Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Lin Wort in LeMngs „Ksthsn" und ein Satz in kinrm Votum Wi!h„v„ Humboldts. (Au dessen 150. Geburtstage.) 3in fünsten Auftritt des zweiten Aktes von Lessiugs „Nathan" sagt der Tempelherr, nachdem er Nathan nur mit „Jude" angeredet und für sich bemerkt hat, „bald aber sängt mich dieser Jud' an zu verwirren": „Aber Jude, Ihr heißt Nathan? Aber Nathan", und bvn da ab wendet er nur den Eigennamen an. Mit dieser bloßen Aenderung der Anrede, der Anwendung des Eigenstatt des Gattungsnamens, hat der Dichter zum Ausdruck bringen »vollen, daß sich in dem Tempelherrn (infolge von Nathans Worten und Verhalten) ein bedeutsamer Wandel seiner Anschauung vollzogen hat, wie ihn eben ein Lessing allgemein gewünscht hätte. Und dreißig Jahre nach dem Erscheinen des „Nathan" hat einen solchen allgemeinen Wandel der Anschauung Wilhelm v. Humboldt als geboten erachtet. In einem Votum, das er als Chef der Sektion des Kultus und öffentlichen Unterrichts über die Reform der bürgerlichen Verhältnisse der Juden (am l7. Juli 1809) abgibt, heißt es: „Der Staat soll nicht gerade die Juden achten lehren, aber d i e u n h u m a n e De n k n n g 8a r t aufheben, die einen M e n s ch e n nicht n a ch seinen E i g e u s ch a f t e n, s v n d e r n nach seiner A b - st a in in u n g und Religion beurteilt und i h n gegen alle wahren Begriffe von Menschenwürde nicht ivic ein I n d i v i d u u m, s o n d e r n >v i e zu ei n e r Rasse geh ö r i g a n s i e h t." x. Wilhelm o. Humboldt und lein Jugendfreund Leer. Von Dr. A d v l P h ,U o l, n t. (Schluß.) n einem kurz darauf geschriebenen vierten Brief äußert \ sich Humboldt eingehender über seine Zeiteinteilung, seine Studien und Lebensweise. Er sei lediglich auf seine Fachstudien beschränkt, und die Philosophie ruhe fast gänzlich. Dieser Brief ist sehr wichtig für die Biographie Humboldts. Mit welcher Regelmäßigkeit er sein Leben und sein Studium einteilte, verrät er selbst mit den Worten: „Um 5 Uhr oder etwas später, doch immer vor 6 Uhr, stehe ich auf und arbeite bis 10 Uhr. Dann habe ich bis Mittag eine Stunde Kirchengeschichte und eine andere Reichsgeschichte. Um 12 Uhr wird gegessen, bis etwa X>2 Uhr, dann laufe ich allein spazieren, oder ich gehe zu Keverberg bis 2 Uhr. Nachher bin ich wieder bis 6 Uhr in Kollegien, einem ökonomischen und drei juristischen. Nach 6 Uhr, wenn ich nicht ausgebeten bin, was, so selten es auch ist, mir doch noch zu oft komnit, arbeite ich wieder bis gegen 8 Uhr. Von 8 bis 10 Uhr wird gegessen und gewöhnlich bei Löfflers etwas vorgelesen. Dann arbeite ich noch bis 11 Uhr, manchmal auch später, und so endigt sich mein Tag." Im übrigen scheint es dem Bruder Studio in Frankfxirt an der Oder nicht sonderlich zugesagt zu haben, was ganz natürlich ist, da er durch Berlin sehr verwöhnt worden war. Er habe, so klagt er, in jener Universitätsstadt noch keine einzige vergnügte Stunde gehabt, doch müsse nxan sich eben mit den Verhältnissen abfinden, da er ja nur deshalb in Frankfurt lebe, um zu lernen, „man muß seiner Bestimmung folgen, sie sei, welche sie wolle". In derselben Zuschrift ist auch von der „Hofrätin" Henriette Herz die Rede. Ohne seinen Hofmeister Knuth und seinen Bruder Alexander, welch letzterer den nächsten Sommer und Winter wieder in Berlin zubrachte, ging