Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Schrecklich, wenn Nian sich auf einmal versucht fühlt, seine Fahne zu verlassen und ins fremde Lager überzuspringen. Ich stand doch hier für die Partei Großmama, war mit allem Mitleid bei der lieben alten Fran, ihren Aufregungen und Mühen und Geldausgaben, und innerlich fühlte ich mich geschüttelt vor Lachen, so steckte mich der Unhold dort an. „Paula, er soll so ein gediegener, fleißiger Mensch sein." Ob sie merkte, daß meine ernst zuredende Stimme bebte vor ersticktem Lachen? »Ja," nickte sie mit drolligem Ernst, „und so hübsch. So einen hübschen großen Mund hat er." Und dann wieder in neuem Kichern: „Der Mund! Tante Trude, ich saß in einer Angst, er würde sich in die Ohren beißen." „Aber Paula, wenn das Großmania hörte!" „Tante," jetzt sah sie wieder sehr ernst aus. Sie kroch wie in leisem Schauer in sich zusammen, „möchtest du dem einen Kuß geben?" Und ich kleinlaut leise: „Das habe ich mir ja bis jetzt noch nicht gewünscht, Paula." „Ich auch nicht," beteuerte sie. Doch mit hinein mußte sie, es hals ihr nichts. Mir tat Großmamas Unruhe gar zu sehr leid. Ich fühlte mich sehr beschämt, als sie mir nach einem Weilchen dankbar die Hand drückte und heimlich zuflüsterte: „Was du en Einfluß auf sc hast! Jetzt is se wie ausgewechselt." Es^ war wahr, Paula war sprühend vor Lustigkeit und guter Laune, und der Freier, dessen Magenbeschwerden sich auch gelegt zu haben schienen, sah sie wieder strahlend an. Ja, er wagte sogar, angesteckt von ihrer guten Laune, ab und zu jetzt einen ganzen Satz, der aber immer noch gedrückt und heiser klang wie von einem verlegenen Schuljungen. Benno und ich mußten all unseren Einfluß aufbieten, daß Großmama abends zu Haus blieb und sich nach dem Essen sofort zu Bett legte. Sie konnte einfach nicht mehr und doch wollte sie noch weiter ihre Großmutterpflichten erfüllen. „Ich denk doch, s is bekoweter, wenn ich mitgehe," meinte sie recht schwach. „Aber ich bin doch da, Tante Phine," sagte ich beinahe ärgerlich, „ich bin doch wahrhaftig alt genug als Anstandsinutter." „Du, Kind? Du bist doch selber en Mädchen?!" Es verletzt mich so, ich kann beinahe unwirsch und unduldsam werden, wenn ich immer wieder sehe, wie bei Taute der iveibliche Mensch erst bei der Heirat anfängt. Es gab noch eine kleine Szene. Benno streikte. Ich fand ihn heute merkwürdig unzugänglich und gab den Schwestern zum erstenmal insgeheim recht, wenn sie ihn launisch und eigensinnig nennen; zu mir war er es noch nie. Er wollte nicht mitgehen, „er dachte nicht daran, er hatte genug von der ganzen Geschichte". Großmama regte sich auf, wollte dann doch selber mitgehen, schon, damit die Mädchen auf dem Rückweg Schutz hätten, und war in einer Angst, daß die beiden Fremden nebenan in der guten Stube, die darauf warteten, daß wir uns zum Ausgang fertig machten, etwas von dem kleinen Familienzwist merkten. „Tu mir den Gefallen und gelf mit, Benno," flüsterte ich ihm heimlich zu, „daß sich Großmama erst mal beruhigt. Unterwegs kannst du ja mit einer Ausrede verschwinden und holst die Schwester nur ab." „Danke für die Erlaubnis! M. w.! machen wir!" Und so zogen wir los. Tante drückte mir noch einmal heimlich bedeutungsvoll die Hand, „soll bloß alles zum Guten sein!" sagte sie gerührt, und ich sagte: „Tu mir den Gefallen und denk an nichts mehr, Tante Phine! Schlaf nur gut!" Ich küßte sie. Ich wußte, sie tat kein Auge zu die Nacht. Als ich mich umwendete, merkte ich, daß der Magdeburger uns mit weichem Gesichtsausdruck beobachtet hatte. Es war gut, daß wir das Domizil gewechselt hatten. Ein Tag ist