Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229312--73217-3285686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
307 Schwierigkeit, als daß sie dadurch größer werden sollte. Es ist doch besser, daß man ein Dutzend neue Wörter lerne, als daß man die alten braucht, die oft durch ihre unbestimmte Bedeutung eine große Verwirrung anrichten. Ich hoffe. Sie werden, wenn Sie einmal selbst den Kant lesen, das, was ich Ihnen hier sage, bestätigt finden. Wir dachten ja sonst über philosophische Gegenstände gewöhnlich einig." Auch in diesem Briefe unterläßt er es nicht, des Berliner Freundes und der Freundin mit Wärme zu gedenken und ihnen Grüße zu übermitteln. Diese waren, außer Markus Herz und seiner Gattin, die Veit, die schon genannte Dorothea Mendelssohn, und der Gatte selbst. Auch an den jungen Joseph Mendelssohn, den ältesten Sohn des Philosophen, werden Grüße bestellt. Der letzte mir vorliegende Brief erfolgte elf Monate später und ist vom 8. Mai 1789 datiert. Er beginnt mit lebhaften Entschuldigungen wegen des langen Stillschweigens Humboldts. „Was werden Sie von mir denken?" fragte er ihn. „Sie schreiben mir im Oktober, und ich antworte Ihnen im Mai- Denken Sie immer jede Hypothese, die Sie machen inögen, nur die eine machen Sie nie, daß ich Sie vergessen hätte, daß ich mich nicht oft und lebhaft an Sie erinnerte. Wir haben so viele frohe Stunden mit und durcheinander genossen, sind zu nah durch gemeinschaftliche Studien und gemeinschaftliche Freuden verbunden, als daß wir je aufhören könnten, uns sehr viel zu fein. Wenn ich Ihnen also so lange nicht schrieb, so rechnen Sie es teils Arbeiten, teils Zerstreuungen, teils aber auch — ich will lieber geradezu meine Schuld gestehen — meiner Nachlässigkeit im Brieffchreiben zu. Es ist so etwas entsetzlich Langweiliges um das Jdeenmitteilen durch Briefe. Man muß, wenn man sich auch noch so oft schreibt, auf eine Entfernung von 40 Meilen doch immer so lange auf Antwort warten, daß die Ideen darüber ihre Interessen vertieren." Darum freue er sich außerordentlich, daß er seinen Freund in sechs bis sieben Monaten Wiedersehen und so im Gespräch mit ihm das nachholen werde, was sie im Briefwechsel versäumt haben. In dieser Zuschrift ist noch von anderen jüdischen Freunden des Briefschreibers die Rede, so z. B. von dem Studiosus Bing, den er durch Beer kennengelernt hatte. Er bezeichnet ihn als einen „sehr fähigen Kopf", der über alle Beschreibung fleißig sei. Ferner erwähnt Humboldt des jungen Friedlaenders, des Neffen des ihm von Berlin aus schon sehr befreundeten David Friedlaender, des eifrigen Vorkämpfers für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen, des bekannten Freundes Moses Mendelssohns. Er schreibt ivörtlich: „Friedlaender scheine fleißig, von sehr gutem, sanftem Charakter. Was macht denn sein Onkel in Berlin? Er wird mir nun auch bald einen Brief sechs Monate lang schuldig sein. . . . Unseren lieben teuren Professor (Markus Herz) grüßen Sie tausend-tausendmal von mir; sagen Sie ihm nur, daß ich ihm sehr für seinen lieben Gruß danke, den mir Stich gebracht hatte. Ich wüßte es sehr wohl, daß' ich ihm noch einen Brief schuldig wäre, aber ich stäcke so tief in Briefschulden, daß ich mir nur durch einen Bankrott zu