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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-29 · Heft 26 (29.6.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 26 (29.6.1917)
Date
1917-06-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Vorständen der Wohltätigkeitsvereine llnd einer Abordnung des Kuratoriums des Jüdischen Kurhosprtals die zahlreichen Freunde des geistig und körperlich frischen Jubilars in dem Wunsche, daß er sich in Gesundheit und Frische noch einer langen Reihe gesegneter Tage seines arbeitsreichen Lebens erfreuen möge. r. Düsseldorf, 22. Juni. Tie hiesige Jüdische Gemeinde ist durch den Tod des langjährigen Vorsitzenden ihres Repräsentantenkollegiums G u st a v H e r z f e l d in Trauer versetzt worden. Der Heimgegangene besaß ein warmes Herz für unsere Gemeinde, deren Institutionen er hingebungsvoll förderte. Sein besonderes Interesse galt der Hebung der sozialen Lage unserer Glaubensgenossen. Er gehörte zu den eifrigsten Förderern des Vereins zur Beförderung des Handwerks und der Bodenkultur unter den Juden. Zahlreiche milde Stiftungen bezeugen sein warmfühlendes Herz und sein soziales Verständnis. Herzfeld, der am 29. Dezember 1828 in Neuß geboren war, wohnte seit dem Jahre 1861 in Düsseldorf. Neben seiner Arbeit für die Jüdische Gemeinde betätigte er sich much eifrig in den städtischen Körperschaften. Er gehörte 30 Jahre, von 1874 bis 1904, dem Stadtverordnetem kollegium an. Als sich die Fortschrittspartei bildete, wurde er als Vertreter derselben in das Stadtverordnetenkollegium gewählt. Der Verstorbene war in einer Reihe von Kommissionen tätig, unter anderem in einer Kommission für Schulwesen, und dem Finanzausschuß und interessierte sich besonders für Ferienkolonien und Armenwesen. Durch Reden in den öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung trat er weniger hervor, doch war er in den Kommissionssitzungen alZ geschickter Ratgeber, dessen Vorträgen inan sich gern anschloß, sehr geschätzt. Namentlich aber verstand er es, bei Meinungsverschiedenheiten ausgleichend und versöhnlich zu wirken. Neben seiner Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung war er auch Vorstandsmitglied des Bergischen Vereins für Gemeinwohl und des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen. Seinem Wunsche entsprechend hat die Beerdigung des verdienten Mannes in aller Stille stattgefunden. — Frankfurt a. M., 22. Juni. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Sitz Frankfurt a. M., hat in ihrer letzten Vorstandssitzung beschlossen, der schon lange geplanten Errichtung eines Museums für ältere jüdische Kunst näherzutreten, nachdem sich jetzt die Möglichkeit ergeben hat, als Ausstellungsraum den ersten Stock des früheren Rothschildschen Geschäftshauses in der Fahrgasse einzurichten. Man erwartet, daß auch die Stadt Frankfurt durch Ueberlassung von Leihgaben an dem Zustandekonnnen des Museums Anteil nehmen wird. Um eine Uebersicht der in hiesigem Privatbesitz sich befindenden Gegenstände jüdischer Kunst zu erlangen, ersucht die Gesellschaft alle diese Besitzer, ihren Namen sowie Mitteilungen über die Art ihres Besitzes dein Vorstand, Palmstraße 16, oder dem Direktor des Historischen Museums zukommen zu lassen. L2 Metz, 22. Juni. In der Sitzung der Finanzkommission der Ersten Kammer des Landtages vom 11. Juni brachten beim „Kultusetat" die Mitglieder Freiherr v. d. Goltz und Oberrabbiner Dr. N etter die Notlage der Geistlichen zur Sprache, die nur teilweise durch die Gewährung der Teuerungszulage gemildert worden sei. Oberrabbiner Dr. Netter führte dabei aus: „Die Ausführungen des Vertreters der evangelischen Kirche Augsburger Konfession des Herrn Freiherrn v. d. Goltz, möchte ich auch auf das Rabbinat Elsaß-Lothringens vollinhaltlich ausdehnen. Wenn man auch von der Geistlichkeit zu erwarten gewohnt ist, daß sie in der Kunst des Ertragens mib des geduldigen Entbehrens sich vor allen hervortue und in dieser schweren Zeit der wirtschaftlichen Not das lebendige Beispiel der stoischen Selbstüberwindung und Selüsteinschräukung gebe, darf doch die Notlage nicht verschwiegen werden, in die sie bei der ungewöhnlichen Verteuerung aller Lebensverhältnifse hineingeraten ist. Schon vor dem Kriege war manches Wort über die Unzulänglichkeit der Pfarrgehülter laut geworden. Und nachdem die Gehaltsreform für die Beamtenwelt im Rahmen des Erreichbaren durchgeführt war, sollte auch die .Besserstellung der Geistlichkeit erfolgen. Schon waren die Vorarbeiten fertiggestellt, bei seinem ersten Zusammentreten sollte der Landtag mit der entsprechenden Vorlage sich befassen, als der unglückliche Krieg ausbrach und die Bedürfnisse der einzelnen hinter denen der Gesamtzeit zurücktreten mußten. Die Notlage der Geistlichkeit ist