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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-22 · Heft 25 (22.6.1917) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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tztzBWDWMWMMWMWWWWWMWWH ausführlicher Form erfolgte, kann man aus seinem zweiten Schreiben an Humboldt vermuten, worin er ihm mitteilt, daß seine Bemerkungen ihn außerordentlich interessiert hätten. Er schreibt ihm u. a. wörtlich: „Ich empfinde zu sehr, daß diese paar Stunden, die ich jetzt dem Schlaf entziehe, mir mehr Vergnügen gewähren werden als ich alle die langen Tage der vorigen Woche hindurch genossen habe. Versuche von der Art, als Ihr Aufsatz enthält, haben schon an sich selbst so viel Reiz, und sie mit Ihnen gemeinschaftlich anzustellen, dies ist ein Vergnügen, dem in meinen Augen nur sehr wenige andere gleichkommen. Wie gut mir Ihr Aufsatz im ganzen gefallen hat, was ich überhaupt genommen davon denke, das erfahren Sie nicht; auch die strengste Wahrheit wird so leicht für Schmeichelei gehalten und am leichtesten von den besten Menschen. Darum hiervon kein Wort. Nur noch meinen herzlichsten Dank für das Vergnügen, das Sie mir verschafft haben, und die ebenso herzlichste Bitte, mir doch, so recht oft Sie können, ein ähnliches zu verschaffen/ Nicht so streng philosophisch und dialektisch scharfsinnig, sowie schlagfertig ist ein dritter Brief, den der zwanzigjährige Student der Rechts- und Kameralwissenschaften Wilhelm v. Humboldt an seinen Berliner Freund unterm 10. Oktober 1787 schrieb. Doch ist er für die Jugendgeschichte bzw. die psychologische Beurteilung des Jünglings von hohem Interesse. Wir ersehen daraus, wie er für innige und treue Freundschaft empfänglich war, und wie er mit fast glühender Begeisterung an seinem geliebten Kollegen und Kommilitonen Beer, einem Geistesverwandten von ihm, hing. Es ist gewiß bezeichnend zu erfahren, wie der jugendliche Bruder Studio über wahre Freundschaft urteilt. Es heißt in jener Zuschrift u. a.: „Oh. wie oft, bester Freund, habe ich schon an Sie gedacht, seit ich hier bin. Wie oft mich an die früheren Stunden zurückerinnert, wo ich bei Ihnen oder Sie bei mir waren, und wo wir uns so manchmal über philosophische Gegenstände unterhielten! Wie oft diese Stunden zurückgewünscht! Und nicht bloß diese Trennung macht mir Kummer, nein, vorzüglich der Gedanke, der nur bei Gelegenheit dieser Trennung lebhafter in mir wurde, daß wir uns einmal auf längere Zeit, auch vielleicht für immer, werden trennen müssen. Vergessen Sie mich nur dann nicht, bleiben Sie nur auch dann noch mein Freund!" Humboldt beschäftigt sich auch in diesem Brief mit philosophischen bzw. metaphysischen Fragen, die ihn und seine Ideenwelt ganz außerordentlich in Anspruch nahmen. Auch hier befindet er sich zwar noch im Bannkreis jener formalistischen Begriffsphilosophie, zu der er durch Moses Mendelssohn geschult worden war. Doch steht er vielfach schon auf eigenen Füßen und weicht hier und da von den Ansichten seines Herrn und Meisters ab. Ihm erscheint die Berechtigung, logische Erkenntnis als reale zü behandeln, zweifelhaft. Wieder ist es Moses Mendelssohn, der im Mittelpunkt der dialektischen Auseinandersetzungen des jungen Humboldt steht. In den „Morgenstunden"') hatte nämlich der moderne Sokrates einen neuen Beweis von dem Dasein Gottes durch den Satz auszuführen versucht, daß alles Wirkliche von einem denkenden Wesen als wirklich gedacht werden müsse. Daraus schloß er, daß, da unser Verstand ein eingeschränkter sei, ein vollkommener Verstand existieren müsse, der den Inbegriff und Zusammenhang aller Wirklichkeit in der höchsten Deutlichkeit sich vorstelle. Augenscheinlich hat nun Beer diesen grundlegenden Satz in seiner schon erwähnten Abhandlung weiter darzulegen versucht und dagegen wenden sich die kritischen Betrachtungen Humboldts. Er beseitigt zunächst einen naheliegenden Einwand, der gegen den Satz erhoben werden