Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mangelhafter Vorbereitung sich aufdrängt, die sich bei dem Umfang der Praktischen theologischen Arbeit schwer gutmachen läßt, das ihnen dann die Hände lähmt. Es kommt hinzu, daß dem jüdischen Gelehrten, dank der Weite und dem Umfang der jüdischen Geschichte und Literatur und der Ideenwelt des Judentums und dank der Stärke ihres Verwobenseins mit der allgemeinen Weltgeschichte und Kultur, eine ungeheure Fülle der Betätigungsfelder zugewiesen ist, die alle bebaut werden müssen, wenn nicht die wissenschaftliche Erforschung des Judentums Schaden leiden soll: philosophische Begründung des Lehrgehalts, Talmud, Geschichte und so vieles andere noch. So kommt es, daß der Arbeitswille der jüdischen Gelehrten sich auf die mannigfachsten Gebiete wirft, auf die Geschichte, die nachbiblische Literatur, den Talmud und das Heer der Erklärer, auf die gedankliche Begründung des Judentums, die Heraushebnng seines Ideengehalts, die Verteidigung gegenüber Angriffen, aber das Gebiet der Bibelforschung umgeht und höchstens sich auf die Widerlegung gewisser Jrrtttmer der protestantischen Bibelkritik beschränkt. Mag das alles nun noch so erklärlich und noch so entschuldbar sein, die Tatsache besteht, daß die Bibelforschung, die in unserer Mitte im 19. Jahrhundert Abraham Geiger so ernst in Angriff nahm, bis auf geringe rühmliche Ausnahmen fast ganz eine Domäne der christlichen Gelehrten geworden ist. An sich müßte das gleichgültig sein, denn in der Wissenschaft kommt es ja nur auf Wahrheit und Tatsache und nicht auf Konfession an, aber cs ist doch bedauerlich, und zwar aus einem doppelten Grunde. Einmal, weil dadurch der Anteil der Juden an einem wichtigen Gebiet der modernen Kultur geschmälert wird, die Bibel ist nun einmal eine Grundlage aller Kultur, die Arbeit an ihr ist Kulturarbeit ersten Ranges, und ihre Vernachlässigung unsrerseits bedeutet eine Minderung des Anteils, den wir zur allgemeinen Kultur beitragen. Tann aber geht die Erforschung der Wahrheit, die Verbindung und Gruppierung der Tatsachen, die Erschließung der Tatsachen aus den vorhandenen Zeugnissen ja doch stets von einer gewissen Betrachtnngsart aus, und daß die Juden sich so lange von aller Bibelforschung fernhielten, mußte nur dazu führen, daß nun ganz bestimmte, dem Judentum abträgliche Vorstellungsreihcn als allgemein erwiesen und unbestritten zu gelten ansingen. Es sei dabei von den Auswüchsen der Bibelkritik, bestehend in der Zerreißung und Zerfaserung der Bibelverse, ganz abgesehen; das ist nicht das Schlimmste, diese Tinge gehen schließlich an dem Grotesken der Ueberspannnng von selbst zugrunde. Das Schlimmere ist, daß, da so die Bibelforschung zu einer Domäne der christlichen Theologie wurde, auch bei dem ausgesprochensten Willen zur Unbefangenheit christlicherseits eine psychologische Voraussetzung der Arbeit vorhanden bleibt, nämlich die Auffassung des Judentums nicht als einer selbständigen Kulturmacht von bleibendem Wert, sondern als einer Vorstufe des Christentums, als einer überwundenen Denk- und Frömmigkeitsart. Weil man das Christentum als die Religion schlechthin betrachtet, die, wenn mau sie nicht mehr als fertig vom Himmel herniedergestiegene Ncuschöpfung betrachten will, die Aufnahme und Weiterführung d e r Tendenzen sei, die die religiösen Genies der Menschheit, die israelitischen Propheten angeschlagen hätten, die die Juden aber nicht zu begreifen und aufzunehmen verstanden hätten, deshalb formte sich in der Intuition der christlichen Gelehrten, ihnen selbst unbewußt, das Schema von dem Prophetismus als dem Kampf gegen allen Kultus, von dem Judentum als dem starren Gesetz, als dem Inbegriff allen Ritualismus, vom Gesetz als einer nationalen Reaktion gegen die Weite deS prophetischen Universalismus; deshalb deutet ihnen ihre schaffende und verbindende Phantasie in aller