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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-29 · Heft 26 (29.6.1917) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 26 (29.6.1917)
Date
1917-06-29
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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Und sie, noch immer wie traumhaft erschreckt: „Als sehe ich die selige Janette Vvr mir. Im Augenblick haste genau ausgesehen wie deine verstorbene Mutter." Ich weiß nicht, ist es ihr Blick, ist es ihr Ton, daß es mir ans einmal ist, als habe sie Mutter und mir zugleich einen Vorwurf gemacht, so daß ich mir nicht anders helfen kann, als aufzuweinen. „Nu, nu," sagt sie begütigend, aber ihre Stimme hat die herzliche Farbe verloren, die meinem Herzen sonst immer so lieb und traulich ist, „deshalb brauchste dich nich aufzuregen. Nu ja," und das mit leisem Seufzer, „wenn nichts de Lücken schließt, bleiben se ewig offen. Hcite mißteste andere Sorgen nn Beschäftigungen haben, als um die zu weinen, die schon zehn Jahre ihren Frieden haben. Mer soll nich's Lebendige aufs Tote legen; das will der liebe Gott nich." Ich schauere zusammen. Tante soll nur nicht auf diesem Umweg wieder uns ihr Lieblingsziel lossteuern. „Meine Beschäftigung habe ich ja," sage ich leise. Ich habe schon längst nicht mehr die straffe Haltung und sitze müde zusammengekauert neben ihr. „Das is alles nichs Richtige," sagt sie. „Wohltun ist gewiß recht, aber mer muß eigene Sorgen und Freuden haben, die keinen andern nischt angehen." Jetzt ist sie es, die seit meinem kalten Wort vorhin sich mit einer gewissen Abgeschlossenheit und Festigkeit gewappnet hat und steif dasitzt: „Aber mich gehts je nischt an. Ich sag gewiß nischt wieder." Sie ist beleidigt, die gute Tante, in innerster Seele beleidigt. Es quält mich so, ich suche sie wieder gutzumachen. Bin doppelt so viel um sie herum und biete ihr alle möglichen Gefälligkeiten. Aber meine Stimme klingt mir selber unsicher und meine Besorgtheit erscheint mir wie Verstellerei. Eine tiefe Verstimmung liegt zwischen ihr und mir, zwischen ihr und allen. Ich begreife Benno nicht, daß er so wenig die Notwendigkeit der Stunde begreift und rücksichtslos „Nein" sagt, als er zurückkommt und sie ihn um etwas bittet. Zu all ihrem enttäuschten Aerger macht sie sich noch Sorgen um Rosa, die spät abends erst heimkehrt und auf der letzten Station zwei Stunden Aufenthalt hat. Benno soll ihr entgegenfahren. „Ich habe keine Zeit. Ich habe es dir schon ein paarmal gesagt," sagt er unwillig. „Was haste denn vor?" „Vereinssachen." Ich fühle, daß er lügt. „Also wieder deine Stuß," sagt sie. Sie ist schon ganz kampfesmüde, aber ich höre doch ihre innere Verletztheit. „Da küßte deine Schwester lieber alleine in de Weltgeschichte rmngondeln, abends. Gott, wenner nu was zustößt!" Sie hat wirkliche Angst, die Ueberängstliche. „Ich fahre Rosa entgegen, Tante Phine." Und sie mit ernstem Gesicht, nicht wie sonst, wo mir ein ganzer Himmel lieben zärtlichen Dankes aus ihren guten Augen entgegenleuchtet: „Das kann ich nich verlangen!" „Aber ich tue es, Tante. Ich habe sowieso in Rosenberg zu tun. Ich besuche eine Freundin." „Willste das annehmen?" fragt sie scharf zu Benno hinüber. Er zuckt die Achseln. „Ich kann jedenfalls nicht," sagt er trocken, „Rosa könnte ja ebensogut allein fahren." „Mit gute Ratschläge bin ich versehen," fährt es sck scharf zu ihm hinüber, wie er es wohl sonst nie von ihr hört. Er zuckt die Achseln und geht aus dem Zimmer. Ich verabschiede mich eher als sonst. Paula darf mich nicht begleiten. „Sie soll Silber putzen." „Sie gönnt mir's bloß nicht," zischelt sie mir bitter zu, als sie an der Haustür umkehrt. Benno hat keine Lust. Gott sei Dank! Denn auf einmal war alles vorbei, was ich eben erlebt und ernsthaft mit empfunden hatte. Glückselige Ueberraschung! Günther Und ich begegneten uns, begegneten uns an so abgelegener Stelle, daß wir beide hell auslachten über den Zufall. Ich hatte den Maurer da für Tante zu bestellen; er war zu einem kranken