Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 empört, von der Leitung der Partei zurücktrat. Wie früher, so brachten auch diesmal die Lords, deren Majorität christlichen Glauben unh Zugehörigkeit zum Parlament für untrennbar hielt, die Bill zu S. 665 (1851) heißt es: „eine Bill, die eine Abänderung des vorgeschriebenen Eides bezweckte, um Juden endlich die Pforten des Parlamentes zu öffnen, ward von den Lords wieder verworfen". Gichtig ist auch die Nachricht über Toscana 1850 S. 687: „Gewissermaßen zur Ergänzung des Konkordates dienten die Einschränkungen der Gleichberechtigung der Staatsbürger ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis. Altkatholiken wurde durch die Verwaltung der Richterstand verschlossen. Auf Andringen des Papstes sollte sogar jüdischen Aerzten die Ausübung ihres Berufes nur bei jüdischen Kranken gestattet werden." Endlich ist die merkwürdige Notiz hervorzuh-eben (S. 732), daß in Frankreich 1850 in den Oberrat des öffentlichen Unterrichts neben den Vertretern des Episkopats und der protestantischen Geistlichkeit auch ein Abgeordneter des israelitischen Zentralkonsistoriums Sitz und Stimme erhielt. Schade ist es, daß der Verfasser, der ein Meister der Charakteristik ist, die vielfach vorkommenden jüdischen Männer nicht in einzelnen Porträts vorführt. Ueber Rießer heißt es einmal: „der Vorkämpfer der Gleichberechtigung seiner jüdischen Glaubensgenossen, der bewun» derbe Meister der Rede, der zeitweise sogar mi-t dem Vizepräsidium des Parlaments betraut wurde". Auf zwei über Johann Jacobh handelnde Stellen sei besonders Angewiesen; in der einen S. 486 heißt es: „mit Freisprechung endigte auch der Prozeß des wegen Hochverrates gegen den preußischer, Dtaat und den Deutschen Bund angeklagten Johann Jacobh, der aus der Schweiz nach Königsberg zurückgeeilt war, um sich seinen Richtern \n stellen." Das berühmte Auftreten desselben als Mitglied der Deputation, die am 2. November 1848 dem König von Preußen die Adresse der Nationalversammlung zu überreichen hatte, wird folgendermaßen geschildert: „Der König, der schon beim Zuhören Zeichen von Ungeduld gegeben, nahm ihm das Papier aus der Hand und wandte sich zum Gehen. Da ergriff, wenn schon ohne Auftrag, Jacobh als Mitglied der Deputation das Wort. „Wir sind," sagte er, „nicht bloß hierher gesandt, um Eurer Majestät eine Adresse zu überreichen, sondern auch, um Ihnen über die wahre Lage des Landes mündlich Auskunft zu geben." Der König achtete nicht darauf und ging der Türe zu. „Gestatten Eure Majestät uns Gehör," rief Jacobh, und auf ein kurzes Rein, rief er ihm nach: „Das ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen." Natürlich kann man aus diesen wenigen Stellen, die, wie noch einmal bemerkt werden soll, auf Vollständigkeit durchaus keinen Anspruch machen wollen, sich lein Urteil über die hervorragende Leistung bilden. Jn diesem Zusammenhänge aber ist es nur möglich, auf einzelnes hingt weisen. Ich glaube, daß meine Leser, die sich für die Entwicklung der europäischen Geschichte interessieren, und die erkennen, daß ein Verständnis der Gegenwart) nur durch ein genaues Studium der Vergangenheit möglich ist, gern zu der ausgezeichneten, an neuen Mitteilungen überaus reichen Arbeit greisen werden, um sich über die unendlich wichtigen Vorgänge einer verflossenen Periode zu unterrichten. Wir beglückwünschen den Verfasser zu dieser Fortsetzung des monumentalen Werkes und hegen den aufrichtigen Wunsch, daß es ihm vergönnt sein möge, die weiteren zwei Bände, die das Werk zum Abschluß bringen sollen, mit gleicher Kraft und demselben Erfolg wie die früheren Bände erscheinen zu lassen. L. G. Wilhelm Büring: De r Kaufmann in der Literatur. Drei-Rosen-Verlag in Leipzig. 1916. Der Verfasser geht chronologisch zu Werke, behandelt aber zuerst die deutsche, dann die ausländische Literatur, doch reiht er mehrere Werke aneinander, teils solche, von denen er lange Analysen, teils solche, über die er nur kurze Bemerkungen gibt, ohne den inneren Zusammenhang erkennen zu lassen. Uns interessiert besonders eine Bemerkung, daß die Dichter, die aus Kaufmannshäusern stammen, den Beruf ihres Vaters fast gar nicht dichterisch behandelt haben (S. 49). Ich würde, wenn ich ein solches Thema zu bearbeiten hätte, nicht wie der Verfasser es getan hat, die Länder voneinander getrennt haben, sondern die Entwicklung des Kaufmannsstandes in allen Ländern zugrunde gelegt und zu zeigen versucht haben, wie dieser, in die Literatur eingedrungen, entweder selbst- 'Ichöpserisch oder mäzenatenhast und wie anderseits die'Auffassung über den Kaufmannsstand