Judentums vor 24 Jahren hat weder der Protektion noch dem Glücke sein Ministerportefeuille zu verdanken, sondern seiner unermüdlichen Tätigkeit, seiner Begabung, seinen Fähigkeiten und seinem unwandelbaren Charakter. Diese Eigenschaften haben ihn zur höchsten Würde erhoben, die bisher ein Jude in Ungarn erklommen hat, zur Würde eines Ministers. Die ganze Vergangenheit Wazsonyis bürgt dafür, daß er bleiben wird, was er bisher war, ein begeisterter Anhänger des Judentums, ein echter Kämpfer und Streiter der Demokratie, denn Demokratie und Judentum waren die beiden Brennpunkte seiner bisherigen politischen Tätigkeit. Als Journalist begann er sein öffentliches Wirken, und wie er im „Egyenlösäg" für jüdische Probleme eintrat, so in den politischen Tageblättern für die Ziele der Demokratie. Scharfer juristischer Verstand, umfangreiche Bildung und Belesenheit, Geist und Humor, guter Stil kennzeichnen seine Artikel und machen ihn zum tüchtigen Journalisten. Diese journalistische Tätigkeit war die ersteOnelle seinerschnell wachsenden Volkstümlichkeit, die er als tüchtiger Verteidiger und Advokat bald noch steigerte. In schwierigsten Kriminalfällen trat er als Verteidiger auf. Eine große Schar von Laien und Juristen trug seinen Ruhm aus dem Gerichtssaale in die Welt hinaus. Man las seine Verteidigungsreden mit demselben Genüsse wie seine Artikel, denn sie waren nie trocken, sondern immer geistreich, gehaltvoll, klassisch aufgebaut und auf juristisches Wissen gegründet. Er ist ein wirksamer Redner, der auch den Gegner zur Anerkennung zwingt. R. Ullmann, 1869—1907. Bon Professor G. T ch w n r z (Agram). ' or etwa 28 Jahren am 15. März, am Tage, den die ungarische Universitätsjugend als Gedenktag der ungarij schen Freiheit (15. März 1848) alljährlich festlich begeht, indem j sie zum Denkmal des ungarischen Freiheitsdichters pilgert und; dort in patriotischen Reden die Bedeutung des Tages würdigt, > hielt ein schwächlicher magerer Jüngling die Festrede. Welcher! Kontrast zwischen der kleinen unansehnlichen Gestalt des Red-! ners und seiner weithin vernehmbaren, schwungvollen, von j jugendlicher Begeisterung und glühendem Patriotismus ge-; tragenen, das ewige Ideal der Völkerfreiheit verkündenden! feurigen Rede, die im Herzen aller Zuhörer ein tiefes Echo! erweckte. Der jugendliche Redner von damals war der stuck, zur. Wilhelm Weißfeld. Etwa vier Jahre später im Jahre 1893. Die Wogen der kirchenpolitischen Bewegung gingen hoch in Ungarn. Das liberale Kabinett Wekerle hatte unter seine kirchenpolitische I Diese Eigenschaft befähigte ihn zum Agitator. Wer Wort und Schrift so meistern, den Leser und Zuhörer so in seine Gewalt bekommen kann, ist der geborene Agitator; besitzt er dazu einen geraden Charakter, ist er uneigennützig und selbstlos, so muß er Großes schaffen. So hat Wäzsonyi in 20jähriger rastloser agitatorischer Arbeit die Demokratenpartei in Ungarn geschaffen. Daß er sie auch zu Ansehen gebracht, zu einem politischen Faktor erhoben hat, ersieht man daraus, daß dieser Partei, die im Parlamente nur drei Köpfe zählte (alle drei sind Juden), ein Ministersitz zuerkannt wurde, und wer anders konnte diesen Sitz erreichen als derjenige, der Kopf und Seele der Partei war, ihr Schöpfer und Mehrer, Wnzsonyi. Trotz seiner Jugend war er schon oft nahe daran, Exzellenz zu werden, wäre er nicht so ehrlich in seinen Anschauungen und treu seinen Prinzipien geblieben; und hätte er das größte Hindernis, sein jüdisches Glaubensbekenntnis, hinweggeräumt. Sein gerader Charakter sträubte sich