Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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302 inzwischen Verlorenes gefunden haben; es mutz das ein Stück . des Willens zu einer positiven Haltung dem Judentum gegenüber sein, sich aus der Bibel Anregung zu holen. Der oben gewünschte moderne Bibelkommentar könnte diesem Ziele vielleicht auch näher führen, zumal wenn es aus unseren Kenntnissen über die geschichtlichen Zusammenhänge und unseren erweiterten Möglichkeiten, sich in das Seelenleben früherer Menschen einzufühlen, gelänge, die Lebensbilder der biblischen Gestalten Plastisch erstehen zu lassen und zugleich das System der Anschauungen der Bibel anschaulich zu machen: auf diesem Wege käme man dem Ziele näher, die Bibel wieder zum Volksbuch werden zu lassen, wie das einst Nascht unter anderen Voraussetzungen und nach seiner Denkweise so über alle Maßen gelang. Erstrebt muß jedenfalls werden, daß der Jude sich wieder mehr gewöhnt, an den Urquell seines religiösen Lebens zurückzukehren. Je mehr das alte Leben der naiven Frömmigkeitsübung schwindet, je geringer die Zahl derer wird, die im Zeremoniellen Befriedigung finden, je mehr auf der anderen Seite die Unzulänglichkeit aller rationalistischen Begründung der Frömmigkeit erkannt und empfunden wird, um so notwendiger wird eine erneute Verankerung der jüdischen Frömmigkeit und um so deutlicher wird es, daß aller Wille zu positivem Judentum , erfolglos bleiben muß, wenn man nicht wieder da zu schöpfen; beginnt, wo die Quelle der jüdischen Religiosität in ihrer Eini sachheit und Ursprünglichkeit, in ihrer Großartigkeit und fortreißenden Gewalt sprudelt. Gerade bei der Mechanisierung des modernen Lebens, bei der uns heut Lebenden neu verinittelten Erkenntnis, daß die Fortschritte der Technik noch keine Kultur bedeuten und daß die Seele nach wie vor friert und nach religiösen Werten hungert, könnte die Tiefe der Bibel in der Behandlung der ewigen Menschheitsprvbleme, wenn nur erst der Wille entzündet ist, gtt ihr sich zu flüchten, Wunder wirken, Wunder der Belebung und Befestigung und Wiedererweckung jüdischer Religiosität. Sie Woche. Berlin, den 26. Juni 1917. och ist kein Ende des furchtbaren Krieges abzusehen. Blutige Kämpfe finden täglich im Westen statt. Unsere herrlichen Truppen leisten Wunderbares, unsere Front steht trotz unaufhörlicher Anstrengungen der Feinde unerschüttert da. Im Osten (gegen Rußland), im Süden (gegen Italien) sind Kampfpausen eingetreten; auch vom Südosten ist, trotz der gezwungenen Veränderungen in Griechenland, nichts Neues zu berichten. Die Erfolge unserer U-Boote gehen ins Ungeheuere, wie eine Zusammenstellung für den Monat Mai lehrt, die von einer Vernichtung von über 800 000 Tonnen spricht und einer Zusammenfassung, nach der die während des ganzen Krieges vernichtete Menge fast 9 Millionen Tonnen erreicht. Trotz alledem denkt niemand ans Nachgeben. Die Bemühungen der Sozialdemokraten sind vergeblich; denn Frankreich verlangt in Uebereinstimmung mit seinen Verbündeten Elsaß-Lothringen und Italien will auf Trient nicht verzichten. Rußland, im Innern zerklüftet und einer ungewissen Zukunft entgegensetzend, will von einem Separatfrieden nichts wissen. Alle unsere Gegner rechnen auf die amerikanische Hilfe. In einem fast dreijährigen beispiellosen Ringen haben sie erkannt, daß sie Deutschland und seine Verbündeten nicht bezwingen können. Ihre Prahlereien sind zuschanden gewordenjetzt wähnen sie, es werde Amerika gelingen, in sechs bis sieben Monaten Deutschlands Herr zu werden. .Gewiß unterschätzt kein Verständiger die Mnerikanische Gefahr, wenn es den Amerikanern wirklich gelingen Wte, Truppen in genügender Zahl und hinreichender Ausrüstung nach Europa zu schaffen; und selbst der, der auf die kriegsungewohnten Amerikaner verächtlich Hinsehen