helfen wüßte. Der Professorin und Madame Beit empfehlen Sie mich angelegentlichst." Es ist in hohem Grade zu bedauern, daß wir nicht auch die Briefe des Arztes Dr. Beer an Wilhelm v. Humboldt besitzen, bzw. daß diese noch nie veröffentlicht wurden. Vielleicht trägt diese meine Mitteilung aber dazu bei, daß diese Zuschriften, die vielleicht irgendwo in einem Archiv oder in einer Privatsammlung ruhen, zutage kommen. Tsntr TruÄr. Roman einer Vierzigjährigen. Bon Anna G o l d s ch m i d t. (17. Fortsetzung.) (Nachdruck verböte».) /^8lch schäle Ihnen eine Birne, Günther." Alle Sorgfalt f wende ich dem Freunde zu; ich ziehe ihn bewußt vor den anderen Gästen vor, rede ihn auffallend viel an. Mögen sie doch sehen, wie befreundet ich mit ihm bin. Das ist meine Welt, hört ihr? In eure Schadchengeschichten gehöre ich nicht hinein. Ich schneide ihm die geschälte Birne auf seinen Teller, und der Witwer schaut leis befremdet auf die Vertraulichkeit. Sogar in den Augen des Lederhändlers glotzt eine dumm-erstaunte Frage. Als Benno kommt, seine Schwestern zu holen, sehe ich ihm fragend in die Augen. Wußtest du? Steckst auch du unter den Verschwörern? Aber er erwidert meine Blicke nicht, eine merkwürdige Unrast und Fremdheit ist in ihm. Ich habe das Gefühl, daß nie eine Gesellschaft beieinander war, die in all ihren Teilen weniger zueinander paßte. Jeder fühlt das wohl; nur Cilli dankt mir, als sie endlich gehen, lebhaft für den „entzückend harmonischen" Abend. „Glückliche Reise", sage ich den beiden Fremden. Beide scheinen zu verstehen. Der Rothaarige sieht unverhohlen traurig aus. Als sie weg sind, lasse ich den Tisch so unaufgerüumt stehen und alles liegen, wie es liegt. Das tue ich sonst nie, aber ich kann nicht mehr! Nur schnell ins Bett! Sie werden doch auch morgen früh fahren, schießt es mir noch durch den Kopf. Cilli wird sie doch nicht umstimmen? Wer weiß, was sie noch auf der Straße anstellt, ihr Ziel zu erreichen. Ich muß lachen, als ich an ihren lauten Uebereifer denke. Da fällt mir ein, daß sie das letzte Stück Weges mit Günther allein geht, und ein Stich fährt mir durch das Herz. Cilli, laß mir, laß mir nur den in Ruhe!- Gleich in aller Morgenfrühe kam Cilli. Ich wunderte mich nicht, als ich, nachdem das Mädchen geöffnet hatte, ihre Stimme an der Korridortür hörte. Sie sah blaß und übernächtig und ungewöhnlich ernst aus und sah ungeduldig nach der Zimmertür zurück, daß sie das Mädchen nur schnell von außen schlösse. Und dann, ohne Einleitung und Ueberlegung, mit einem hastigen Drücken meiner Hand: „Sag, nimmst du ihn?" Ich mußte laut auflachen über diesen Grad von Indiskretion. „Wen? Herrn Simon oder Herrn Stern?" „Rede doch nicht! Daß der Kaffer aus Grindeln nicht für dich bestimmt ist, sicht doch ein Pferd. Nun sag' doch schon, ob du den Witwer nimmst." „Er hat wirklich nicht um mich angehalten." „Das wird schon noch kommen. Nun sag doch schon, wie du dich dazu stellst." „Zu deiner Beruhigung, Cilli: ich würde nicht daran denken, ihn zu nehmen." Ein tiefer Seufzer der Erleichterung. „Na, das dachte ich aber auch. Ich wollte es dir verdenken. Was du wohl nötig hättest, einen Mann mit fünf Blagen zu nehmen, bei dem Geld. Also du nimmst ihn wirklich nicht?" Wieder der aufgeregt angstvolle Ton.