Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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900 das die Geschichte eines Dorfes imb seiner Geureinde erzählt, mit dem herbst beginnend, dann Winter, Frühjahr und Somtner folgen' läßt. Ehe ich die Lektüre begann, glairbte ich, daß ähnlich wie in dem Lodzer Roman, auch in diesem Juden eine hervorragende Rolle spielen wurden.. Darin irrte ich mich. Doch ist von Juden genngsaur die Rede, nur einen Hinweis auf das bodeu.tsmne Buch in diesen Spalten zurechtfertigen. Eine eigentliche Besprechung versuche ich nicht; was ich ine allgemeinen über das Werk zu sagen habe, ist von mir in einer größeren Abhandlung in der Zeitschrift „Nord und Süd" ausgeführt worden. Hier sei nur aus die Anden hingewiesen, die in dem Roman vorkomnien. Solche erscheinen mehrfach: Jankel, der jüdische Schankwirt, in dessen Wirtshaus^ Beratungen gepflogen, Tanzvergnü.gu.ngen veranstaltet tverden und in dem unendlich viel getrunken, wird. Reben ihn:, auf den gleich noch zurü ckzu kommen i st, erscheinen Händler, die Bieh von den. Bauern kaufen., sie werden als gierige, gemeine Kausleute, nicht selten, als Betrüger geschildert. Tie Behandlung die sie seitens der Ballern erfahren,, ist entsprechend der ganzen Art, mit der sich die Dorsleute überhauptin dem Werke benehmen, oft roh geling. Sie werden mit den gemeinsten Schi mp slvorten traktiert, nicht selten regnet es Prügel (vgl. Band I, S. 7, 94 ff., 100 ff. Band II, S. 24 ff., 31,185). Auch die Art in der der Besitzer der Schenke geschildert und behandelt wird, läßt an Deutlichkeit nichts zu, wünschen übrig und ist von. dem, was man Zartheit nennt, unendlich weit entfernt. Derartige Schilderungenhat man schon so häufig gelesen, daß es kaum' lohnen würde, auf sie zu verweisen. Wenn ich trotzdem das Buch an dieser Stelle anführe, so geschieht es wegen einer Szene (Band III, S. 256 ff.), in der der eigentliche Held der merkwürdigen Geschichte, der Hosbauer Antet, einem anncn Juden, der von seinen Kräften fast verlassen wird, bei einer schweren Arbeit hilft und wegen einer anderen, die sich Band III, S. 380 ff. befindet. Der oben, erwähnte Schankwirt Jankel nämlich erklärt sich, nachdem die Bauern von Lipce in ihrem Kampfe gegen die deutschen Eindringlinge obgesiegt haben, mit heftigen Worten gegen die Deiltschen und ailf die verwunderte Frage der Bauern „Ein Jud und hält zu dem Volke, lzabt ihr das gehört?" hat er zu erklären: „Ich bin e Jid, aber im Wald hat man mich nicht aufgelesen; hier bin ich geboren, wie ihr auch, mein Großvater und mein. Vater! Zu, wem soll ich. denn halten? Bin ich nicht einer von den Eurigen? Wenn es euch besser geht, da wird es mir auch besser gehen-... Wenn ihr seine Hosbauern seid, werd' ich doch können! handeln mit euch! Wie mein Großvater mit eitlen Großvätern, na, ist es nicht so?" Und der Verfasser schließt an diese Rede die Bemerkung: „Sie tranken viel und eine solche Freude hatte sie übermannt, daß sie fast dem Juden den Bart geküßt hätten; sie setzten ihn zwischen sich und erzählten ihm alles noch einmal und fragten nur seinen Rat." Schon wegen dieser Stelle muß das höchst merkwürdige Buch, das gewiß zrr den bedeutsamen Leistungen der polnischen Literatur gehört, das aber hier in einer keineswegs vollkommenen Uebersetzung vorgelegt wird, erwähnt werdell. I.. G. — Hebrew Union College. And other Adresses by Dr. Kaufman Kollier, President Hebrew Union College. Cincinnati, Ark Publishing Co. 1916. Der vortreffliche K. Köhler vereinigt in diesem Bande, den er mit einer herzlichen Widmung seiner Gattin zuschreibt und den die Verlagshandlung mH einer ausgezeichneten Photographie des Gelehrten, die schon früher in unserer Zeitung wiedergegeben war, geschmückt hat, 25 Aufsätze, die von 1888 bis 1915 verfaßt worden sind, zum allergrößten Teil aber den letzten Jahren angehören. Teils sind es Gedenkblätter, zum Beispiel an Abraham Geiger, David Einhorn, Samuel Hirsch, Salomorr Schechter, S. Adler, Moses Mielziner, teils Reden in der Anstalt gehalten, deren Direktor Herr Köhler ist, teils Abhandlungen über die Tätigkeit im Judentum, historische Entwicklung jüdischer Mildtätigkeit, Israels Mission, Bibelübersetzung, Zeremonialismus im Judentum, Einfluß der Frau, teils Predigten, darunter einige Sonntagsvorträge. Das Buch ist erbaulich und belehrend. Der Verfasser macht kein Hehl aus seiner durchs aus freisinnigen Anschauung, vermeidet aber unnütze Polemik. Hervorgegangen aus gründlichen Studien, sind die Aufsätze doch mit keinerlei Anmerkungen beschwert. Alle diese verschiedenen Abhandlungen und Reden bilden eine erfreuliche stärkende Lektüre und sind geeignet, die Verehrung für den wackeren Gelehrten zu steigern, der sich trotz seiner Jahre die Jugendlichkeit des Empfindens und die Frische der Darstellung bewahrt hat. L. G. — Geschichte d e s W i l h e l m - E r n st - G y m n a s i um s in Weimar. Bon Otto Francke. Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger, 1916. Die außerordentlich fleißige Arbeit soll hier zunächst deshalb ange zeigt werden, weil wir unserseits gern und stolz an der Freude der klassischen Stätte Weimar teilnehmen. Freilich muß gleich bekannt werden, daß unter den Lehrern des Gymnasiums, das vor kurzem in der Lage war, seine zweite Jahrhundertfeier zu begehen, kein Jude sich befand und daß es zweifelhaft ist, ob, mit Ausnahme der allerjüngsten Zeit, unter den Schülern ein jüdischer gezählt wurde. Aber eine Anführung verdient das Buch schon deshalb, weil Herder, dessen Name auch uns ehrfürchtig ist, viele Jahre das Jnspektorat der Lehranstalt geführt hat, und besonders, weil bereits in der ältesten Schulordnung von 1712 (die Anstalt wurde freilich erst 1716 eröffnet» das Hebräische als Lehrgegenstand genannt wird. Ihm waren vier Stunden, und zwar zwei in Prima, zwei in Prima und Sekunda zusammen gewidmet, lieber Herders Auffassung des Unterrichts heißt cs (S. 124): „lieber die Unterweisung im Hebräischen, das erst in Sekunda einsetzte und zu welcher „Lektion niemand gezwungen wurde" unterrichten die „Erläuterungen", in denen Herder „in Sonderheit eine leichte, anschauliche, paradigmatische Methode, ein baldiges Lesen, wenige Regeln und viel Uebung" empfahl. Auch sollte von den Schülern dieser Klasse „ein guter Teil geneseos durchgemacht sein, ehe sie primam betreten. Sie würden sodann in einem andern historischen Buch zur kursorischen Lexion ohne gar zu spezielle Analyse eingeführt ilnd im poetischen Stil mit den schönsten Stücken aus den Psalmen, dem Hohen Liede, den Schriften Mosis und der Propheten bekannt gemacht werden". Zu weiterer Vertiefung empfahl er dazu Lowtl» „de sacra Poesi hebraea“ und sein Buch vom „Geist der Ebrüischen Poesie". Das Endziel dieses Unterrichts erblickte er vornehmlich in der Aneignung der Grammatik und der Analyse der Sprache. In einem neuen Lehrplan des Jahres 1809 wurden je zwei Stunden in Sekunda und Prima für das Hebräische gefordert und eingeführl War bisher das Hebräische, wie es scheint, nur für die künftigen Theologen sestgestellt, so wurde 1816 verlangt, daß das Hebräische mic fakultativer Lehrgegenstand werden sollte, und zwar mit folgender Begründung: „Die Griechenwut hat auch hier seit 1807 tyrannisier:. Wohlhabende und Reiche vom Studieren abgeschreckt. Käme nun gnr der Zwang des Hebräischen hinzu, so würde fast niemand mehr die Rechte, die Heilkunst, Kameralien u. dgl. studieren, am allerwenigsten die Wohlhabenden." In dem neuen Unterrichtsplan 1820 wurde in der Tat das Hebräische als wahlfreier Gegenstand eingesetzt. Diese wenigen Notizen können und sollen natürlich.nur auf einen für unsere Leser gerade wichtigen Gegenstand Hinweisen; das Buch in seiner Ueberfülle wichtiger und unbekannter Nachweisungen ist geeignet, dem Gebildeten reiche und köstliche Nahrung zu gewähren. L. G. —. D i e jüdischen Bewohner P r e ß b u r g s i m I a h r e 5 7 3 6. Bon Dr. Bernhard Wachstein. Sonderabdruck aus dem „Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Mnseumswesen", 2. Jahrgang. Wien, 1914—1916. Druckt die Konskriptionsliste aus Preßburg im Jahre 1736 ab. Aus der Liste geht hervor, daß die meisten Juden aus den Palfst» schen Besitzungen stammen, daß das Gros der Juden aus österreichischen Ländern kommt, daß aber vielfach auch Deutschland, in einzelnen Fällen Livland und Polen vertreten sind. Die geistlichen Beamten stammen meistenteils aus Mähren. Vom Realbesitz der Mitglieder erfährt man wenig, da es sich um eine Personensteuer der Bewohner und nicht um eine Zinssteuer der Häuser handelt; da die Stellern aber schwer zu ertragen waren, so kann man den Schluß ziehen, da»; der Realbesitz der Juden gering war. Ihrem Berufe nach silld die meisten Jllden Händler, aber es finden sich auch einzelne Handwerker, selbst Künstler (Goldschmiede, Siegelstecher); Lehrer bilden den sechsten Teil der Haushaltungen (darunter natürlich viele Privatlehrer) Arine sind nicht allzuviel vorhanden, dagegen manche Berufslose; für sie wird die Bezeichnung gebraucht Quaestum nullum exercet und ähnliches. Es sind im ganzen 123 Haushaltungen mit 601 Mitgliedern, darunter nicht weniger als 163 Bedienstete; von den letzteren, namenllich den weiblichen, sei es fraglich, ob sie alle dem Judentum angehörten. Als Rabbiner wird Moisses Lemberger angeführt: es k»t Moses Ben Meir, genannt Moses Charis, der aus Lemberg stamnue. Bei einem der Mitglieder findet sich die seltsame Bezeichnung Communitatis Bouchalterus. Die kleine, sehr gewissenhaft gearbeitete Schrift bietet mannigfaches Interesse dar. L. 6.