daher eine entsprechend größere als die der Beamten, und ihre besondere Berücksichtigung bei Bewilligung von Teuerungszulagen wäre daher nichts anderes als ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. In diesem Zusammenhang sei mir ferner gestattet, auf eine Tatsache hinzuweiscu, die vielleicht schon manchen bei einem eingehenden Studium des Kultusetats beschäftigt hat. Es dürste befremdend erscheinen, daß die Rabbinatsgehälter wesentlich niedriger bemessen sind als die der evangelischen Geistlichen, wo doch der Bildungsgang derselbe, die Familienverhältnisse die gleichen. Wohl weiß ich, daß einem etwaigen Antrag meinerseits um Gleichstellung heut, mag sie noch so dringend von den Paritätsgrundsätzen unseres Landes verlangt werden, ohne weiteres entgegengehalten würde, daß hierzu der Moment wohl kaum gekommen. Doch ist nicht N'.uorientierung das Schlagwort der gegenwärtigen Zeit? Sie allein verlangt schon, daß möglichst bald der soeben erlvähnte Unterschied verschwinde. Als vor 100 Jahren die Emanzipationsbestrebnugen der israelitischen Gemeinschaft mit Erfolg gekrönt, erfolgte auf allen Gebieten vollständige Gleichstellung der Israeliten mit allen Bürgern des Staates. Im Jahre 1831 übernahm der Staat, mit den letzten Rest jeglichen Unterschieds zu beseitigen, die Besoldung der jüdischen Geistlichkeit auf sein Budget. Die Rabbiner erhielten fast die gleichen Gehälter wie der evangelische Pfarrer. Erst in den letzten 30 oder 40 Jahren trat eine recht wesentliche Verschiebung ein, für die mir jede Erklärung fehlt. Nun weiß ich, daß für diese Tagung eine Lösung dieser Frage nicht erwartet werden kann. Ich wollte nur die Anregung gegeben haben, ihr wieder einmal näher zu treten, denn tn'cht zum ersten Male hat sich die hohe Regierung beschäftigt, auf daß recht bald auch nach dieser Richtung hin die vollständige Parität in unserem Laude zum Ausdruck gelange." Besondere Beachtung verdient folgende Rede, die Oberrabbiner Dr. Netter in der Ersten Kammer zürn Etat der Universität hielt: „Meine Herren! Nach den überaus eindrucksvollen Worten. mit denen in der gestrigen Kommissionssitzung der Vertreter der Universität, Herr Professor Tr. Nowack, die Stellungnahme der Fakultätetr zu der vielbesprochenen und vielumstrittenen Rektoratswahl beleuchtete, lag mir daran, auch meinerseits in dieser immerhin delikaten Frage zum Worte zu kommen. Doch keineswegs um das, was geschehen, zu billigen oder auch zu mißbilligen, mit anderen Worten, um für diese oder die andere Seite Partei zu ergreifen. Vielmehr wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, auch meinerseits bei diesetu Anlaß mit allem Nachdruck und aller Entschiedenheit ein Prinzip zu betonen, auf das ich bereits gestern, allerdings in einem anderen Zusammenhänge hiugewiesen, und das zu den heiligsten gehört, auf denen unsere Landesverfassung anfgebaut, nämlich die Parität der Konfessionen. Meine Herren! Mehr denn jo muß das Prinzip von der Gleichheil aller vor dem Gesetze und der Verfassung, insbesondere bei Anstellung von Beamten, ausschlaggebend sein und alle Kreise durchdringen, darf in keiner Form und in keiner Weise verletzt oder ailch nur verschleiert werben, denn wir haben es erlebt und erleben cs twch immer alltäglich, ja allstündlich, daß auch draußen, dort am Altäre des Vaterlands, wo sie alle Schulter an Schulter stehen mW die Treue jeden Augenblick, wenn es sein soll, mit dem Tode besiegelt Werben muß, nicht nach der Konfession gefragt wird, sondern lediglich nach Treue und Pflicht. Seit längeren Jahren hat auch die Kaiser- Wilhelm-Uuiversität es verutiedett, ordentliche Professuren Angehörigen des israelitischen Bekenntnisses anzuvertrauen. Vielleicht ließ sie sich verleiten von dem Einflüsse von draußen, wo es bedauerlicherweise vorkommt, daß Gelehrte von Weltruf zeitlebens mit einer außerordentlichen Professur sich begnügen müssen, es sei beim, daß der Neligionswechse'l die Schranke bricht und die Wege ebnet in das Eldorado der Karriere hinein. Welch einen Stachel eine derartige Erscheinung in den Herzen der Getreuen zurücktäßt, das liegt auf der Hand. Air die hohe Regierung ergeht daher meine dringende Bitte, und ich bin überzeugt, daß dieselbe in der Seele aller Männer des wahren Fortschritts den lebendigsten Widerhall finden wird, au maßgebender Stelle dahin wirten zu wollen, daß im Sinne und im Geiste echter Parität in Zukunft bei Wiederbesetzung von frei gewordenen Lehrstühlen, alle Erwäguugetl irgendwelcher Art, insbesondere die konfessioneller Richtung, zurücktreten hinter der allein maßgebenden Autorität des Berdienstes. Hier vor allem soll das Wort des Reichskanzlers „Freie Bahn für den Tüchtigen" das Leitmotiv für die Zukunft sein."

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