Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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nach dem endlich eingerichteten Ministerium Venizelos auch in die Reihe unserer Feinde übergegangen. Obgleich das königstreue Militär und das Volk, das in seiner Mehrheit nichts vom Kriege wissen will, der Entente viel zu schaffen macht, hat sich die griechische Regierung entschließen müssen, ihre Beziehungen zu den Zentralmächten abzubrechen und ihre Gesandten zurückzuberufen. So ist das unglückselige Land, entgegen seinen Interessen, durch seine angeblichen Freunde, in den Krieg hineingezwungen worden, der ihm nur Verderben bringen kann. Aber die Zukunft erscheint schwer, Friedensaussichten zeigen -sich nirgends; und es gilt weiter, auf unabsehbare Zeit, zähes Aushalten, Vorbereitung auf manche Entbehrung und ruhiges Vertrauen auf die Zukunft. Es ist nicht leicht, die Hoffnung zu wahren unb der Zukunft freudig entgegenzusehen. Aber Pflicht- und gewissenlos müßte der sein, der von einer Nachgiebigkeit spräche gegen grausame, rücksichtslose, unbarmherzige Feinde, die unser Verderben wollen und ihr angemessenes Streben nach Erhöhung ihrer Macht als Kamps für die Freiheit darzustellen sich bemühen. Wir müssen allshalten und durchhalten bis zum endgültigen Siege. Ist dieser erfochten — und wir dürfen ihn getrost erwarten - , dann wird es unsere Sache sein, der äußeren Befreiung die innere Freiheit hinzuzufügen und das glorreiche Deutschland weder zu einem Weltthrannen ausarten zu lassen, noch zu einem rückschrittlichen Staatsgebilde, sondern, gerade als Juden, außer dem Erringen völliger gesetzmäßiger und Praktischer Gleichstellung mit unseren Mitbürgern hinzuarbeiten auf eine fortschrittliche innere Ausgestaltung. Denn nur durch die Freiheit werden wir imstande sein, in der Welt die Stellung zu erringen, die uns zukommt. * Die alldeutsche Partei in Deutschland, die durch ihre übertriebenen Kriegsziele und durch ihren höchst unzeitgemäßen Widerstand gegen den Reichskanzler der deutschen wie der Weltpolitik die größten Schwierigkeiten bereitet, entpuppt sich immer mehr zu einer antisemitischen. Zeugnis dafür ist ein Artikel von Georg Fritz in der „Deutschen Zeitung". Er liebäugelt mit dem Zionismus, begeistert sich für eine Autonomie der östlichen Juden, kommt aber dann zu folgenden Schlüssen: Uns Deutsche berührt die Frage, wie sich das Schicksal der fünf Millionen östlicher Juden, nach dem Kriege gestaltet, unmittelbar. Bringt ihnen die jüdische Zukunft keine erträglichere Verhältnisse, so wird der jüdische Wanderstrom von neuem in Fluß kommen und — da ihm Amerika, England. Australien verschlossen bleibt — in erster Linie uns zu überschwemmen drohen, wie heute schon Oesterreich, vor allem Wien von galizischen Juden überschwemmt wird. Welche Folgen aber eine solche Masseneinwanderung! für unsere durch den Krieg erschütterte Volkswirtschaft und vermöge der Reubelebung und ungeheuren Verstärkung des mit Kriegsmillionen augereicherten deutschen Judentums für unser völkisches Kulturleben haben würde, braucht nur berührt, um von jedem Deutschen als eine schwere Gefahr erkannt zu werden. Daher müssenwir alle Maßregeln unterstützen, die geeignet find, die wirtschaftliche und politische Lage der Ostjuden zu verbessern und ihnen das Verbleiben in ihren heutigen Wohnorten, die Ausbreitung nach Osten oder die Ansiedlung in Palästina zu erleichtern. Im Friedensvertrage wäre ihnen und den anderen! Fremdvölkern die Autonomie in Polen, in der Nkraina, Rumänien, ferner das Recht der Freizügigkeit, des Wohnsitzes und Landerwerbes auch in Rußland zu sichern. Ihre jiddische Mundart macht sie geeignet zu Vermittlern des deutschen Handels nach dem Osten. Zugleich aber müssen unsere Grenzen gegen die Einwanderung aller, und zwar auch solcher Juden verschlossen werden, die etwa vor Jahren aus Rußland nach den Vereinigten Staaten wanderten und nun von dort als amerikanische Bürger Einlaß ins Reich begehren. Das zu schaf-fon-de Einwanderungsgesetz muß klar und ohne Scheu vor fremder Empfindlichkeit das Ziel, die Verhinderung der jüdischen Einwanderung, nennen und als Merkmal nicht die Religion, sondern die Abstammung von