Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
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317 weitestgehendem Maße berücksichtigt werden. Denn durch die obligatorische Teilnahme aller jüdischen Schüler dieser Lehranstalten am hebräischen Unterricht würde nicht nur der jüdische Religionsunterricht eine erfreuliche Ergänzung und Bereicherung erhalten, sondern auch für die Kenntnis der hebräischen Sprache unter den Juden der Gegenwart würde damit zweifellos eine neue Epoche angebahnt werden, was doch von den Juden aller Parteien, von den Liberalen ebenso wie von den Konservativen und den Zionisten, nur freudig begrüßt werden könnte. . Es sei mir gestattet, dies in folgendem kurz zu begründen. In vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands ist es leider heute eine Tatsache, daß eine nicht geringe Anzahl (in den großen Städten sogar eine beträchtliche Anzahl) jüdischer Kinder ohne jede Kenntnis der hebräischen Sprache heranwächst! manche von diesen lernen überhaupt niemals in ihrem Leben Hebräisch lesen, da die Eltern sie nicht mehr konfirmieren lassen! in einer großen Zahl von Fällen glauben die Eltern genug getan zu haben, wenn sie ihren Kindern ungefähr zwei Monate vor der Barmizwohfeier durch einen jüdischen Lehrer soviel Hebräisch beibringen lassen, daß sie notdürftig lesen und die Segenssprüche vor und nach der Thoravorlefung aufsagen können. Daß durch diese Lage der Dinge der jüdischen Religion, die doch mit der hebräischen Sprache, der Sprache ihrer Gebete und fast ihres ganzen Schrifttums, eng verknüpft ist, ein schwerer Schaden und eine nicht geringe Gefährdung erwächst, liegt auf der Hand, zumal sich die geschilderten Zustände von Jahr zu Jahr verschlimmern, denn alle jene jüdischen Kinder haben naturgemäß wenig Interesse für einen Gottesdienst, dessen Sprache sie nicht verstehen, und es ist auch nicht verwunderlich, wenn sie zum Teil dem Judentum völlig verlorengehen. Dieser arge Uebelstand könnte nun zum mindesten sehr abgeschwächt werden, wenn in dem jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen nach dem Vorschläge des Herrn Dr. Adler allgemein auch die hebräische Sprache gelehrt würde, wie dies ja auch jetzt schon vereinzelt in manchen Städten, z. B. in Düsseldorf, der Fall ist. Denn wenn auch der jüdische Religionsunterricht noch nicht gesetzlich als obligatorisches Lehrfach an den höheren Schulen Preußens anerkannt ist, so hat doch die Entwicklung der Dinge fast überall in der Praxis von selbst dazu geführt, daß er in der Tat jetzt einen obligatorischen Charakter besitzt und daß die Schüler nur dann von ihm dispensiert werden, wenn sie einen privaten Ersatzunterricht Nachweisen können. Würde nun in diesem jüdischen Religionsunterricht der höheren Schulen, der in der Praxis fast überall obligatorischen Charakter besitzt, die Belehrung in der hebräischen Sprache mit ausgenommen, so würde dies die erfreuliche Folge haben, daß es nicht mehr dem Belieben der Kinder anheimgestellt wäre, ob sie die Sprache ihrer Religion und ihrer Väter sich aneignen wollen oder nicht, sondern daß in dieser Hinsicht ebenso wie in den jüdischen Volksschulen ein wohltätiger Zwang auf sie ausgeübt werden könnte. Daß die Liebe und das Interesse für die jüdischen Institutionen und das Judentum überhaupt dadurch in den Herzen der Schüler wieder in erhöhtem Grade erweckt und genährt werden würde, ist zweifellos, denn auch für die Gegenwart gilt noch das Hillelsche Wort: „Ein Unwissender kann nicht fromm sein." Es liegt nun der Einwand nahe, es werde ja auch ohne diese Neuerung schon jetzt den jüdischen Schülern der höheren Schulen Gelegenheit geboten, in den jüdischen Religionsschulen die hebräische Sprache zu erlernen, wenn sie dafür Interesse hätten. Doch auch hier gilt der Spruch, daß das Bessere der Feind des Guten