Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229312--73219-3285688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
309 „Dank' mir nicht! Du weißt ja auch nicht, aus welchem Grunde." „Ich denke, aus Gründen des guten Geschmacks", sagte ich herzlich. „Was brauchen wir Gründe, wenn wir uns ehrlich von etwas abgestoßen fühlen! Wie hast du denn den Abend verbracht? Warst du im Jugendbund?" „Nein, ich hatte sogar noch ein sonderbares Erlebnis. Ich ging in den Löwen, um ein paar neutrale Zeitungen zu lesen. Ich las den Berner Bund. Alls einmal setzen sich zwei Damen neben meinen Tisch und flüstern so aufgeregt, — das heißt, die ältere flüsterte, die jüngere war meist still und hatte nur kurze verweinte Widevworte, kurzum, ich mußte zuhören und war starr über;ba§ Gespräch. Macht doch die Alte tatsächlich der Jüngeren Vorwürfe, daß sie einen Mann, auf den sie sie scheinbar zu schlechten Zwecken hatte Hetzen wollen, abgewiesen hat. Ich traue meinen Ohren nicht, sehe ungeniert sehrdrohend von meiner Zeitung hoch, der alten Hexe starr auf den Mund. Ja, es war so. Sie sprach sogar, wie um mich in das Gespräch mit einzubeziehen, jetzt lauter und sah mich dabei, öfter Zustimmung erheischend, an. „Na, du kannst dir denken, wie ich dieser sogenannten Mutter aufs Dach stieg. Ich drohte mit der Polizei und allem möglichen, die Alte wurde halb grob, halb verlegen — aber jetzt kommt das Sonderbare — als ich draußen auf der Straße bin, ich hatte schnell mein Bier bezahlt, um aus der ekelhaften Nachbarschaft heraus,zukommeu - , fühle ich mich am Arm gepackt, und wie ich mich umsehe, steht das arme Geschöpf von drin ganz zerflossen in Tränen neben mir. Sie küßt mir nur immerzu die Hand, kann zuerst gar nicht sprechen vor Rührung, und als ich sie nach und nach beruhige, stammelt sie mir nur fortwährend unter Schluchzen und Zittern zu, sie wolle mir ja nur danken; das sei das erstemal in ihren? ganzen Leben, daß ein Mensch gut und selbstlos zu ihr gewesen sei. Ich sei der erste Mann auf der Welt, der mal an ihr Wohl gedacht habe, statt an sein Vergnügen. Was sagst du zu der Sache, Tante Trude?" „Und du hast ihr versprochen, ihr zu helfen und zu ihr zu kommen, wie?" sage ich. „Na, selbstverständlich," sagte er. „Aber das Wie wollte ich mit dir überlegen." „Laß mich zu dem armen Wesen hingehen," bitte ich, „oder schicke sie zu mir." Ich habe auf einmal große Angst um den Großcousin. „Ausgeschlossen!" sagt er ernst. „Sie hat mir mein Ehrenwort abgenommen, daß ich sie nicht verrate. Trotz ihres Elends scheint mir die arme Luzi einen gewissen Stolz zu haben." „Luzi sagst du schon?" „Ach, lieber Gott, Tante Trude," er lacht mitleidig, „mit den armen Dingern macht man nicht viel Staat. Ta fängt man nicht erst mit dem „gnädigen Fräulein" an." Ich war noch nie so ratlos wie in diesem Augenblick. Ich fühle, der junge Vetter berauscht sich etwas an seiner Ritterrolle und dem verantwortungsvollen Geheimnis, das er zu tragen hat. Fast ist es mir eine Beruhigung, daß er mich zu Rate zieht. Ich denke angestrengt nach. Nur nicht mir sein Vertrauen verscherzen! Vielleicht ist es ihm noch nötig. „Benno, sag' dem armen Mädchen, daß ich ihm gern helfen will. Erzähl' ihm von mir, und es soll Vertrauen zu mir haben. Willst du das?" „Ja, gern! Du bist nun 'mal eine gute Seele, Tante Trude. Wenn ich ihr erzähle, wie du bist, erlaubt sie mir schön, dir ihre Adresse zu sagen. Wir wollen ja beide dasselbe, was? das arme Geschöpf retten! Aus alle Fälle halte ich dich auf dem laufenden und erzähle dir, was