jüdischen Vorfahren fremder Staatsangehörigkeit bezeichnen. Sollte es durch diese Maßregeln der Fürsorge und Vorsorge nicht gelingen, den ostjüdischen Wanderstromvon der Ueberflntung unseres Kultur- und Wirtschaftslebens 06^)01^11, so gibt es zur Rettung nuferer Zukunft als Kulturvolk nur einen Ausweg der Notwehr: die Neuorientierung gegenüber dem- Judentum im allgemeinen und seiner staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Wie sich der Verfasser diese Neuorientierung denkt, kann man aus folgendem Satze schließen, der die oft gehörten falschen Behauptungen, judenfeindlicher Blätter variiert: Aus der Gleichberechtigung wurde vermöge seiner Geldmacht und seiner durch keine Ehrfurcht vor Ueberlieseruug und angestammter Autorität gezügelten Geschäftigkeit und Gewandtheit sehr bald eine tatsächliche Bevorrechtung. Der ungehemmte Wettbewerb lieferte den Juden ganze Bernssstände aus. Zermürbte den gewerblichen Mittelstand, erniedrigte gelehrte Berufe znm Geschäft und machte Kunst und Literatur zur dienenden Macht ihrer Interessen. * In den Berliner „Neuen Jüdischen Monatsheften" erscheint folgende beachtenswerte Mitteilung: Nationale G l e i ch st e l l u 11 g der I u b c 11 in Ober- £ st. Bekanntlich ist durch Verfügung der russischen Negierung vom 5. April 1917 die russische Judengesetzgebung aufgehoben worden. Bereits im Spätherbst 1916 wurde gelegentlich eines Besuches der Leiter des Komitees für den Osten an den Oberbefehlshaber Ost die Bitte gerichtet, die Aufhebung auch für die der Verwaltung Ober- Ost unterstehenden Gebiete von Litauen, Kurland, Suwalki usw. auzuordnen. Es erfolgte darauf eine Einladung des Komitees durch den Chef des Generalstabes, und in dem Einladungsschreiben wurden zu gleicher Zeit die Grundsätze mitgeteilt, welche bereits seit einiger Zeit die Verwaltung bei ihrer Behandlung der Judenfrage festgelegt hatte. Diese Prinzipien, welche von großem Wohlwollen und Gerechtigkeitssinn zeugen, sind auch später mündlich den Herren des Komitees näher erläutert worden. Der Oberbefehlshaber Ost vertritt hinsichtlich der Geltung der russischen Gesetze im Berwaltungsgebiete Ober-Ost den Standpunkt, daß die verschiedenen Bölkerstämme des Befehlsbereichs von allen deutschen Behörden gleichmäßig zu behandeln sind, daß weiter jede Betätigung irgendlvelcher Bestrebungen, die geeignet sind, den völkischen Frieden unter den Landeseinwohnern zu stören, verboten ist. Außer dein Befehlsunb Verordnungsblatt werden sämtliche Nebersehungen in deutscher, lettischer, litauischer, polnischer, weißrussischer und jiddischer (in hebräischer Schrift) Sprache herausgegeben, die in kurzen Sätzen den Inhalt der für die Bevölkerung wichtigen Befehle und Verordnungen wiedergeben. Es sind Einwohnerbeiräte zur gutachtlichen Aeußerung odertätigen Mitarbeit auf beit Gebieten der Volksernährung mtb allgemeiner wirtschaftlicher Maßnahmen, des Medizinal- und Veterinär- Wesens, sowie der Wegebau-, Straßenreinigungs- und Aufräumnngsarbeiten, der Arntenpflege und des Schulwesens nach Maßgabe der hierfür zu erlassenden besonderen Bestimmtmgen gebildet worden. In gemischtsprachigen Kreisen ist jeder Bolksstamm, also auch der jüdische, im Verhältnis der Zahl seiner im Kreise ansässigen Angehörigen, aber mit mindestens einem Mitgliede vertreten. (§ 9, 15 und 32 der Verlvaltnngsordntmg.) Die Verwaltung des Oberbefehlshabers Ost steht also auf dem Standpunkt, daß ohne formelle Aufhebung russischer Gesetze bereits aut 7. Juni 1916 die Gleichberechtigung der Judenheit mit den übrigen Nationalitäten durch Verordnung festgelegt ist, d. h. das Judentum ist im Verwaltungsgebiet Ober-Ost stets als Nationalität angesehen worden, nicht nur als ein Bekenntnis. Schon mit Rücksicht auf die Aufnahme der Juden in die Einwohnerbeiräte ntüßte dieser Standpunkt sestgehalten werden. Ans den schriftlichen und tuündlichen Mitteilungen an das Komitee ergibt sich somit, daß weitgehende Wünsche der Juden zur Erfüllung gelangt sind, die auf eine gerechte und objektive Behandlung der jüdischen Bevölkerung durch die leitenden Behörden in bezug auf die staatsbürgerlichen, religiösen und nationalen Rechte der Judenheit des besetzten Gebietes Hinzielen.