Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„Aber, nein doch, Cilli; ich überlege es mir doch nicht alle Minuten anders. Ich nehme ihn wirklich nicht." Und auf einmal liegt sie mir schluchzend am Hals. „Gib ihn mir, -Gertrud, geliebte Gertrud, gib ihn mir!" „Aber Cilli!" Ich suche sie zurückzuschieben. „Ich habe den Mann doch nicht zu verschenken." Aber sie immer aufgeregter, immer fassungsloser: „Ich muß raus von zu Hause, ich bin so unglücklich; ich halte's nicht aus, ich muß, ich muß fort." In diesem Augenblick rührt mich ihr Unglück kaum. Denkt sie denn bei ihrem Plan da nur an sich und gar nicht an die Ausgaben, die ihrer warten würden? „Cilli, der Mann hat fünf Kinder!" „Und wenn schon," sagt sie achselzuckend, „was macht das auch in den Verhältnissen?! Wenn man sich Leute genug halten kann!" „Ach, so meinst du es", sage ich gedehnt. „Cilli, der Mann scheint sich nur wieder verheiraten zu wollen, um für seine fünf Kinder eine Mutter zu haben." „Na ja, eben," sagt sie harmlos, „drum mein' ich auch, so einer wird nicht auf Geld sehen. An sich eine Unverschämtheit, mit fünf Kindern noch dein Geld erheiraten zu wollen. Wenn der noch 'ne stattliche, frische Frau kriegt — hast du gehört, er hat ja sogar ein Auto!" Ihre Augen träumen verklärt ins Weite. „Du, Cilli, ich hatte mir vorgenommen, heute möglichst früh nach meiner Tante zu sehen. Sie war nicht recht wohl gestern." „Na ja, die alte Madame wird ja auch in schöner Aufregung sein. Na, los ist sie ja die Gäste erst mal." „Sind sie abgereist?" frage ich freudig. „Aber woher willst du das schon wissen?" Eine leichte Röte huscht über ihr in der Morgenstunde immer fahles Gesicht, trotz der Schminke, die heute schon so früh sorgfältig ausgetragen ist. „Ich konnte nicht schlafen und machte einen kleinen Morgenspaziergang. Da begegnete ich ihnen." „Früh um C Uhr? Cilli, das hättest du nicht tun sollen!" „Sv? Hätte ich nicht? Du hast gut reden. Hör'mal, mein Herz, Cilli Benjamin tragen sie die Partien nicht an wie dem Fräulein Geheimrat mit dem väterlichen und mütterlichen Vermögen." „Ach, Cilli, laß doch das!" „Schon wieder an die Krone gegriffen? Auch gut! Schweigen wir davon! Aber eins will ich dir sagen: wenn ich selbst etwas für mein Schicksal tue, so kann mir das kein Mensch verdenken. Ein anderer tut's nicht. — Oder doch?" — Sie sieht mich brennend, flehend an, sie erhebt sich in ihrer Unruhe: „Mach dich fertig, Gertrud, ich sehe, du sitzt wie auf Kohlen. Ich begleite dich in die Karlstraße, und unterwegs können wir weiterreden. „Gertrud, du hast es-in der Hand; du kannst viel für mich tun!" Sie sagt es beschwörend, während ich mir in unbestimmter Angst den Hut aufsetze. „Ich? Wie soll ich das machen?" Wieder der beschwörende Ton. „Wenn er um dich anhält, dann schick' ihn zu mir, sprich ihm von mir, von meiner Liebe zu den Kindern —" „Du liebst ja Kinder gar nicht!" „Warum nicht? Wenn's sein muß? Gertrud tue es. Willst du das für mich tun? Willst du ihn mir verschaffen?" Ich schüttele den Kopf. Wir sind auf der Straße. — Ich sehe mich um, ob auch kein Vorübergehender ihren ungebändigten Ton hört. „Siehst du, du hast solchen Einfluß auf alle Menschen; dein Wort gilt so viel. Ich