ich erreiche." Vor dem Hause reicht er mir die Hand. „Gehst du nicht mit hinauf?" frage ich. Mir ist es, als müsse ich ihn festhalten. „Nein, nein, du weißt ja. Ich habe doch versprochen, das arme Wesen aufzusuchen." Meine Warnung hört er nicht mehr. Er ist ja in allen Dingen übereifrig und ganz der Sache ausgeliesert, natürlich auch hier. Als ich geklingelt habe, fallen mir erst Tantes Hoffnungen ein, und mit geheimer Angst denke ich an das Kommende. Richtig, die Stimmung unter dem Gefrierpunkt. Benno war wohl zu sehr bei seinem Erlebnis vom Löwen, sonst hätte er mir doch davon erzählen müssen. Man wußte hier schon, daß die Herren abgereist waren, der Laufjunge aus dem Hotel hatte ein Kärtchen von dem Magdeburger gebracht, in dem er sich höflich für das Gebotene bedankte. Die Abreise wäre ja an sich kein so böses Zeichen — es gibt ja Wiedersehen und Briefe — aber Paula mault und trotzt und Großmama ist böse. Mit uns allen! Jeder von uns ist schuld, wir haben es alle falsch gemacht, Benno und ich, vor allem Paula. Die hat es wirklich schlimm heute. Es erscheint mir beinahe wie Mut diesem harten Zorn gegenüber, bei seinem „Nein" zu bleiben. Aber Paula hat ihn, diesen Mut. „Noch nicht mal für hunderttausend dazu!" trotzt sie. „Sie wer'n den zugeben," sagt Großmutter im Tone kreischender Verachtung und nickt dabei dreimal schwerwiegend, „e Wertstick wie dir, wer'n se noch draufgeben. Auf den Knien rutschen und den lieben Gott danken, von frieh bis spät, kannste, wenn e bekoweter Manu kommt und dich nemmt. Jetzt ist die Zeit, wo kein Mädchen mehr en Schiddach tut." „Und überhaupt," greift Paula in beleidigtem Ton sofort auf, „warum ist denn der eigentlich nicht im Felde?" „Weil se'n reklamiert haben. Weil en Lederhändler jetzt so ivichtig ist" — „Na, ja," sagt Paula verächtlich. „Die Reklamierten, das sind mir schon die richtigen." „Du — du —" Großmama ist aufgestanden in ihrer Wut, und ein Schimpfwort folgt. Paula springt, Tränen in den Augen, von ihrer Scheinarbeit auf und rennt, um allen Weiterungen vorzubeugen, aus der Stube. „Du mußt nicht so aufgeregt sein, Tante Phine," und ich fasse ihre Hände und drücke sie sanft auf ihren Sofasitz zurück. „Du machst sie ja dadurch nur noch störrischer und abgeneigter. Sie muß sich solche Sache doch überlegen dürfen." „Ne, ja doch! Se soll sich's je überlegen, aber se soll nich solche . . . schmus machen" — das war ein böses, zusammengesetztes Wort, dessen erste Hälfte ich gar nicht niederschreiben kann. Taute Phine ist nicht fein, wenn sie heftig wird . „die Schlemihlte, die kein Butterbrot verdienen kann." Nach einer langen, sicher mit viel Ueberlegung angefüllten Pause, in der sie meine Hand ergreift, in ganz verändertem, sanftem Ton: „Kind, wie hat dir denn der Magdeburger gefallen?" Von selbst strafft sich mein Rücken, daß ich kerzengerade, fast mit zurückliegendem Hals sitze; meine Hand ist mit schroffem Ruck aus der ihrigen geflogen: „Was meine Person anbelangt, Tante, so danke ich dir zwar für deine Mühe, aber ich möchte doch sehr bitten, deine Bemühungen einfür allemal einzustellen." Ich weiß nicht, ganz außerhalb meiner sprachen sich diese Worte. Ihr fremder Klang berührt mich selber kalt, und staunend sehe ich, wie eine Veränderung in Tantes Gesicht vorgeht, ein schreckhaftes Staunen darin Platz greift, mit dem sie mich wie aus einem bangen Traum heraus anstarrt: „Gott, nee, was 'ne Aehnlichkeit!" flüstert sie tonlos vor sich hin und sieht mich immer noch starr an. „Was denn? Eine Aehnlichkeit? Mit wem denn?"