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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-22 · Heft 25 (22.6.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 22. Juni 1917 81. Jahrgang Nr. 25 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'Preis». durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. üftftftlt* ^ufev Verhältnis zur Bibel. Von Rabbiner Dr. Diene- 4j JJiJUIl« manu (Ratibor). — Die Woche. — Wilhelm v. Humboldt und sein Iugendreund Beer. Von Dr. Adolph Kohnt. — Eduard Michaelis in Hamburg. Von h. G. — Das Lied vom „Karfunkelstein, dem braven .. Eine zeitgemäße Anregung. Von A.Mahler (Hamburg). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Büchereinlaus. — Literarische Mitteilungen. Der Cemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Leipzig, Hannover, Mainz, Heidelberg, Budapest. — Von Rah und Fern. Anstr Verhältnis?ur lllibel. Von Rnbbiner Dr. Diencni an n (-KatiOur). I. ine alte Klage sei wieder einmal hier bvrgebracht, nicht weil der Gegenstand im Augenblick eine besondere Aktualität hat, sondern eher deshalb, weil seine Bedeutung eine ständige, nie abreißende ist, nämlich die Klage über die Vernachlässigung der Bibel in unserer Mitte. Es ist dies eine Klage, die nicht etwa in dem Schmerz über ein Schicksal, dem inan machtlos gegenüberstünde, gipfelt, sie ist vielmehr eine Anklage gegen uns selbst, die unser Gewissen uns aufdrängt, die sich gegen alle Kreise richtet, die Gelehrten und die Laien. Es ist leider nicht zu leugnen, daß der Bibel jüdischerseits nicht die Aufmerksamkeit und das Interesse zngewandt wird, die wir ihr nach ihrer Bedeutung für die Seelenkultnr der Menschheit, für die jüdische Religiosität, für die innere Begründung der religiösen Anschauung, die im Judentum ihren Niederschlag gefunden hat, und für die Erhaltung und Festigung des Judentums zuwenden müßten. Eine Schuld liegt zunächst ans den Trägern der jüdischen Wisse n s ch a f t. Es ist eine feststehende und jedem Eingeweihten schmerzlich bekannte Tatsache, daß die Mitarbeit jüdischer Gelehrter an der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel und der mit ihr in Znfainmenhang stehender Probleme eine äußerst geringe ist, daß die Zahl derer, die selbständig an der wissenschaftlichen Aufhellung der Fragen der Entstehung und Datierung der biblischen Bücher und damit zugleich an der Zeichnung des Bildes der alten Geschichte Israels und der Schilderung der im alten Israel zur Wirkung gekommenen Kräfte arbeiten, eine, gemessen an der Zahl der sonst in der Bearbeitung der jüdischen Literatur und der jüdischen Geschichte Tätigen, unverhältuismäßig geringe ist. Bis auf wenige rühmenswerte Ausnahmen überläßt inan diese ganze Arbeit den christliche» Gelehrten. Warum man dazu gekommen ist, das ist psychologisch leicht 31t verstehen. Die jüdische Wissenschaft hat nirgendwo noch eine Stätte, an der man sie frei von jeglicher seelischen Gebundenheit, frei von jeglicher Zweckbestimmung und ungehemmt von dem Zwange praktischer Aufgaben betreiben kann; die vorhandenen Institute, an denen jüdische Wissenschaft gelehrt wird, sind nicht freie Universitäten, sondern zumeist Anstalten, die in der Hauptsache die Ausbildung von praktischen Theologen im Sinne einer bestimmten religiösen Richtung zum Zwecke haben; die Träger der jüdischen Wissenschaft sind fast immer zugleich praktische Theologen, denen die Befestigung und Erhaltung des Judentums in seiner historischen Gestalt das Ziel ihres Lebens ist, und bei allem Ernst und aller Aufrichtigkeit des Willens zu unbefangener und Vvranssetzungsloser Forschung wirkt oft unbewußt die Rücksicht auf dieses oberste Lebensziel ans die Wahl und Inangriffnahme des Forschungsgebietes überhaupt. Zn einem Teil ist es eine gewisse dogmatische Gebundenheit, die von der Beschäftigung mit dem Gegenstand im ganzen abhält, die Furcht, es könnte die Beschäftigung mit der Frage der Entstehung der biblischen Schriften den in gewissen Kreisen des offiziellen Judentums als ei» Rührmichnichtan betrachteten Glauben an die wörtliche Offenbarung der fünf Bücher Mose erschüttern, die Meinung, daß eigentlich schon in dem Willen nach wissenschaftlicher Erforschung der Thora eine Leugnung ihrer Heiligkeit und Göttlichkeit liege, die Angst, daß damit der Entüncklmigsgedanke in die Köpfe cinziehen würde und daß von daher das ganze Gebäude des Judentums ins Wanken geraten würde und unliebsame Schlüsse ans die Praris der religiösen llebnng gezogen werden könnten. Wo einzelne dieser Kreise sich zur tapferen und entschlossenen Inangriffnahme der Probleme der Bibelforschung, nicht bloß in bezug auf Propheten »nd Hagiographen, sondern auch in bezug auf die eigentliche Thora, genommen haben, ist zwar ungeheuer vieles und Dankenswertes geschaffen worden zur Widerlegung der landläufigen Behauptungen der zünftigen Bibelkritik, aber es leuchtet doch aus dein Ganze» als die Psychologische Voraussetzung der Arbeit der bewußte Wille hervor, die überlieferte Auffassung der talmndischen Auslegung als die einzig mögliche zu erweisen. Aber auch in den Kreisen der jüdischen Gelehrtenwclt, in denen solche dogmatische Gebundenheit nicht vorausgesetzt zu werden braucht, die sich von ihrem prinzipiellen religiösen Standpunkt und ihrer Auffassung vom Wesen der Offenbarung ans mit jeglichem Ergebnis der Bibelfvrschung befreunden könnten, ohne in ihrer Wertung des Ideengehalts und der Aufgabe des Judentums erschüttert, in ihrer Stellung zum Judentum beeinflußt 31t werden, ist der Wille zur Beschäftigung mit biblischen Fragen gering. Einmal, weil bis 31t einem gewissen Grade doch auch hier ein Rest jener im Kreise der Orthodoxie verständlichen Befürchtungen, vielleicht unbewußt, weiterwirkt, und vielleicht auch deshalb, weil angesichts der ans einen ganz bestimmten praktischen Zweck hinzielenden Erziehung in den theologischen Bildungsanstalten gerade die Erziehung zur selbständigen Mitarbeit an der Bibelsorschnng zu kurz kommt, sv daß vielen, denen in reiferen Jahren die Notwendigkeit solcher selbständigen jüdischen Arbeit ansgeht, ein Gefühl

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