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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-22 · Heft 25 (22.6.1917) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Neue Belege für die Einwirkung Moses Mendelssohns aus die Philosophische bzw. geistige Entwickelung Wilhelm von Humboldts bieten die im Besitz der Familie Lefeldt befindlichen Briefe desselben an seinen Jugendfreund Beer. Diesen lernte er als Hausgenossen des von ihm so hoch geschätzten Hofrates und Professors Dr. Markus Herz in Berlin kennen. Beer studierte Medizin und widmete sich dem ärztlichen Stand. Er war Pensionär bei Herz und schwärmte, gleich den Brüdern Humboldt und vielen anderen jugendlichen, schöngeistigen und wissenschaftlichen Stürmern und Drängern, für die schöne und geistreiche Professorsgattin Henriette Herz. Später lebte Dr. Beer als praktischer Arzt in Glogau und stand mit der Hofrätin Jahrzehnte hindurch in regem brieflichen Verkehr. Wilhelm v. Humboldt wurde nun mit dem philosophisch sehr veranlagten Beer innig befreundet, und es bereitete ihm besonderes Vergnügen, sich mit ihm über die neuere Philosophie, namentlich über diejenige Moses Mendelssohns, für die sie beide sich begeisterten, eingehend zu unterhalten. Später, als ihre Lebenswege sich trennten, blieben sie noch in Korrespondenz, und diese Zuschriften enthalten eine Fülle anregender und lehrreicher Ausführungen, die einerseits für die Lebens- und Weltanschauung und andererseits für das Gemütsleben Wilhelm v. Humboldts von hoher Bedeutung sind. Auch legen sie aufs neue für die übrigens schon bekannte Tatsache Zeugnis ab, daß Humboldt in innigem Verkehr mit Markus Herz und seinem Kreise, mit der Familie Mendelssohn und dem jungen deutschen Judentum jener Tage stand. So schrieb z. B. Humboldt, nachdem er mit seinem Bruder Alexander nach Frankfurt a. O. übersiedelt war, um an der dortigen Universität sein Studium fortzusetzen, an Beer u. a.: „Gern hätte ich eher aus Ihrem Hause Sicherheit gehabt, gern hätte ich eher mein Versprechen, Ihnen zu schreiben, erfüllt, wenn ich nicht durch tausend kleine Abhaltungen wäre daran gehindert worden. Jetzt aber, da unsere erste Einrichtung gemacht ist, jetzt, inein Bester, kann mich nichts von dem angenehmen Geschäft zurückhalten, mich mit Ihnen einmal wieder zu unterhalten. Freilich sind Briefe nur ein schlechter Ersatz für die Freuden eines näheren Umgangs; freilich ist die Erinnerung an einen abwesenden Freund immer mit einem gewissen Schmerz verknüpft. Aber selbst in diesem Schmerz der Sehnsucht liegt eine so angenehme Empfindung verborgen, daß man, auch ohne Empfindelei, gern demselben nachhängt. Erwarten Sie für heute nicht viel mehr als diese wenigen Zeilen von mir! Mit jeder Sekunde fürchte ich, daß die Glocke Drei schlagen wird, um uns in ein juristisches Kollegium zu rufen; alles, was ich Ihnen geschwind sagen kann, ist, daß wir alle gesund und, guuntum fieri potest, vergnügt leben. In wenig Tagen ein Mehreres! Grüßen Sie doch den lieben Hofrat, seine vortreffliche Frau, die Veiten'), Levi, Herrn Friedlaender°) und wen Sie sonst noch sehen, der sich meiner erinnert." Wilhelm v. Humboldt schrieb, gleich seinem Bruder Alexander, manche Briefe an vertraute jüdische Freunde und Freundinnen in hebräischer Kurrentschrift. In einer Zuschrift an Beer entschuldigt er sich einmal, daß er mit ihm deutsch, und nicht in hebräischen Lettern korrespondiere. Der betreffende Brief ist besonders durch seine philosophisch-physikalifch-kritischen Bemerkungen von Wert und Bedeutung. Humboldt knüpft an eine Unterhaltung an, die er vor einiger Zeit mit seinem Freunde Beer über die Teilbarkeit der Körper hatte; er habe damals keine Zeit gehabt, ihm seine Ansicht darüber zu sagen, und daher glaube er, daß es ihn: ') Bekanntlich war die Tollster Moses Mendelssohns in erster Ehe mit dem Bankier