Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 292 ——- Sladtverordlletenversammlungen über die Mehrheit verfügen, bürften jüdische Schulen auf Kosten dieser Städte errichtet werden. Sodann« heben wir aus dem „Berliner Tageblatt" einen Artikel des Herrn Stadtverordneten M a x L e w i n s k i hervor: „Die jüdische Bevölkerung in Kongreßpolen. Die Rechtslage." Es wird darin klargelegt, wie feit dem Jahre 1863 durch den Markgrafen Wielopolski die Emanzipation gewährt wurde, und dann ausgeführt: Wielopolski, obgleich ein aufgeklärter liberalisierender Staatsmann, hatte die Emanzipation der Juden fraglos nicht aus dem Rechtsgefühl heraus allein eingeleitet; er mußte als gewiegter Kenner der Verhältnisse mit dem traditionellen Widerstande der Aristokratie und des Klerus rechnen, ihm schwebten weitergehende Ziele vor. Der intelligentere Teil der polnischen Juden stand damals noch vielfach tut Banne deutscher Kultur. Ju Bürgerhäusern war nicht etwa das jetzt so vielfach moderne „Jiddisch" die Umgangssprache; man bemühte sich, unsere Geistesheroen in der Ursprache kenneuzulernen und zu verstehen. Der rege Verkehr mit denl westlichen Nachbar färbte ab, und die führenden Ideen in Preußen-Deutschland fanden stets politisch und kulturell im Weichselgebiete bei der israelitischen Bevölkerung ein Echo und lebhaftes Interesse. Der Staatsmann Wielopolski dachte durch Gewährung aller staatsbürgerlichen Rechte die jüdische Bevölkerung immer mehr an das neue polnische politische Gebilde zu binden, in der ganz richtigen Voraussetzung, daß nur ein geeintes Land dem Wechsel der Zeiten und Strömungen in Petersburg standhalten könnte. Tatsächlich ist diese Vollemanzipation in ihren grundlegenden Gedanken von Rußland niemals aus gesetzlichem Wege aufgehoben worden. Bis zum letzten Tage der Zarenherrschaft durften die Juden in Kongreßpolen im Gegensatz zu ihren Glaubensgenossen im eigentlichen Rußland und Litauen Grund und Boden in Städten und auf dem Lande erwerben; es gab keinen Ausiedlungsrayon und wenn, abgesehen von den Beschränkungen administrativer Art der letzten zwanzig Jahre, der reine Rechtszustand betrachtet wird, so existiert tatsächlich noch immer die Emanzipationsakte von 1863. In der späteren Zeit wirkten der Antisemitismus und das Aufkommen eines polnischen Mittelstandes nachteilig. Für die Zukunft erkennt der Verfasser des Artikels das Heil in engem Anschluß an den polnischen Staatsgedanken. Er schreibt: Wie bei uns der Staat von allen Bewohnern in erster Linie das Bekenntnis des Deutschtums verlangt, so müssen die Juden unseres neuen Nachbarstaates gerechterweise mit gleichem Maße gemessen werden. Von beiden Seiten gehört aber Zeit und Takt dazu, bis alte Wunden verharscht sind; ein „Imperium in imperio“ ist doch undenkbar. Das sieht man auch selbst in dortigen jüdischen Kreisen teilweise ein. Der Beweis ist die Ergebenheitsadresse der orthodoxen Juden an den provisorischen Staatsrat. Mögen die Juden in Polen nie vergessen, daß einst König Wladislaus sie vor mehreren hundert Jahren, als sie aus Osteuropa grausam vertrieben waren, gastlich in seinen Ländern aufnahm, und die polnische Bevölkerung möge nicht außer acht lassen, daß Tausende von Israeliten in den Aufständen 1830,' 1848, 1863 für den weißen Adler geblutet haben. Unzählig sind auch die jüdischen Dulder, die in Sibiriens Steppen ruhen. Die Rechtsgleichheit existiert in Kongreßpolen seit über einem halben Jahrhundert. Es bedarf keiner Emanzipationsakte der neuen Regierung. Tie Neuorientierung aller Dinge wird im zukünftigen Polnischen Staate auch viele Mißverständnisse und die Erinnerung an vergangene Leiden fortwischen, und wie in bot anderen Kultnrstaaten müssen die polnischen Juden es lernen, sich als Bürger des neuen Staates, unbeschadet der freien Ausübung ihres Glaubens, zu fühlen, denn Polen und Israeliten sind auseinander angewiesen. Möge die