habe schon hundertmal darüber nachqedacht. Ich weiß nicht, wie du es anstellst, daß sie alle zu dir kommen und so an dir hängen, die Alten und die Jungen." „Nun ja, meine Großcousinen haben mich gern, aber sonst —" „Nein, nein, die Männer meine ich, Dr. Westphal und dein Verwandter, der junge Lob. Wie machst du es eigentlich —" „Wie ich das mache?" Ich muß lächeln über das Wort. „Wenn du mich Simon empfiehlst — du als Freundin, die mich doch kennen muß —". „Cilli, es tut mir leid," sage ich energisch und schüttele den Druck ab, der sich mir immer wie lähmend von Cillis Wesen um meine Seele legt. „Solche Geschichten mache ich nicht." „Solche Geschichten!" sagt sie traurig. Enttäuschte Tränen treten in ihre Augen; sie sieht ganz zerknirscht aus. „Ihr sitzt halt alle so sicher und behaglich aus eurem großen Geldsack." Da kommt Benno um die Ecke. Gott sei Dank, ich fühle mich, wie erlöst. Cillis Unglück lastet auf mir wie eine Schuld, und ich kann ihr doch nicht helfen. Sie versteht meine Sprache nicht. Sie zuckt unwillig zusammen. Heute wirkt seine Jungenmännlichkeit nicht auf sie. Ihre Züge bleiben schlaff und traurig, kein aufgeregter Wille, zu gefallen, strafst und glättet sie. „Ich will gehen," sagt sie müde. „Gleichgültiges kann ich heute nicht reden." „Adieu, Cilli, sei nicht so verzweifelt! Es wird sich schon ein Ausweg finden. " . Benno ist jetzt schon ganz dicht vor uns. „Tu es, ich flehe dich an, tu es," flüstert sie aufgeregt, dringlich. Sie drückt noch einmal beschwörend meinen Arm. dann ein flüchtiges Nicken zu Benno, und sie kehrt um. Ich muß ihr mitleidig nachsehen, dann wende ich meinen Kopf zurück und staune über den bösen Blick, mit dem Benno der kolossalen Gestalt folgt. „Eine widerwärtige Person!" flüstert er wie vor sich hin. „Nichts ist mir bei dir so unverständlich wie dein Verkehr." Wir gehen jetzt weiter zusammen der Karlstraße zu. „Hältst du auf die auch so viel?" Ich muß lachen. Das „auch" geht auf Günther. „Heute war sie ja annehmbar", fährt er fort, „aber sonst, das quecksilbrige zudringliche Wesen in den Jahren noch." „Ja, ja, die älteren Mädchen haben es schlecht, man urteilt hart über sie, ein junges Lärvchen versöhnt mit allem." „Da verkennst du mich aber sehr", sagt er in seiner etwas schroffen Weise. „Mit Paulas und Rosas Jahrgang habe ich mir gar nichts zu sagen. Die sind mir alle zu albern und oberflächlich." „Etwas geistiger Hochmut, mein Herr! Darüber klagen die Schwestern oft. Aber eine andere Frage: Wußtest du, warum Herr Simon aus Magdeburg da war?" „Ja." „Und gabst es zu? Du bist wenig ritterlich gegen deine Tante Trude. Einen Wink hättest du mir schon geben können." Ich weiß nicht, aber ich fühle mich maßlos beschämt, wie lächerlich gemacht vor dem, der noch ein halber Knabe ist. Wie lange mag ich für den schon aus dem Heiratsalter heraus sein „Großmama hätte mich gespießt," sagt er lachend. „Aber, daß ich noch mitging, gleichsam meinen Segen dazugebend, das konnte sie doch nicht von mir haben." „Ich danke dir, Benno," sage ich und reiche ihm die Hand. „Wofür denn?" Ja, eigentlich wofür denn? Er hat ja recht. Und dann: „Dafür, daß du dagegen warst." Und jetzt wird er rot und ergreift meine Hand nicht.