furchtbar lang, wenn ihn wildfremde Btenschen zusammen verbringen müssen. Der Redestosf war uns ausgegangen, und mit geheimer Angst hatte ich den kleinen Kreis sich noch verkleinern sehen. Tante und Benno der Unleid war wirklich mit einer fadenscheinigen Ausrede abgebogen, — fehlten. Aber es wurde merkwürdig behaglich. Ich glaube, die Abendstunde ist geselliger Stimmung hold. Die wohlige Wärnre rrnd das sanft abgetönte Licht in unserem (ich sage immer noch unserem, es gehört immer noch bei mir den Eltern und ich bin Kind im Hause) grünen Zimmer tat den Nerven wohl nach all der Gezwungenheit und Anstrengung des Tages. Eine sanftmüde Gemütlichkeit umfloß uns. Vielleicht freute ich mich auch, endlich mal wieder in den eigenen Räumen zu sein. Die Herren nahmen die Kursbücher in die Hand. Sie gerieten in ein leichtes Streiten wegen der Abreise. Ter Rothaarige wollte gern noch den anderen Tag bleiben. Er sah verstohlen auf Paula, und da die ins Leere schallte, als habe sie von dem Gespräch nichts gehört, sah er mit bittender Frage auf mich. Ich hatte ihm den Tag über schon so oft geholfen, einen Satz hilfreich beendet, an dessen letztem Wort er gestolpert war, rettend gelacht, wenn er einen Witz erzählt hatte, dessen geköpfte Spitze kein Mensch mehr abgelvartet hatte. Der arme Mensch hat das Pech, daß nie einer zuhört, wenn er spricht. Nun hoffte er wieder auf «reine Hilfe. Aber was sollte ich tun? Großmamas Mühen und Aufregungen um einen Tag verlängern und seine Hoffnungen auch? Paula nimmt ihn ja doch nicht. Der Magdeburger war entschieden für die Abreise früh um 6 Uhr. „Ich kann wirklich nicht," sagte er einfach. „Ich habe keine Ruhe. Ich lasse die Kinder nicht noch einen Tag allein, sie sind jetzt nicht so versorgt." „Ist Ihre Frau Gemahlin denn nicht zu Hause?" fragte ich. Und auf einmal rings auffällig verdutztes Schweigen. Der Magdeburger wird rot, sieht mich betroffen, wie erschreckt, an und sagt nach einer kleinen fassungslosen Pause: „Ja, wissen Sie denn nicht, daß mir vor vier Jahren meine gute Frau gestorben ist?" Jetzt ist die Reihe an mir, betroffen, erschreckt, fassungslos zu schweigen. Der Mann ist Witwer? ist aus — richtig, Magdeburg hieß ja der Ort, jetzt besinne ich mich. Ich starre die beiden „Freunde" an, den aus Grindeln und den anderen, der nur mitgekommen ist, um „Paula auch ema zu sehen", und auf einmal wird mir klar, daß die beiden niemals Freunde waren, daß ihr Wesen ganz fremd zueinander ist, daß ein Altersunterschied von vielleicht 25 Jahren und so viele andere Unterschiede zwischen ihnen bestehen, als kommen sie ans zwei Welten. Ich bin starr, Herzklopfen habe ich bekommen vor Schreck über meine Dummheit. Und wenn man nur die Schlipse dieser.beiden Männer gesehen hatte, den grauen des Dunkelhaarigen und den blaukarierten mit der hellblauen Perle des Rotkopfes, ~~ man hätte den Unterschied, die ungeheure Gegensätzlichkeit empfinden müssen. Ich erkenne den gewaltigen Schicksalsfinger des Roschminer Lehrers und schaure zusammen vor der fremden Macht. Nicht gescheiter, nicht reifer als Paula handle ich. Ich stehe aus, reiße mit fast unhöflichem Gepolter den Kvmmodenkasten auf und hole mir eine Stickerei. Die Unterhaltung am Tisch schläft angstvoll ein. Mir egal! Schweigt, wenn ihr nichts zu reden wißt. Ich sticke wütend drauflos. Es ist erst 9 Uhr, die Gäste können doch noch nicht gehen. Trotzdem ich die Augen eigensinnig gesenkt halte, fühle ich Paulas ängstlich flehende und des Lederhändlers verlegen unruhige Blicke auf mir. Der Witwer scheint uns alle vergessen zu haben. Er hat die Nasenwurzel, über die sich eine