Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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MM Zeitschriften Zeugnisse jüdischer Tapferkeit in früheren Kämpfen unseres Vaterlandes zu entnehmen. Eine gute Fundgrube solcher durchaus zuverlässigen Mitteilungen bieten manche früheren Jahrgänge dieser Wochenschrift, insbesondere die Jahre 1866, 70/71 und 1805 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". In Nr. 35 des letztgenannten Jahres, als der sünfundzwanzigjährigen Wiederkehr der großen Tage des Deutsch-Französischen Krieges gedacht wurde, hat Herr Dr. M. Stern einen Preisgesang veröffentlicht, den George Laron D y h e e r n dem Heldentod unseres Glaubensgenossen Siegfried Karfunkelstein widmete, der bei Le Bourget für sein Vaterland fiel. Das Gedicht, welches den Titel „D i e Fahne von Le Bourget" trügt, lautet folgendermaßen: „Am dreißigsten Oktober, — Das war ein Kämpfen heiß, - - Wo wieder die preußische Garde — Errang den höchsten Preis. - Da stürmten die Grenadiere — Im lauten Hurra heran. - - Die Wacht am- Rhein ertönte, — Hoch flog die Fahne voran, — Und als sie im Kugelregen — Durchlöchert zu Boden fiel, - ,K ar fu nk el stein, der brave, - - Rafft auf sie im Kampfgewühl. - Und als er todesmutig - Das wehende Banner hält. Wird seine Brust getroffen - - Und wieder die Fahne fällt. - Ta stürmt heran Budritzki, - Der greise General, - - Aus seinen Augen flammt es Wie glühender Nordlichtstrahl. — Die Fahne saßt gewaltig -- Die linke Eisenfaust, Und in der Rechten der Säbel - Wie zündender Blitzstrahl fällst. — Jedweder Stein wird Schanze, - Zur Festung jedes Haus, — Die Grenadiere fallen - Wie Eichen im Sturmesbraus. — Hoch über den Heldenleichen.Ragt siegreich in die Höh', — Gefärbt von edlem Bllite, - Die Fahne von Le Bourget." Dies unseren Glaubensgenossen ehrende Gedicht dürfte sich auch zum Vortrag bei jüdischen Schulfeiern und Vcreinsfestlichkeiten trefflich eignen. Karfunkelstcin war 1848 in Bellthen geboren, trat achtzehnjährig als Freiwilliger 1866 bei der 10. Kompagnie des Garde-Elisabeth-Regiments, damals zu Breslau, ein und machte den Feldzug gegen Oesterreich mit. Im Jahre 4870 erwarb er in der gleichen Kompagnie desselben Regiments anläßlich einer freiwilligen Patrollille, bei der er sich sehr auszeichnete, das Eiserne Kreuz am 28. Oktober; zwei Tage später ereilte ihn in der vorstehend geschilderten Weise das tödliche Blei. Seine Eltern übergaben das ihnen von seinem Hauptmann unter außerordentlich ehrenden Worten gesandte mit Blutstropfen bedeckte Ordenszeichen der Beuthener Synagoge zur Ansbewahrung. Eine Sammluug derartiger Gedichte, die in zündenden Worten die Taten jüdischer Helden in den Kriegen des vorigen lind des jetzigen Jahrhunderts auf Grund akten mäßig belegter Vorgänge schildern, dürfte unseren Schulmännern in Jugendvereinen höchst willkommenes B o r t r a g s m a t e r i a l bei festlichen Anlässen bieten und auch für einen rührigen Verleger -. ziemlich risikofrei sein! Jedem Gedicht wären einige erläuternde bzw. ergänzende Bemerkungen, wie vorstehend, hinzuzufügen. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Bon A nna Golds ch in i d t. (16. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) V^A^cnn er von seinen Kindern spricht, wird seine Stimme VV' weich, sein ernstes Gesicht verklärt sich und wird ordentlich schön, in fast gerührter Zärtlichkeit. Bei dem Thema wird es mir leicht, die höfliche Wirtin zu spielen. Ich bin hoch mal so ein Kindernarr, und wenn ich von der kleinen Gesellschaft höre, ist mein Herz schon zum Lachen geneigt. „Die Torte ist aber wirklich großartig. Mein Kompliment» Frau Sternheim." „Ja, großartig", sekundiert verlegen grinsend der Leder- Händler. „Nu, nu, da muß ich abwehren. Aus so Torten und so was verstehe ich mich weniger", meinte Tante, die von Gang zu Gang ‘— alles war sehr belobt worden — befriedigter und stolzer aussah, „besonders jetzt mit die tausend Kriegsvorschriften, wo mer bei joden Lot Mehl mehr, Gott soll hüten und wahren!, ins Gefängnis'kommen kann." Alle lachten. „Tie haben die beiden jungen Mädchen gemacht." Ta wurde Paula rot und ich fühlte, daß es mir ebenso ging. Warum tat das Tante nun? Ich bin doch kein junges Mädchen, und Paula war gar nicht in der Küche, als ich die Torte buck. Ein Weilchen war ich wie versteinert. Als wir uns zum Nachmittagskaffee niedersetzten, legte der aus Magdeburg mit beteuerndem Seufzer die Hand auf die Herzgegend und schüttelte energisch mit dem Kopf beim Anblick der neuen Kuchenvorräte, die selbst mich überraschten. Nach Tisch, als wir Tante zu ihrem Mittagsschläfchen gezwungen hatten, waren ihr neue Aeugste, daß es nicht reichen könnte, aufgestiegen, und da hat sie schnell zum Bäcker geschickt. Was wußte sie noch von „Kriegsvorschriften" und „Durchhaltenmüssen?" Deutschlands Geschick, der ganze Weltkreis war für sie versunken hinter Wichtigerem und Größerem. Aber ihres Gastes Schicksal hätte sie doch wenigstens nicht so grausam übersehen sollen. Der aus Grindeln, der sich nicht so dreist zu wehren verstand wie sein Begleiter, sah mit angstvoller Verzweiflung ans das Stück Kuchen — großer Gott, was schneidet Tante für Stücke —, das sie ihm auf den Teller legte. Sofort aß er es gehorsam auf, aber so schmerzlich war dabei sein Gesicht, als wolle er jeden Augenblick ausweinen. Mit einem leisen Stöhnen der Erleichterung setzte er den leeren Teller auf den Tisch zurück, - da stand Tante schon wieder mit gezücktem Kuchenmesser auf. Ich aber kann keine Kreatur leiden sehen. Ich widersprach heftig für ihn. Er sah mich innig dankbar an. Als er jetzt, so neuer Gefahr entronnen, Paula, die ununterbrochen an einem Taschentuch stickte, weiter anstarrte, war etwas Tiefes, Belvegtes in sein sonst immer verlegen lächelndes Gesicht gekommen. Ich wette, der Mann litt. Er hatte Mngenbeschwerden. Paula legte den Kopf, ihre Stickerei betrachtend, eine Sekunde lang trotzig zurück, dann stand sie auf und ging ans der Stube. Als Benno dem Herrn vom Fenster aus die schöne Aussicht zeigte, nahm mich Tante beiseite. Sie bebte vor Aufregung: „Nu frag ich dich, wie gefällter Paula! 's ganze Jahr tut se nischt, heute guckt se nich auf von ihre Lappen. Se redt wie e Buch — der Kop kann ein Platzen., heute Herste keinen Ton von se. Se sitzt da wie ne beleidigte Kenigin. Und jetzt läuft se auch noch aus de Stube." „Reg dich nicht auf, Tantchen, ich hole sie wieder herein." „Red ihr ja gut zu, Kind, auf dich hört: se." „Ja, Tante." Als ich in den Korridor kam, hörte ich in der Küche hantieren. Ich ging hinein und war starr über den Ablick. War das die „beleidigte Königin?" Sie saß auf dem Küchenstuhl, den Kopf so weit zurückgebogen, daß ich Angst hatte, sie würde hinten überkippen, dabei strampelte sie mit beiden Beinen und preßte die Hände auf die Brust, als habe sie Angst, zu ersticken vor Lachen. „Tante Trude", prustete sie heraus, „was sagste denn bloß zu dem!"