Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-29 · Heft 26 (29.6.1917) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 26 (29.6.1917)
Date
1917-06-29
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229312--73224-3285693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kinde, besonders -aus -ärmeren Kreisien, stetige Aufmerksamkeit schenken und sich nur seine gesunde Erhaltung und geistige Entwicklung bekümmern. Die Kinder sind sür unsere Gemeinschaft ein Schatz geworden, den die Gesamtheit in ihrem eigensten Interesse zu hüten und zu warten hat. Ter „Kriegsferienkinder" nehme sich der Lehrer mit besonderer Liebe an. Er suche zunächst rituell lebende Familien in seinem Bezirke zur Aufnahme von jüdischen Kindern, die nur in solche Haushaltungen gehen, zu bestimmen. Möge der jüdische Lehrer sich auch in dieser Zeit erweisen als treuester Freund und als zuverlässigste Stütze unserer Gemeinden und unseres Judentums. — In der sich anschließenden Besprechung wird hervorgehoben, daß in kleinen Gemeinden die Betätigung des jüdischen Lehrers in der vom Referenten gewünschten Weise häufig unmöglich sei, weil die betreffenden Vorsteher darin ein Eingreifen in ihre eigene Tätigkeit erblicken. Demgegenüber weist der Referent daraus hin, daß dies nur Einzelerscheinungen sein dürsten, und auch dort müsse der Lehrer immer wieder versuchen, in gemeinsamer Arbeit mit den Borstehern eine segensreiche Tätigkeit auch auf diesem Gebiete zu entfalten. — Ebenso großem Interesse begegnete der Vortrag des Herren Wolkowski: „Krieg und Schule". Die Religionsschule und der Religionsunterricht, so wurde ausgeführt, haben in erster Reche das Recht und die Pflicht, den Krieg für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Ter Krieg hat so manchen, der in religiöse Gleichgültigkeit verfallen war, aufgerüttelt; gar mancher, der von Gott nicht viel mehr als den Rarnen aus dem Trubel des Alltagslebens stch gerettet hatte, hat wieder beten gelernt. Diese Erscheinungen muß der Religionslehrer in seinem Unterricht verwerten; er muß die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen und verweben. Diese Verschmelzung wird naturgemäß bewirken, daß das Kind den Geschehnissen der Gegenwart viel mehr Verständnis entgegenbringen und umgekehrt auch Menschen und Verhältnisse der Vorzeit viel besser verstehen wird, wenn sie durch die Gegenwart beleuchtet werden. Nicht nur der systematische Religionsunterricht, sondern auch der Geschichts-, Pentateuch- und Gebetunterricht kann und mutz durch Verknüpfung mit dem Leben der Gegenwart vertieft werden. Die Behandlung von Gegenwarts«- und Zukunftsfragen — jüdische Kriegshilse, die Juden in den besetzten Gebieten, die russische Revolution und die Juden uiw. — wird den Sinn unserer reiferen Jugend für die Sorgen und Bedürfnisse der Judenheit in Gegenlvart und Zukunft erschließen und sie zu freudiger Mitarbeit vorbereiten. Wo die Verhältnisse es gestatten, soll sich die Religionsschule auch direkt im vaterländischen Dienst betätigen, z. B. Goldsammeln, Kriegsanleihe, Kriegsfürsorge, Unterbringung von Stadtkindern auf dem Laude, usw. Der Krieg hat mit seiner eisernen Faust auch an die Türen der Religionsschule gepocht. Verstehen wir darum die Zeichen der Zeit und suchen, die religiösen Gedanken und Empfindungen, die der Krieg in den Herzen unserer Jugend geweckt hat, zu erhalten, zu vertiefen und zu verstärken und sie in eine bessere Friedenszeit hinüberzuretten, damit wir unserem Ziele — der Erziehung zur religiös-sittlichen Persönlichkeit im Sinne mtb im Geists des Judentums — immer näher kommen. Auch an diesen Vortrag schloß sich eine anregende Aussprache an, in der die Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Vortragenden zum Ausdruck kam. — Alsdann folgte der Bortrag des Herrn Lemke (Tilsit): „Wirtschaftliche Sorgen des jüdischen Lehrers". Bei Begründung des Vereins glaubte man wohl nicht, so führte Referent aus., nach drei Jahrzehnten noch über dieses Thema referieren zu müssen. Die schon im Frieden nicht sehr günstige Lage der meisten jüdischen Lehrer und Kultusbearnten hat sich im Kriege durch die allgemeine Teuerung und durch die Verminderung der Nebenbezüge, die sich in der Hauptsache aus den Schechitaeiunahmen zusamrnensetzteu, ganz erheblich verschlechtert. Neben den allgemeinen Kriegs- und Familiensorgen drücken den jüdischen Beamten noch die Nahrungssorgen und die Sorgen um die nächste Zukunft. Teuerungszulagen werden nicht überall und in vielen Füllen nicht in genügender Höhe gewährt. Befähigte junge Leute werden sich in Zukunft nicht oder nur in ganz geringer Zahl dem jüdischen Beamtentum zuwenden. ES liegt darum im eigensten. Interesse der Gemeinden, ihre Beamten auf eine gesicherte und auskömmliche Grundlage zu stellen. Nach einer sehr anregenden Aussprache, an der sich fast alle Kollegen beteiligten, wurde die in Nr. 22 dieser