Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang: Nr. 26 r^-^;v^;Jy-'^^^r^'^'?l'-'r Allgemeine ßerlio, 29. Juni 1917 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse L Viese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«pre^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 324. vegriindet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolt Alosse, verUn» Jerusalemev Strasse 4H-49 Alle Zusendungen fiir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierusalemer Straße 46-4-, zu richten. Verlag von Rudolf wosse, Berlin. Unser Berpültnis zur Bibel. Vvn Rabbiner Dr. Diencmann jj LllslllL. — Die Woche. — Siegfried Laboschm: Das Morgen^ gebet. Bon L. G. — Walther Rathenau über das Judentum. Von L. G. — Ein Wort in Lessings „Nathan" und ein Satz in einem Votum Wilhelm v. Humboldts. (Zu t essen 150. Geburtstag). Bon x. — Wilhelm v. Humboldt und sein Jugendfreund Beer. Bon Dr. Adolph Kohut. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt, xiiteravifdje Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gerncindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. P., Goldap, Kvlberg, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Metz, Budapest. — Bon Nah und Fern. - Anlrr Verhältnis,zur videl. Boa Rnbbinrr Dr. Diene mann (Nntibor). II. 2^* iefev Vorwurf der Vernachlässigung der Bibel trifft aber 1 nicht bloß die jüdische Gelehrtenwelt an ihrem Teil und m der ihnen obliegenden Aufgabe; er ist. allerdings in einem! >uideren Sinne und von einem anderen Gesichtspunkte ans auch gegen die Laienwelt — wenn es gestattet ist, diesen sonst nir das Judentum nicht recht zutreffenden Begriff der Kürze halber zu gebrauchen —, auch gegen die sonst jüdisch Jnterj etfiertcn zu erheben. Am wenigsten Aufmerksamkeit von allem | x\übtfc£)en wird der Bibel zugewandt. Es bedarf'wohl erst keines besonderen Beweises, um das Vorhandensein dieses s llebelstandes festzustellen; jedem Beobachter drängt er sich auf. ä'ie breite Masse des jüdischen Publikums entfernt sich von der Ik uelle, aus der seit Jahrhunderten der Strom des jüdischen staben« floß und von dem die stete Erneuerungskraft ausgeht. Tie Bibel wird nicht gelesen, sie ist aus ihrer Rolle als l.ientrum der jüdischen Bildung herausgehoben. Ehedem gab |r-> in unserer Geschichte Perioden, in denen die Bibel-minder trachtet und dafür das talmndischc Schrifttum über IGebühr gepflegt wurde; das war für das Gesamtbild des lüidentmns ein Schaden, denn da war die kräftigste und ursprünglichste Quelle verstopft, aber es konnte ertragen wcr- Itan, wenigstens floß doch eine Quelle, heute aber ist die Belilhäftigung mit dem talmudischen Schrifttum nach Lage der I'Trhältnisse außerhalb der Gelehrtenwelt unmöglich und nicht Imehr zu fordern; wenn nun auch die andere Quelle versiegt, Idann hört doch jeder Zufluß für das religiöse Denken und Iltinpfinden auf. Daß innerhalb des Gottesdienstes die Vor- [lefimg aus der Thora durch die Unkenntnis des Hebräischen wirkungslos bleibt, dem kann entgegengearbeitet werden durch Die Wiederbelebung der alten Einrichtung des Metnrgeman, Tis Dolmetschers, und es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, kis wann es überall Sitte werden wird, der Vorlesung aus Tcr Thora eine angemessene Uebersetzung anzuschließen und jii so fruchtbar zu machen. Das Wesentlichere aber ist, daß |ic Bibel außerhalb der Synagoge nicht gelesen und kaum Uckannt wird. Man liest da, wo man jüdisch interessiert ist, > anhand über das I n d e n t u m, aber man verabsäumt es, an die Quelle selbst hinabznsteigen. Und doch kann nur aus der Quelle selbst die Erneuerung des religiösen Fühlen? fließen, von ihr aus der Strom des jüdischen Geistes so gespeist werden, daß seine Kontinuität nicht abreißt; nur von hier aus kann eine wirkliche Nenbelebung einziehen. Hier sind die lebendigen und ursprünglichen Zeugnisse der jüdischen Religiosität, hier nur gewinnt man den Einblick in die Ge- . fühls- und Gedankenwelt der Ahnen, hier werden die Gestalten aus der Zeit der ungebrochenen Stärke wirklich wach; hier -kann ein bis zur Selbstschöpfung sich erhebendes Nachempfinden erzeugt werden. Hundert Bücher voll Lobpreisungen und Schilderungen über die Hoheit der prophetischen Rede und die Unvergleichlichkeit des in ihr zum Ansdruck kommenden religiösen Genies, über die Tiefe der religiösen Empfindung in den Psalmen, über deren Bedeutung im religiösen Leben der Menschheit nützen nicht so viel wie die Lektüre eines einzigen Prophetenkapitels, eines Psalms selbst. Nur die unmittelbare Berührung mit solchen Aeußerungen eines unbestechlichen und unbeirrbaren Rechtsgefühls, mit solchem Bekenntnis zur sozialen Gerechtigkeit als der Grundlage allen Gemeinschaftslebens, solchen Aeußerungen eines in allen Lebenslagen sich bewährenden Verbundenseins mit Gott kann dazu helfen, im Spiegel dieser ewigen Worte die eigenen Hoffnungen, die tiefsten Bedürfnisse der eigenen Seele wiederzufinden. Was für Kraft da frcizumachen wäre, das kann man aus der Wirkung ermessen, die nach vielen Zeugnissen und Berichten, die zu uns aus dem Felde kommen, die Lektüre der dem Feldgebetbuch beigegebenen Psalmen und der kürzlich vom Verband der Deutschen Juden herausgegebenen Feldbibcl draußen bei unseren Soldaten erzielt, deren viele erst durch diese Lektüre die Kraft der Bibel kennenlernten, wie sie einen Strvin lebendigsten Fuhlens in ihnen ansrührt und ihnen die tiefsten Tiefen ihres Empfindens widerspiegelt, ins Bewußtsein hebt und religiös weihen hilft. Wo ist aber so bald ein Haus, in dem die Lektüre der Bibel zu den Selbstverständlichkeiten gehört, wo in gewissen Zeitabständen der Hausvater seiner Familie Vvrliest, das einzelne Familienglied einmal nach der Bibel zu greifen gewöhnt ift? Und es genügt nicht etwa, daß man in der Schule sie mit den Schülern liest, so dankenswert das ist, die Bibel ist viel mehr ein Buch für Erwachsene als für Heranwachsende; man kann die erhabensten ihrer Sätze, die Tiefe und wundersame Kraft ihrer Gedanken, ihrer Worte erst wirklich empfinden, wenn man in voller Reife mancher schwierigen Lage im Leben gegenübergestanden hat, wenn man Anfechtungen, Sorgen, Enttäuschungen, Hoffnungen und Erfüllungen selbst durchlebt hat. Hier muß auch ein Wandel eintreten, ein Mandel, der mir aus der Kraft des eigenen Entschlusses kommen kann. Es müssen erst wenige, und davon angeregt wieder viele in der Lektüre der Bibel eine Bekräftigung und Befestigung ihrer Frömmigkeit, einen Ersatz für mancherlei in früherer Zeit Gewesenes und