Geschichtsschreibung ist das Element der Phantasie zur Verbindung der Tatsachen und zur seelischen Einfühlung in die vorhandenen Zeugnisse, um daraus Tatsachen abzuleiten, wirksam — die Schilderungen der Bibel so, daß sie zu dem eben skizzierten Bilde sich zusarnmensügen. So kommt ein Bild von Israel zustande, daß es entgegen der biblischen Darstellung ein Volk von kraffen Götzendienern durchgängig war, daß die Propheten nicht verschüttete Quellen zu reichlicherem Strömen brachten, sondern ein ganz Neues, eigentlich nicht mehr Israelitisches schufen, bis schließlich ein Chamberlain auf Grund solcher Darstellungen von dem Juden als dem eigentlichen und vielleicht einzigen Götzendiener in der Welt zu sprechen sich erkühnen durste. Diese psychologische Voraussetzung der modernen Bibelkritik, die Auffassung des Judentums als einer Vorstufe des Christentums, sie ist das dem Judentum Abträgliche. Gerade sie aber wird durch die Verbreitung der aus ihr fließenden, angeblich gesicherten Ergebnisse der Forschung immer von neuem und immer tiefer und breiter im Bewußtsein verwurzelt. Populäre Schriften tragen sie in die breite Masse hinein; die Schar der Halbnnd Viertelgebildeten, der große Kreis derer, über deren Streben man sich schon freuen muß, wenn sie neben ihrer Tagesarbeit ein Buch lesen, sie nehmen diese Darstellungen in sich auf. Das ist um so gefährlicher, als dadurch eine neue wissenschaftliche Begründung und Rechtfertigung der instinktmäßigen Abneigung gegen das Judentum gegeben wird und der Antisemitismus mit dem Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit sichumkleiden darf. Auch in jüdischenKreisen wird mancher davon gefangen genommen. Und gerade die Tatsache, daß man jüdischerseits von der Quellenscheidung sich fernhält, während doch die Annahme von Quellen überhaupt gar nicht mehr abzuweisen ist und nur die herrschende Theorie der Quellenscheidung fälsch ist, verführt manchen dazu, aus dem Mangel einer anderen Theorie die herrschende Schule, das Wellhausensche System, in dem obigen Schema gipfelnd als allein gültig anzusehen. Dagegen hilft nun nicht die bloße Bekämpfung einzelner Ergebnisse und die Widerlegung des Schemas, denn dann bleibt ja für jeden, der sich nicht einfach auf den naiv-gläubigen Standpunkt stellt, die Frage offen, welche Auffassung denn nun an dessen Stelle treten soll. Das Sichärgern und Bekritteln allein schafft kein Gegengewicht, und der Nachweis allein, daß man keinen Grund hat, der Berichterstattung der Bibel, wie man es in den Kreisen der Bibelkritiker bisher tat, von vornherein zu mißtrauen, tut es auch nicht. Es muß aus dem psychologischen Verständnis, das man bei dem jüdischen Gelehrten für die Kulturmacht des Judentums annehmen darf, aus dem intuitiven Verständnis für die Tendenzen der alten Geschichte, das man aus der Kontinuität der jüdischen Denkweise erschließen darf, ein Ganzes, ein in sich geschlossenes System der Erklärung und Auffassimg der Bibel, der Lagerung ihrer Teile, der Geschichte Israels dem bisher alleinherrschenden System entgegengestellt werden. Nicht etwa, daß man zu diesem Z w eck die Bibel erforschen müsse; auch wir dürfen nicht von bestimmten Voraussetzungen ausgehen, frei soll die Forschung sein, aber es ist erlaubt, den Glauben im Herzen zu tragen, daß wenn man unsrerseits der Bibelforschung mehr Ernst und Eifer entgegenbringen würde, ein anderes Bild als das christlich gefärbte als Wahrheit sich ergeben wird, zumal ja ohnedies das Wellhausensche Schema durch die erweiterten Kenntnisse über den alten Orient und seine Kultur, die aus dem altbabylonischen Schrifttum gewonnen wurden, stark in seinen Grundfesten erschüttert ist. Aus solcher Arbeit müßte sich, und darin käme das Interesse der jüdischen Theologie an dem Gegenstand zum Ausdruck, auch ein von moderner Forschung getragener jüdischer Kommentar der Bibel ergeben, der in eine Zu-