Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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291 sammenfassung der Anschauungen der Bibel ausmünden müßte. Eine solche Zusammenfassung der biblischen Anschauungen wäre notwendig, um die Selbständigkeit und die bleibende Bedeutung dieser Gedanken für alle Seelenkultur Juden und Christen zu zeigen. Es hätte, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn wir ein geschlossenes Bild der biblischen Frömmigkeit hätten, nie dahin kommen können, daß man jahrzehntelang die christliche Behauptung, daß Glauben höher steht als Gesetz, auch auf jüdischer Seite kritiklos hingenommen und nachgebetet hätte, und daß man in vollständigem Vergessen, aus welchen psychologischen Gründen das Christentum die Anerkennung eines -Gesetzes als Grundlage der Religiosität, auch gegenüber dem Sittengesetz, verwirft, an dem grundsätzlich dem Gesetz zustimmenden Charakter des Judentums zu rütteln versucht hätte. Jedenfalls darf es nicht so bleiben, daß man derart abseits der Bibelforschung stehen bleibt wie bisher, hier sind Ausgaben zu lösen, deren Erfüllung wir Juden uns eifriger angelegen lassen sein müssen, sonst würde in einem gewissen Sinne das Wort aus dem Hohen Liede eine erneute Wahrheit gewinnen: „meinen Weinberg, der mir zugehört, habe ich nicht behütet." Dir Woche. Berlin, den 19. Juni 1917. as wichtigste Ereignis der vergangenen Woche ist die gezwungene Abdankung des Königs Konstantin von Griechenland. So ist dieser unerschrockene, standhafte Fürst, der seine Neutralität unter den furchtbarsten Schwierigkeiten zu wahren wußte, nach jahrelangem heldenhaften Widerstande den Machinationen der Entente erlegen und genötigt worden, nicht seinem ältesten Sohn, Georg, der seine Gesinnung teilte, sondern seinem jüngeren Sohn, Alexander, welcher, unerfahren, ein Spielball in den Händen unserer Feinde ist, die Regierung $u übergeben. Es ist wahrscheinlich, wenn auch im Augenblicke, da wir dieses schreiben, noch nicht gewiß, daß Herr Venizelos, Deutschlands alter Gegner, ans Ruder kommt und das von ihm irregeleitete Griechenland gegen den Willen der Verständigen dieses Volkes sich völlig der Gefolgschaft der Entente überläßt und zu unseren Feinden gesellt. Welche Folgen das sür die Fortführung des Krieges haben wird, läßt sich einstweilen noch nicht absehen. Unterdessen tobt der fürchterliche Krieg weiter. Von besonderen Ereignissen ist nur zu registrieren, daß London mit Bomben beworfen worden ist, die U-Boot-Erfolge weiter groß sind und daß es den Anstrengungen der Feinde nirgends gelungen ist, unsere Fronten zu durchbrechen oder auch nur zu erschüttern. Ebenso unerschütterlich scheint freilich bisher der Kriegswille unserer Feinde und das Festhalten an ihren Kriegszielen, denen wir uns nicht beugen können und dürfen. Die heuchlerische Deutung des Schlagworts „Ohne Annexionen", die Frankreich ausgegeben, daß die Rückgabe von Elsaß-Lothringen keine Annexion, sondern die Wiederherstellung eines früheren berechtigten Zustandes darstelle, ist auch von England angenommen worden. Wie ungeschichtlich sie ist, haben wir in der vorigen Nummer dargetan; jeder Deutsche muß daran festhalten, daß eine Entäußerung alten deutschen Besitzes zu den Unmöglichkeiten gehört. Und wenn England weiter seine angemaßte Rolle des Freiheitsbringers zu spielen fortfährt mit seiner Erklärung, das Ziel des Krieges sei eine Befreiung der imtet Oesterreichs Herrschaft schmachtenden Völkerschaften, so wird auch diese Bedingung als eine ungeheuerliche Vergewaltigung, als eine undenkbare Verletzung des früheren Zustandes empfunden und.abgewiesen werden müssen. * Die in der vorigen Nummer gebrachte Notitz über die JudenkrawalleinLeeds wird durch folgende ausführlichere Darstellung ergänzt, die wir -er „Frankfurter Zeitung" entnehmen. Die I u d e n h e tz e in England. Haag, 12. Juni. Die Hetze, die die „Daily Mail" und Blätter ähnlichen Schlages