könnte, mit Hilfe der im Leibnizschen System gegebenes psychologischen und metaphysischen Annahmen, die er somit zu den seinigen macht. Mit einem anderen Einwand dagegen weiß er nicht fertig zu werden und erklärt daher, bis auf weiteres in dem Zustand des Zweifelns verharren zu müssen. Er richtet sich gegen den Ausgang, den Mendelssohn gegen den Begriff des Möglichen genommen. Alles Wirkliche, so hatte dieser behauptet, müsse, wenn es wahr sein solle, von irgendeinem Wesen als wahr erkannt und begriffen werden. Denn schon jede Möglichkeit müsse als Gedanke in einem Wesen idealisches Dasein haben. Nun meint Humboldt, daß sich dem Verfasser der „Morgenstunden" das bloß Logische in etwas Metaphysisches verwandelt und daß er Möglichkeiten schlechtweg als subjektive „Fähigkeiten" behandelt hätte, die in dem Wirklichen begründet seien. Dieser Hypothese gegenüber macht Humboldt auf Möglichkeiten aufmerksam, die in keiner Möglichkeit, sondern lediglich in dem Satz des Widerspruchs begründet seien, die nichts bedeuten als Widerspruchslosigkeit, deren es also unendliche geben könne und die keineswegs aktuell von irgendeinem Wesen gedacht zu werden brauchen. Er führt dann folgendes drastische Beispiel an, um sich recht verständlich zu machen: „Ein geflügeltes Pferd ist eine Möglichkeit. Denn ich sehe weder einen inneren noch einen äußeren Widerspruch, der mich hinderte, die Ideen Pferd und Flügel miteinander zu verbinden. Muß nun aber auch diese Möglichkeit gedacht werden? Und wenn sie es muß, läßt sich diese Notwendigkeit auf die obige Art dartun? Ich sehe hier nicht das Wesen, in welchem die Möglichkeit des geflügelten Pferdes liegen und von dem sie folglich gedacht werden müßte. Aber, hör' ich sagen, sollte auch die obige Beweisart nicht für diesen Fall gelten, so finden Sie ja den Beweis, den Sie suchen, in Mendelssohn selbst. Freilich wohl, mein Bester, allein so ungernichmichvondiesem wahrhaftiggroßen Weltweisen entferne, so sehr ich meine Uebereinstimmung mit seinen Meinungen für den richtig st e n Maß st ab meiner eigenen Forts ch r i t t e i n d e r P h i l o s o p h i e h a l t e, so habe ich mich dennoch nie von der Richtigkeit der Sätze überzeugen können, die er in den letzten Kapiteln seiner „Morgenstunden" vorträgt." In diesem Briefe beruft sich Humboldt auch auf den Hofrat Dr. Marcus Herz, daß auch er Zweifel gegen die Mendelssohnsche Theorie gehegt habe, indem auch er die Ansicht ausgesprochen hätte, daß der Philosoph den Fehler begangen, die Möglichkeit für etwas Positives anzusehen. Schließlich ersucht der Brieffchreiber seinen Freund Beer, ihm aus seinen Zweifeln zu helfen: „Sollte ich selbst über kurz oder lang durch eigenes Nachdenken oder durch Unterredungen mit anderen besser über diese Materie belehrt werden, so verspreche ich Ihnen, sollen Sie es erfahren. Müßte ich gleich alles das wieder zurücknehmen, was ich hier gesagt habe." Indem er seinen „lieben Freund" noch bittet, ihm all das ,.Unbestimmte, Halbigte und Falsche", was er ihm mitgeteilt, zu verzeihen, ersucht er ihn, seine vortreffliche Freundin, Henriette Herz, zu grüßen. Er macht dabei die folgende schalkhafte Bemerkung: „Sie will sich ja einmal durch alle meine Warnungen nicht abschrecken lassen, diese Zeilen zu lesen, und in der Tat, wenn sie ebenso streng richtet, als sie gut richten kann, so zittere ich; bitten Sie ja für mich! Auf die Aeußerungen der Freundschaft hat die Abwesenheit wohl Einfluß, aber auf die Freundschaft selbst muß sie keinen haben. Doch von einem Herzen, wie das Ihrige, brauch' ich nichts zu fürchten. Wenn Sie mir jetzt gut sind, und das sind Sie mir doch, so werden Sie es mir auch gewiß bleiben; so lange bleiben, bis ich selbst es nicht mehr verdiente." Drollig ist es, wie er in diesem Schreiben, wo Humboldt wiederholt betont, daß er schrecklich viel zu tun habe, dem 7) Schriften von Moses Mendelssohn, Bd. H, S. 376.

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