wollte, wird die durch ihr Eingreifen ermöglichte Verlängerung des Krieges aufs schmerzlichste beklagen, aber wir halten unerschüttert und voll Vertrauen an der Hoffnung fest, daß uns der Sieg bleiben Mllß. Freilich auch dieser Sommer dürfte trotz aller Verheißungen ohne den ersehnten Frieden zu Ende gehen und ein neuer Winterseidzug mit allen seinen Schrecknissen, ein neuer Wi-nter mit allen Einschränkungen, Entbehrungen für die Daheimgebliebenen scheint unausbleiblich, aber die Hoffnung ans ein gutes Ende muß alle stärken, zum Ausharren ermutigen, weil die Ehre und das Heil des Vaterlandes dies dringend erheischen und jedes, auch das schwerste Opfer fordern. * Zur Widerlegung der Befürchtirng S ch m o l l e r s , daß die Ernennung eines jüdischen ordentlichen Professors unverhältnismäßig viele andere nach sich ziehen müsse, führt die „Correspondenz des Centralvereins" aus, daß von 1910 bis 3916 die Zahl der Ordinarien von 25 auf 18 gesunken sei, daß von den 21 deutschen Universitäten 11 überhaupt keine ordentlichen jüdischen Professoren haben, daß nur Frankfurt eine für die Juden günstige Ausnahme mache. lieber die jüdischen Assistenten sagt das Blatt: Zurzeit sind von 1103 Assistenten der medizinischen Institute an den deutschen Universitäten nur 80, d. h. 7,2 Prozent, jüdisch. Es gibt kein einziges unter den vielen Dutzenden medizinischer Institute, welches nur jüdische Assistenten Hütte. Es gibt aber unter den 21 Universitäten 5, an denen überhaupt keine jüdischen Assistenten angestellt sind! An den meisten übrigen Universitäten ist ihre Zahl verschwindend im Verhältnis zu der der christlichen Assistenten, so z. B. Königsberg 4 unter 29, Greifswald 2 unter 25, Breslau 4 unter 34, Kiel 4 unter 46, Halle 5 unter 52 usw. Besser liegen die Verhältnisse nur an zwei Universitäten, nämlich in Berlin, wo fiel) unter 221 klinischen Assistenten 38 jüdische befinden, und in Straßburq 11 unter 56. Dazu konunt noch die neue Universität Frankfurt a. M. mit 25 unter 81. Es sei schließlich erwähnt, daß noch wesentlich geringer ak* an den Universitäten die Zahl der jüdischen Professoren und Assistenten an den technischen, an den tierärztlichen und an den landwirtschaftlichen Hochschulen Deutschlands ist. Wie unsere Ermittlungen ergeben haben, besitzen von dieser Gruppe deutscher Hochschulen nur einige wenige überhaupt einen jüdischen Lehrer oder Gehilfen. * Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir folgenden Artikel: Eine Attacke des Generals v. G e b s a t t e l. „Alldeutsch — alljüdisch." General v. Gebsattel, der stellvertretende Vorsitzende des All deutschen Verbandes, hat sich bereits durch seine Drohung mit cinoi Revolution in dem bekannten Brief an den Reichskanzler einen ge wissen Namen gemacht. Die bei dieser Gelegenheit erlittene Abfuhr ließ es ihm offenbar wünschenswert erscheinen, das Kampfgebiet zu wechseln. In der alldeutschen „Deutschen Zeitung" veröffentlicht Herr v. Gebsattel einen Artikel „Alldeutsch — vielleicht alljüdisch?", der wohl die antisemitische Wandlung des Alldeutschen Verbandes ein leiten soll. Zunächst macht sich der exzellente Verfasser die Sache insofern leicht, als er den Begriff „alldeutsch" mit „deutsch" und „national" identifiziert. Diesem leuchtenden Alldeutschtnm setzt er tft'.u; einen „rein materialistischen" Kreis gegenüber, der „in friedlicher Eintracht Hnase-Scheidemann-Mosse-Sonnemann Erben umfaßt. Nachdem auf diese Weise zwischen den Mächten des „Lichts" und der „Finsternis" reinlich geschieden worden ist, geht Herr v. Gebsattel auf die für seinen Verband sehr peinliche Behauptung ein, daß „dir alldeutsche Bewegung mit schwerindustriellem Gelde gemacht werve und auf diese Art geradezu im Dienste der durch den Krieg profitieren den Rüstungsindustrie stehe". Er bestreitet das — ansfälligerweist J.