Veit verheiratet. °) David Friedlaender. vielleicht angenehm wäre, wenn er über diesen Gegenstand ,mit ihm sich brieflich ausspreche. Jeder Körper, so meint der Briefschrciber, sei, oder besser nusgedrückt, scheine ausgedehnt, ilnd insofern lasse sich auf jeden Körper der Beweis anwenden, den man von der bis ins Unendliche gehenden Teilbarkeit des Raumes führen könne. Nur frage es sich, ob der Körper keine anderen Eigenschaften habe als der leere Raum und ob, wenn er die habe, auch auf sie der obige Belveis anwendbar sei. Denn wenn dies nicht sei, so brauche inan entweder einen neuen Beweis für die Teilbarkeit der Körper bis ins Unendliche oder man müsse zugeben, daß wir endlich auf einfache Teile kommen. Ohne sich auf die gewiß auch dein größten Metaphysiker unlösbare Frage: Worin eigentlich das Wesen der Körper bestehe, einzulassen, finde man doch einen Unterschied zwischen den Körpern und dem leeren Raum, der einem Zweifel unterworfen sein könne, dem nämlich, daß der leere Raum eine bloße Idee ohne Kräfte und positive Eigenschaften sei, die Körper hingegen entweder selbst Kräfte seien, die nur vor unseren Sinnen diesen Schein, dieses Phänomenvn, Hervorbringen oder doch wenigstens Kräfte besitzen. Wenn nun ein zusammengesetztes teilbares Wesen, wie ein Körper, eine Kraft besitze, so müsse diese Kraft entweder bloß in den einzelnen Teilen liegen oder nicht in den Teilen, sondern in der bloßen Zusammensetzung. Diese nun könne wohl den Kräften der einzelnen zusammengesetzten Teile eine andere Richtung geben, aber ganz neue, vorher nicht vorhandene Kräfte bringe sie nicht hervor. Viel laues Wasser gebe nie heißes. Dann sagt er wörtlich: „Den ferneren Beweis dieses Satzes, vorzüglich in Rücksicht auf den von der Harmonie und Symmetrie hergenommenen Einwurf, bitte ich Sie im zweiten Gespräch des „Phädon" selbst nachzulesen. Wenn also die Kraft der Körper nicht in der Zusammensetzung liegt, so liegt sie in den einzelnen Teilen, und wenn nur uns nicht im Zirkel herumdrehen und dieselbe Frage wiederholen wollen, so müssen die einzelnen Teile, worin diese Kraft liegt, nicht mehr zusammengesetzte, sondern einfache sein. Wenn aber das ist, so sind die Körper nicht bis ins Unendliche teilbar. Nun lassen Sie mich kurz das Gesagte wiederholen: Nicht, weil in dem Begriff eines Körpers außer der Idee der Ausdehnung noch die Idee der Kraft liegt. Oft nun, wenn wir vom Körper reden, stellen wir uns nur vor, insofern er ausgedehnt ist, oder mit anderen Worten, wir stellen uns bloß den Sinnenschein vor; und weil sich bei dieser Vvrstellungsart Körper und leerer Raum nicht mehr voneinander »» unterscheiden, so halten wir jenen ebensogut, wie diesen, für bis ins Unendliche teilbar." Er bittet seinen „liebsten Freund", ihm seine Gedanken über das hier Ausgeführte schriftlich mitteilen zn wollen. Es sei ja so angenehm, mit ihm über philosophische Dinge zu reden. Wie man aus dem hier auszugsweise mitgeteilten Brief ersehen kann, beschäftigt sich auch Wilhelm v. Humboldt, gerade wie Moses Mendelssohn, auf dessen „Phädon" er sich ja auch beruft, mit der Frage über die unendliche Teilbarkeit der Körper im Sinne der Leibnizschen Monadologie. Er verneint, daß das Körperliche ein Phänomenvn zugrunde liegender Kräfte sei, wobei er sich, wie gesagt, auf Moses Mendelssohn beruft. Dieser hatte nämlich in Wiederhohnng der Ansicht, die Seele dürfte am Ende nichts als die Harmonie des Körpers sein, den Satz umständlich begründet, „daß niemals durch die Zusammensetzung eine Kraft oder Wirksamkeit erhalten werden kann, deren Ursprung nicht in den Grundteilen zu suchen ist" °). Leider besitzen wir nicht die Antwort, die Beer auf diese Ausführungen erteilt hat. Daß sie jedoch in sehr eingehender, fl) Moses Mendelssohns gesammelte Schriften, Band II, S. 150.

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