ist; außerdem ist es leicht zu erkennen, daß der hebräische Unterricht der höheren Schüler an den jüdischen Religionsschulen meist nur einen bedingten Wert haben kann. Denn einerseits nimmt immer nur ein Teil der Schiller den Unterricht mit (was den größten Nachteil darstellt), ferner besitzt der Unterricht keinen obligatorischen Charakter, und es fehlt daher dem Lehrer die Möglichkeit, die Schüler zum regelmäßigen Besuche anzuhalten, und schließlich pflegen auch die Schüler der höchsten Klassen dem Unterricht überhaupt fernzubleiben. Alle diese Nachteile würden mit einem Schlag verschwinden, wenn der hebräische Unterricht als integrierender Bestandteil in den jüdischen Religionsunterricht der höheren Schulen Aufnahme fände; dadurch wäre nämlich sowohl die Teilnahme aller Schüler als auch der regelmäßige Besuch des Unterrichts gesichert und auch die Möglichkeit geschaffen, in den sechs bzw. nenn Unterrichtsjahren den Schülern eine umfassende und vertiefte Kenntnis der hebräischen Sprache und des hebräischen Schrifttums im Urtext zu vermitteln. Aber auch der jüdische Religionsunterricht im ganzen genommen würde durch diese Neuerung nicht beeinträchtigt werden, sondern im Gegenteil eine gewisse Bereicherung und Belebung dadurch gewinnen. Läßt es sich doch nicht verkennen, daß es manche Schwierigkeiten hat, den religiösen Geschichtsstojff der Bibel in der Weise aus drei Jahre zu verteilen, daß der Schüler in jeder Klasse ein größeres Gebiet der Bibel neu kennenlernt und die Wiederholungen des bereits Durchgenommenen auf das notwendige Maß beschränkt bleiben. Auch der Entwurf des Herrn Dr. Rosenberg, so wohldurchdacht und zweckmäßig er im ganzen ist, hat diese Fragen noch nicht restlos gelöst; so ist vor allem der biblische Geschichtsstoff für die Quarta ziemlich dürftig bemessen und reicht kaum zur Bestreitung der Stunden eines ganzen Jahres aus. Auch diese Schwierigkeit würde sehr verringert werden, wenn durch die Aufnahme der hebräischen Sprachlehre, die meines Erachtens von zwei Wochenstunden ungefähr je eine Viertelstunde für sich beanspruchen würde, der religiöse Unterrichtsstoff in sehr erwünschter Weise ergänzt und zugleich vervollkvmmt würde. Schließlich hätte dies noch den weiteren Vorteil, daß für die Schüler in vielen Fällen auch der lästige Nachmittagsunterricht wogfiele, da der Unterricht an den höheren Schulen meist am Vormittag erteilt wird. Aus diesen Erwägungen heraus scheint es mir, daß durch die allgemeine Einführung des hebräischen Unterrichts in dem jüdischen Religionsunterricht der höheren Schulen mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden könnten: der Unterricht selbst würde durch eine wichtige Erweiterung seines Lehrstoffes an Wert und Interesse noch gewinnen; alle jüdischen Kinder ohne Ausnahme würden wieder eine ausreichende Kenntnis der hebräischen Sprache, der Gebete und des jüdischen Schrifttums überhaupt erhalten, und so würde auch die neu Heranwachsende Generation, die Jugend, auf der ja die Zukunft des Judentums beruht, sich wieder mit erhöhtem Eifer und mit größerer Liebe dem Judentum zuwenden. Es könnte sich leicht auch in diesem Falle die Wahrheit des Wortes bewähren, daß Ueine Ursachen oft große Wirkungen herbeiführen können. Karl Äilmsnn in München. Geboren 1869, gestorben 26. April 1917. er Mann, dessen Bild wir an dieser Stelle veröffentlichen, gehörte zu den Führern der liberalen Partei in Bayern und zu den verdienten Männern der jüdischen Gemeinschaft. Er war 1869 in München geboren; die Familie stammte ans Feuchtwangen, war aber schon lange in München ansässig. Ullmann widmete sich, dem Beispiele seines Vaters folgend, dem kaufmännischen Berufe und brachte es in ihm zu Wohlstand und Ansehen. Aber neben seinem Berufe galt seine weit ausgebreitete Tätigkeit der Politik. Schon mit 19 Jahren 'fand er