gegen die in England weilenden russischen Emigranten führen, weil diese sich nicht zum Heere gemeldet haben, hat nun ihre Früchte getragen. Wie „Daily News" vorn 6. Juni mitteilten, kam es in Leeds zu lebhaften Ausschreitungen gegen die dortigen Juden, die nur durch energische Maßregeln der Polizei unterdrückt werden konnten. Der Pöbel warf Eisenstücke durch die Fenster einer Volksschule, deren Raum dicht mit Kindern gefüllt war. Auch wurden zahlreiche Fensterscheiben eingeworfen. Es handelt sich hierbei um Ausschreitungen gegen russische Juden, die in der Kleider- und Uniformindustrie beschäftigt sind. Einer der führenden Juden wies den Vorwurf auf das lebhafteste zurück, daß die englischen Juden sich weniger in das Heer einreihen ließen als die anderen Bürger. Von einer Bevölkerung von 21000 Juden dieser Gegend seien 2500 beim Heere, was einen höheren Prozentsatz darstelle als derjenige der Gesamtbevölkerung. Tatsächlich seien alle dienstfähigen englischen Juden bei der Armee. Von den russischen Juden hätten sich 200 Freiwillige gemeldet. * Eine kräftige Abwehr gegen die Antisemiten i n Deutschland finden wir in der Wiener „Zeit". Sie lautet: Opfer antisemitischer M e t h o d e n. Unter den Franzosen, die die Kriegspsychose um jeden Verstand gebracht hat, hat sich, so schreibt der Berliner „Vorwärts", in jüngster Zeit ein Professor Berillvn hervorgetan. Er hat „wissenschaftlich" nachgewiesen, daß die Boches überhaupt keine richtigen Menschen, sondern nur eine Art Halbmenschen seien; er hat höhnisch die Deutschen als Ausgeburt von Häßlichkeit und Plumpheit zu porträtieren gesucht, als Menschen mit dicken Bäuchen, platten Füßen, unförmlichen Gliedmaßen, üblem Geruch und Gesichtszügen, die ans niedrige Charaktereigenschaften schließen lassen. Einige alldeutsche Blätter haben diese Borillonschen Schilderungen mit großer Entrüstung wiedergegeben. Wir haben gewiß kein Wort der Verteidigung für sie. Aber nicht alle deutschen Blätter, die sich heute über Borillon entrüsten, haben das volle moralische Recht dazu. Sind Berillons Methoden nicht genau dieselben, mit denen in Deutschland bis dicht vor dem Krieg eine gewisse Art des Antisemitismus gearbeitet hat?! Wir erinnern uns beispielsweise der von dem Hammer-Mann Theodor Fritsch herausgegebenen Flllgblätter, auf denen bildlich idealisierten germanischen Typen gräßliche Zerrbilder semitischen Ansehens zum Vergleich gegenübergestellt wurden. Ist das nicht die gleiche physische Verhetzung, wie sie Börillon treibt? Und bei einer Rundfrage eines Blattes über die Gründe der Unbeliebtheit der Juden entgegnete an erster Stelle ein Diplomat: „Weil sie stinken." Jetzt sagt Herr Bvrillon den Deutschen üble Gerüche nach. Die Rassenverhetzung arbeitet also überall nnt denselben Methoden. Für gewisse Rassenhetzer bei uns ist es eine heilsame Lehre, wenn sie selber einmal aus Anstistern zu Opfern dieser Verhetzung werden. Mögen sie die Folgerung ziehen. * Besondere Aufmerksamkeit verdient die Neuregelung der Verhältnisse der Juden in Polen. Darauf bezieht sich zunächst nachstehende Ausführung der „Ostpreußischen Zeitung": Die Inden und das Schulwesen in Polen. Das Warschauer jüdische Blatt „Moment" schreibt u. a.: Die Juden werden demnächst ein großes Fest feiern können: es findet nämlich die Organisationsversammlung des Jüdischen Schulvereins statt. Der neue Verein hat das Recht zum Aufbau des gesamten jüdischen Schulwesens und des jüdischen Volksbildungswesens in dem von den Deutschen besetzten Gebiete. Er darf sämtliche private Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache übernehmen und diese nach einheitlichen Grundsätzen einrichten. Der neue Verein kann für die Juden das werden, was für die nationalen Schulen anderer Völker eigentlich der Staat ist. Irgendwelche Hindernisse bei Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache wird es nicht mehr geben. In Städten, in denen die Inden in den