sich in der Literatur allmählich gemodelt hat. Uns interessiert an dieser Stelle ausschließlich, was in der Schrift über jüdische Kaufleute und jüdische Dichter gesagt wird. Wie unvollständig in dieser Beziehung das Buch ist, zeigt die Tatsache, daß die Narren Rothschild und Strousberg, die doch so vielfach literarisch behandelt wurden, gar nicht Vorkommen. Zwar wird der Verfasser der „Fünf Frankfurter", Rößler, an einer Stelle (S. 75) genannt, aber über den Inhalt seines Werkes erfahren wir nichts. In einem Buche „Ueber den Kaufmann in der Literatur" sucht mun begreiflicherweise zuerst nach dem Abschnitt über Gustav Freytags „Soll und Haben". Dieses Werk wird S. 51ff. eingehend behandelt, die dort vorkommenden Juden kurz und mißgünstig abgetan; sonst finden sich über die Juden unbedeutende Notizen: Ueber Mittelalter (S. 13), über Wucher (Braut lind Geiler von Kaisersberg S. 24); ein sehr starker Vers gegen die Juden wird S. 30 abgedruckt. Von deutschen Dichtern, jüdischen Glaubens, die Kaufleute geschildert haben, werden Kadelburg, Blumenthal und L'Arronge erwähnt; Berthold Auerbach muß sich mit einer kurzen Erwähnung von „Dichter und Kaufmann" begnügen, ohne daß hier auch nur der Name des behandelten M. E. Kuh angeführt wird. Daß keine einzige Bemerkung über das „Landhaus am Rhein" vorkommt, bekanntlich einen der größten Kaufmannsromane, den die deutsche Literatur besitzt, ist vollkommen unverständlich. Moses Mendelssohn wird S. 41 als Urbild des Nathan erwähnt. Aber die ganz oberflächliche Art, mit der hier von Lessing gesprochen wird, und die vollkommen verfehlte Manier, mit der bei der unmittelbar folgenden Besprechung von Goethes „Wilhelm Meister" die Kaufmannskapitel erwähnt werden, wobei der Verfasser nicht mit einem Worte der Urgestalt des Romans „Wilhelm Meisters theatralische Sendung" gedenkt, in der gerade die Kaufmannskapitel einen viel breiteren Raum einnehmen, beweist, rvre wenig der Verfasser seinen Gegenstand 311 vertiefen versteht und in wie geringem Maße er das Material beherrscht. Eine Geschichte des Kaufmanns in der Literatur ist nach Bttrings Schuft erst recht zu schreiben. L. G. Zeitschrift f ü r Demographie u n d Statistik der'Juden. Heransgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Schriftleituug Dr. Bruno Blau, Berlin. 12. Jahrgang. Januar, Februar, März 1916. Heft Nr. 1, 2, 3. Das mir erst hu Oktober zugekommene Heft, das sehr verspätet erschienen ist, denn es ist dem ersten Vierteljahr dieses Jahres gewidmet, ist überaus reichhaltig und zeitgemäß. Außer dein üblichen statistischen Archiv, das, wenn auch recht interessant, doch im einzelnen nicht erwähnt werden kann, enthält es zum Schluß eine größere Studie über die jüdische Bevölkerung Galiziens von 1867 bis 1910, aus der sich die ungeheure Vermehrung der Anzahl der Juden ergibt. Im Gegensatz zu Deutschland, wo gerade in den kleinen Städten die Abnahme der Anzahl der Juden gewaltig zu sein Pflegt, haben einzelne kleinere Städte von 1880 bis 1908, merkwürdigerweise mit Ausnahme von Brodh, wo die Bevölkerung geringer wurde, ihre Judenschaft verbreitert, z. B. Jaborzno von 406 auf 1325 oder Podgoroe von 2506 auf 6231; eine fast versechsfacht, nämlich Jaszlo von 433 auf 2262. Unter den größeren Städten ist das Wachstum, z. B. in Tarnopol, höchst mäßig. Sehr stark angeschwollen ist Krakau von 20 269 auf 32 321, am stärksten Lemberg von 30 961 auf 57 387. Auch der Schluß eines arideren Aufsatzes, „Die jüdische Sprach- und Kulturgememschast in Polen", ist von hohem Interesse. Er enthält ungemein lehrreiche Tabellen. Alls der letzten hebe ich hervor, daß die jüdische Einwanderung in Amerika aus Polen besonders stark war in den Jahren 1905, 1907 und 1914. Auch die übrigen Tabellen sind sehr instruktiv. Aus der Berufsgliederung im Jahre 1879 ergibt sich z. B., daß dem Heer und der Marine 12 558 Juden angehören, daß die Zahl aller niederen und höheren Kultusbeamten 19173 betrug, daß die Majorität der 1267 166 gezählten Juden allerdings denl Handel ergeben war, daß aber das Handwerk in gleich starker Zahl vertreten ist, z. B. Wasser- und Eisenbahnverkehr über 2000 Personen. Ganz besondere Belehrung erwartete ich von Bruno Blaus Studie: „Die Ausgabe der Statistik der Juden nach dem Kriege." Als solche gibt der Verfasser an: 1. Feststellung des Verhaltens der Juden nach dem Kriege; 2. Schaffung der Grundlagen für soziale Fürsorge, die die Gemeinden und Vereine den Kriegsteilnehmern und ihren Angehörigen zu leisteil haben werden; 3. Erforschung der gesellschaftlichen Erscheinungen zur Durchführung bevölkerungspolitischer Maßnahmen;