Kind gerufen worden. „Und nun, Tante Trude, beichten Sie! Sie machten ein bitterböses Gesicht, als Sie da allein gingen. Ich hatte Sie doch schon eine Stunde eher erkannt, als Sie mich, so versunken waren Sie. Was war es, was Sie verstimmte?" (Fortsetzung folgt.) Literarilche Mitteilungen. Geschichte Europas seit den Vertrügen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871. Von Alfred Stern. Siebenter Band. (Dritte Abteilung. Erster Band.) Geschichte Europas von 1848 bis 1871. Stuttgart uut> Berlin 1916, I. G. Eottasche Buchhandlung Nachfolger. Alfred Stern, dessen Würdigung wir anläßlich seines 70. Geburtstags vor einigen Monaten versuchten, hat von seinem großzügigen Werke „Geschichte Europas" den siebenten Band erscheinen lassen, der die Entwicklung von 1848 bis 1853 darstellt. Es würde die Grenzen unserer Kompetenz überschreiten, wenn wir im einzelnen den Gewinn darlegen wollten, den unsere Geschichtskenntnis durch diese unparteiische, aus Archivalien und gedruckten Quellen geschöpfte großartige Darstellung bietet. Wir können nur kurz hervorheben, daß alle Vorzüge, die an dieser bedeutsamen Erscheinung früher gerühmt wurden: geschickte Gruppierung, lebendige, echt dramatische Erzählungsweise, seine Hervorhebung des weltgeschichtlichen Zusammenhangs, Hinblick auf die Kulturentwicklung, vornehme Sprache, sachliche, ruhige Erwägung, ohne einseitige Betonung eines bestimmten Parteistandpunktes, obgleich die liberale Auffassung des Verfassers gelegentlich zum Durchbruch kommt, auch diesen neuen Band auszeichnen. Für unsere Zwecke sei nur kurz darauf hingewiesen, daß, wenn auch keine größeren Abschnitte den Geschicken der Juden gewidmet sind, doch gelegentlich von den sie betreffenden Ereignissen und Beschlüssen (dem deutschen Parlament und der preußischen Nationalversammlung) geredet wird, und daß sich mannigfache Gelegenheit bietet, einzelne Juden zu erwähnen, die in der geschichtlichen Entwicklung mit tätig waren. Ohne irgendeine Vollständigkeit anzustreben, sei auf S. 97 und 100 hingewiesen und ferner bemerkt, daß gelegentlich folgende Juden Vorkommen: Ferdinand Cohn S. 84, Heinrich Simon S. 96 und 129, Johann Jacoby z. B. S. 103, 159, 161, Barnberger S. 130, Joseph Ungar S. 136, Gabriel Rieß-er nn verschiedensten Stellen, Moritz Hartmann S. 129 und sonst. Bon einer Judenverfolgung wird z. B. S. 144 gesprochen. S. 279 wird erwähnt, daß der junge Eduard Lasker sich an dem Wiener Aufstande beteiligte, S. 282 wird Rücksicht genommen aus Berthold Auerbach: Tagebuch aus Wien. S. 480 ist von der Festsetzung der Gleichberechtigung der Juden im Gegensatz zur Aufhebung der Grundrechte in Württemberg, S. 510 davon die Rede, daß der Kaiser von Oesterreich die Streichung der den Juden erteilten Gewährung der Rechtsgleichheit forderte und der Reichsrat seine Zustimmung dazu gab. (Dezember 1851.) S. 518 ff. wird auseinandergesetzt, wie in Oesterreich den Juden gemäß der eben erwähnten kaiserlichen Entscheidung die Erwerbung von Grundstücken verwehrt wurde, sie von öffentlichen Aemtern und Lehrstellen ausgeschlossen wurden, daß ihnen der Abschluß von Ehen durch kreisamtliche Verordnungen untersagt werden konnte und daß frühere Verbote des Haltens christlicher Dienstboten neu eingeschärft wurden, lieber England lesen wir (1848) S. 653 und über dasselbe Land S. 665. An der ersten Stelle heißt es: „Ebenso scheiterte der wiederholt schon gemachte Versuch, den Juden, die selbstverständlich den vorgeschriebenen christlichen Eid nicht leisten konnten, den Zutritt zum Parlament zu eröffnen. Die Frage war durch die Wahl des Barons Lionel Rothschild, den die City von London 1847 als einen ihrer Vertreter erkoren hatte, zu praktischer Bedeutung gelangt. Die Gemeinen' hatten in diesem Fall mit nicht geringer Mehrheit dafür gestimmt. Zur Entrüstung der Protektionisten hatte sich auch ihr Führer Georg Bentinck dieser Mehrheit abgeschlossen. Sie ließen ihn ihre Mißbilligung so unverhohlen fühlen, daß er, dadurch tief

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