Wilhelm nach einem Ferienaufenthalt in Berlin Ostern 1788 nach Göttingen an die dortige Universität, und so finden wir, daß die folgenden Briese des Göttinger Studenten ans dieser Universitätsstadt datiert sind. Auch diese brieflichen Aeußermxgen zeigen in jeder Zeile das warme und tiefgehende Freundschaftsempfinden des Briefschreivers. Immer und immer versichert er, daß seine Gefühle für Beer auch in der Ferne in keiner Weise an Wärme und Aufrichtigkeit sich vermindert hätten. Hoffentlich kenne ihn sein Freund zu genau, um von ihm zu glauben, daß seine Freundschaft für ihn durch Abwesenheit oder durch irgendeinen anderen Umstand abnehmen könnte. Nur infolge seiner allzu großen Beschäftigungen sei es ihm nicht möglich, seinen freundschaftlichen Empfindungen stets den rechten Ausdruck zu geben. Sehr sehnt er sich zu einein Freunde wie Beer und zu seiner Freundin wie Henriette Herz zurück, schon um metaphysische Fragen mit ihnen besprechen zu können. Er kann es nicht verstehen, wie die Genannte ihm schreiben könne, daß sie das Studium der Metaphysik nicht mehr betreibe. Uebrigens müsse er ihr schließlich recht geben, denn die Metaphysik sei kein rechtes Studium für eine Dame, wie außerordentlich geistreich und scharfsinnig sie auch sei. Recht spöttisch und sarkastisch zeigt sich nebenbei gesagt Wilhelm v. Humboldt in diesem Brief. So hält er z. B. ivenig von den üblichen Doktorpromotioncu. Er meint einmal satirisch: „Eine Doktorproinotivn' habe ich hier gesehen. Wenn Sie jemand wissen, der gern Doktor werden loill und nichts gelernt hat, schicken Sie ihn nur her. Hier braucht er nichts als eine Stunde lang zu stehen und zu tun, als wolle er disputieren. Denn der Professor macht nicht bloß die Disputation für ihn, er hält sie auch hernach. Ich habe einer beigewohnt, wo der Doktorierende nicht ein Wort sprach." Je länger Wilhelm v. Humboldt in Göttingen lebte, desto angenehmer wurde ihm der dortige Aufenthalt. In einer Zuschrift an seinen Freund Beer vom 5. Juni des genannten Jahres sagt er, nachdem er zwei Monate dort geweilt, daß er recht viel angenehme Tage gehabt, viel neue merkwürdige Gegenstände gesehen und so manchen interessanten Mann kennen gelernt habe. In Göttingen biete sich sehr gute Gelegenheit zum Studieren. Die Studenten seien beinahe durchgängig fleißig, und es herrsche ein sehr guter, gar nicht studentenmäßiger Ton unter ihnen. Während Wilhelm v. Humboldt in Berlin und Frankfurt a. O. sich in erster Linie mit Plato, Aristoteles und Moses Mendelssohn beschäftigte, bzw. ihre Werke studierte, wandte er sich in Göttingen allmählich dem Studium Immanuel Kants zu. Er schreibt darüber in gehobener Stimmung an Beer u. a.: „Ich lese jetzt den Kant. Ich habe mir vorgenommen, ihn recht sorgfältig zu studieren. Ich schreibe mir jedesmal das, was ich gelesen habe, wieder selbst auf. In einem halben Jahre komme ich vielleicht doch mit der Kritik zu Ende. Sie ist sehr schwer, das muß ich gestehen, aber soweit ich nun gelesen habe, belohnt sie doch auch die Mühe sehr. Und daß Kant eigentlich so dunkel schrieb, das finde ich nicht. Er schreibt vielmehr sehr bestimmt, definiert und dividiert sehr genau. Die Schwierigkeit liegt wohl nur in den Sachen und in der neuen, ungewohnten Darstellungsart. Daß er sich eine neue Terminologie bildet, dünkt mich, verringert eher die