Hoffnung nicht trügen, daß die Urbewohner des Landes ihnen dies nicht zu schwer machen. Die Verhältnisse im autonomen Galizien rufen leider nach dieser Richtung doch gewisse Befürchtungen wach, jedoch braucht das Wort „vestigia terrcnt“ sich in der großen neuen Zeit des Umlernens nicht innner zu bewahrheiten. * Ein großes Umlernen wird uns allen in Zukunft nötig sein. Die Menschheit wird sich erst aus ihre großen Kulturaufgaben besinnen müssen. Auch wir Juden werden uns nicht aitsschließen dürfen von dieser Neuorientierung, die sich vorbereitet. Ihre Folgen werden wohl — das kann man schon jetzt sagen, ohne die traurige und undankbare Rolle eines Propheten zu spielen —darin bestehen, daß jeder Begriff der Jnternationalität verschwindet und daß die Juden, weit mehr als früher, es als ihre Aufgabe betrachten müssen, ihren Glauben treu zu wahren, sich aber noch enger als bisher an die Völker anzufchließen, unter denen sie leben und deren Kultur sie angenommen haben. Not und Elend, wo es auftritt, werden sie zu lindern versuchen, aber die -erste Aufgabe wird fein und bleiben müssen, vollberechtigte Bürger des Landes zu sein, das sie als ihr Vaterland betrachten. Gewähre uns ein gnädiges Geschick, daß wir es recht bald vermögen, an die Lösung dieser Aufgabe heranzutreten! Wilhelm o. Humboldt und lrin Jugrndfreund örrr. Bon Dr. Adolph K o h u t. s ist bekannt, daß die Brüder Alexander und Wilh e l m v. Humboldtin der „vorsintflutlichen" Zeit in ihrer jugendlichen Erziehung und Bildung in Berlin von dem Geiste und dem Kreise Moses Mendelssohns beeinflußt wurden. Es ist wahrscheinlich, daß auch der Verfasser der Werke „Phädon", „Morgenstunden" und „Jerusalem" an dem Studium Wilhelm v. Humboldts lebhaftes Interesse genommen. Weniger ist aber urkundlich belegt, wenn auch in hohem Grade wahrscheinlich, daß Mendelssohn ihm sowohl wie seinem jüngeren Bruder Alexander im Garten peripatethisch seine „Morgenstunden" vorgetragen und in freundschaftlichem Verkehr mit den so hochbegabten und strebsamen Jünglingen Lehren der Humanität und Weisheit gespendet habe. Wilhelm v. Humboldt war in der Wolfschen Philosophie gesäugt und großgezogen worden, wie er einst selbst an den Philosophen Fritz Jacobi schrieb. Alles spricht nun dafür, daß Mendelssohn es war, der ihn in dieselbe einweihte. Allerdings verdankte er auch den Vorlesungen des Philosophen und Aesthetikers I. I. Engel zweifellos für seine philosophische und ästhetische Bildung mannigfache Anregungen. Aber gewiß ist nicht dieser, wie Rud. Hahm in seinem Werk über Wilhelm v. Humboldts und neuerdings Professor Leitzmannfl behaupten, sondern Moses Mendelssohn gemeint, wenn der berühmte Linguist, Aesthetiker und Staatsmann in der Einleitung zu seiner Uebersetzung Xenophonscher und Platonscher Stellen über die Gottheit, Vorsehung und Unsterblichkeit °) sich auf den aufmunternden Beifall eines Mannes beruft, „in dem Deutschland schon längst nicht bloß einen seiner scharfsinnigsten Philosophen, sondern auch einen seiner feinsten Schriftsteller verehrt und dem ich den größten Teil meiner Bildung schuldig zu sein mit innigster Dankbarkeit bekenne". Für seinen ältesten Sohn Joseph hielt bekanntlich Moses Mendelssohn jene philosophisch-religiösen Vorträge, die dann 1785 unter dem Titel „Morgenstunden" für den Druck ausgearbeitet wurden. Die Ueberlieferung, die wissen will, daß auch die jugendlichen Brüder Humboldt diesen Vorträgen beigewohnt hätten, ist ohne weiteres nicht von der Hand zu weisen. So viel steht fest, daß die Schriften des jüdischen Denkers von Wilhelm v. Humboldt eifrig studiert wurden und ihm und seinen Freunden reichen Stofs zur mündlichen und schriftlichen Besprechung boten. fl Seite 9. fl Briefe an Jacobi, Seite 10t. fl Siehe Wilh. v. Humboldts „Gesammelte Werke", Berlin 1848. III. Bd., S. 106. lNeuerdings werden diese Stellen von Leitzmau.i auf Engel gedeutet.)