Zeitung zürn Abdruck gelangte Resolution angenommen. Bei den hieraus vollzogenen Wahlen wurde der bisherige Vorstand durch Zuruf wiedergewäh-lt. Damit lvar die Tagesordnung erledigt, und gegen 7 Uhr wurde die Versammlung geschlossen. ~ SS Goldap, 22. Juni. Die Weihe eines neuen Friedhofs ist sonst wohl kein Ereignis von besonderer Bedeutung. In einer von russischer Barbaren zerstörten Synagogengemeinde aber wie Goldap ist sie ein erfreuliches Zeichen der ersehnten Wiederkehr normaler Gemeindeverhältnisse und ein anspornendes Zeugnis dafür, daß alle Mühe und Arbeit, die den ostpreußischen Gemeinden aus ihrer eigenen Mitte wie von auswärts durch Patenhilfe zuteil wird, bereits anfängt, den erhofften Segen zu bringen. In diesem sroheu Bewußtsein versammelten sich die Mitglieder der Gemeinde Goldap. um ihren schön gelegenen und mit schmuckvoller Mauer umgebeneu neuen Friedhof einzuweihen. Ter Feierlichkeit ging ein erhebender Gottesdienst in der Synogoge voraus, bei der unser Kreisrabbiner Tr. Z l o c i st i (Insterburg) eine herzinnige Predigt hielt. Unmittelbar darauf versammelte sich die Gemeinde auf dem neuen Beß Aulom. Der Platz diente einst russischen Soldaten als Lager- und Tummelplatz. Jetzt erklangen an gleicher Stelle friedvolle Psalmen zur Ehre Gottes. Dr. Zlocisti gedachte in seiner ergreifenden Weihepredig! zunächst dieses glücklichen Wandels der Zeiten und legte weiterhin die sittlichen Antriebe dar, die der Anblick eines Friedhofs den Menschen gibt. Mit Rezitation von Psalmen schloß die schlichte Feier. — Kolberg, 25. Juni. Am vergangenen Freitag beging der Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Dr. Goldschmidt, seinen 80. Geburts tag. In hohem Maße hat sich der Jubilar die Liebe und Verehrung nicht nur seiner Gemeinde, sondern auch weiter Kreise der ganzen Bürgerschaft Kolbergs' und weit darüber hinaus zu erwerben gewußt. Als Kanzelredner und Seelsorger eine gesegnete Tätigkeit entfaltend, bleibt sein Name für alle Zeiten mit einem der großartigsten Werke der Wohltätigkeit verknüpft, dessen sich die Stadt Kolberg erfreuen darf, und wenn nun von allen Seiten dem hochverdienten Manne und liebenswürdigen Menschen die herzlichsten Glückwünsche dargebracht werden, so kommt darin auch.gleichzeitig der aufrichtige Dank und die ehrliche Anerkenmmg für sein eigenstes Lebenswerk, das Jüdisch? Kurhospital, zum Ausdruck. Am 22. Juni 1837 zu Schrimm in Posen als Sohn des Lehrers und Kantors Goldschmidt geboren, studierte er nach Ghnmasialbesuch in Posen an den Universitäten Breslau und Wien Philosophie, orientalische Philologie und Geschichte und erwarb 1862 in Leipzig die Doktorwürde. Am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau zum Rabbiner gebildet, wurde er 1863 mit 26 Jahren zmn Rabbiner in das neu errichtete Rabbinat nach Kolberg. berufen. Kvl berg blieb seine erste und einzige Stelle. In Treue wirkte er hier und im weitesten Umkreise als Seelsorger, oft auch als Friedensstifter in auswärtigen Gemeinden. Mit dem verstorbenen Rabbiner Dr. Vogel, stein in Stettin rief er den Indischen Lehrerverein der Provinz Pommern ins Leben und nahm auch an der Gründung des Deutschen Rabbiuerverbandes hervorragend Anteil. Unter dem Ministerium Falk gelang es ihm — als zweitem Rabbiner in Preußen —, die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes am Königlichen Gym nastum zu erwirken. Auch schriftstellerisch und als wissenschaftlicher Forscher ist Dr. Goldschmidt hervorgetreten. Sein Haupt- und Lebens, werk aber ist die Gründung des Jüdischen Kürhospitals. Im Verein mit 26 Männern aus Kolberg und einigen Großstädten bildete er einen Ausschuß zur Erbauung eines jüdischen Kurhospitals und 187! wurde die Anstalt, die erste ihrer Art in Deutschland, mit zehn Betten eröffnet. Immer und immer wieder gelang es ihm, zum Teil durch Werbereisen in ganz Deutschland, die Herzen zu öffnen, so daß die Gaben immer reichlicher flössen und die Erweiterung der Anstalt er möglichten, die im Jahre 1899 in das neu errichtete, prächtige Gebäude übersiedeln konnte, die in der langen Zeit ihres Bestehens vielen tausend Kranken Gellesung und Linderung gebracht hat und die bi> in ferne Zukunft eine Zierde der Stadt und des Bades Kolberg sein wird. An äußeren Ehren und Anerkennung seines Wirkens hat erbeut Jubilar, dessen Namen noch spätere Geschlechter als Wohltäter segnen werden, nicht gefehlt. Als er am 15. Juni 1913 sein fünfzig jähriges Amtsjubiläum feierte, wurde ihm der Kronenorden dritter Klasse mit der Zahl 50 überreicht, -nachdem ihm schon vorher der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen worden war. Wie jenes seltene Fest unter Anteilnahme nicht nur seiner Gemeinde, sondern der ganzen Bürgerschaft und sonstiger Körperschaften und Vertretungen begangen wurde, so vereinigten sich auch diesmal mit der Gemeinde, den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.