Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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17 Jahre hier segensvoll gewirkt; auch im Vorstand des Krankenhauses der Gemeinde war er mehr als zehn Jahre tätig; auch andere Wohlfahrtseinrichtungen werden seine Wirksamkeit schwer vermissen. Zur Trauerfeier, die im Heim des Verstorbenen in Lokstedt stattfand, hatte sich eine große Trauergemeinde eingefunden. Außer den Mitgliedern des Gemeindevorstandes waren Vertreter vieler Gemeindeinstitutionen anwesend. Der Vorstand des Krankenhauses und die Oberärzte waren vollzählig erschienen, desgleichen auch der gesamte Vorstand des Vereins für Obdachlose. Die Gedenkrede hielt der Schwager des Verewigten, Herr Rabbiner Dr. Winter aus Dresden. Anknüpfend an einen Psalmvers, gab der Redner dem Schmerz und der Trauer der Familie Ausdruck und entwarf dann ein getreues Lebensbild des Verstorbenen, der nicht nur als Gatte und Vater, sondern auch als Wohltäter so segensvoll gewirkt hat. In jungen Jahren, in der Vollkraft seines Schaffens wurde er aus dem Leben abberufen. Mit Trostesworten an die Gattin und Kinder schloß die ergreifende Rede. Herr Rechtsanwalt John Alexander sprach als Vorsitzender des Israelitischen Vereins sür.Obdachlose dem Verblichenen herzliche Dankesworte für seine mehr als 17jährige Tätigkeit in der Verwaltung des Vereins nach. Er galt seinen Mitarbeitern stets als leuchtendes Vorbild echter Menschenliebe und treuer Pflichterfüllung, dessen Andenken stets in Ehren gehalten werden wird. Für das Krankenhaus sprach Herr Ernst Oettinger ein tief empfundenes Abschiedswort. Der große Leichenzug bewegte sich nach dem Ohlsdorfer Friedhof. Dem Sarge folgte auch eine Abordnung des 28. Landsturmbataillons, dem der Verstorbene als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter zugeteilt war. Nach Gebet und Segen des Rabbiners in der Friedhofshalle fand hierauf die Beisetzung statt. LZ Halle a. d. S., 8. Juni. L e h r st ü h l e f ü r d i e W i s s e n - schuft des Judentums an den Universitäten und Vorlesungen aus dem Gebiete der rabbinischen und jüdischen Literatur fordert ein Aufsatz von Pastor E. S ch a e f f e r über „Gegenwärtige Probleme der Judenmission", in Grundzügen dargestellt für die Erste Deutsche Judenmission-Konferenz in Halle a. d. S. Die Arbeit erschien in der Beilage „Kirche und Staat" des „Reichsboten". Pastor Schaeffer führt aus: „Um in höherem Maße Theologen anzuregen, sich der Judenmisfionsarbeit zu widmen, verdient der Gedanke des Professors Strack in Jena, Lehrstühle für die Wissenschaft des Judentums an den Universitäten zu begründen, volle Beachtung, Es steht nicht im Bereich unserer Möglichkeiten, dieser Anregung des Jenenser Professors nachzuhelfen, wohl aber läge es nahe, die theologischen Fakultäteil auzugehen, der rabbinischen und jüdischen Wissenschaft im Vorlesungsverzeichnis Raum zu geben. Vorlesungen über Mischnahtraktate lind andere Stoffe der rabbinischen Wissenschaft, wie sie Professor Strack in Berlin hält, sind überall erwünscht. Daneben dürfte aber das moderne Judentum nicht vernachlässigt werden. Auch jüdische Geschichte bis in die neueste Zeit, Judenmissionsgeschichte und dergleichen wäre zu bieten. Da wir an den Universitäten Leipzig. Berlin, Breslau, Königsberg -und Basel Missionsarbeiter haben, ist zll erwägen, ob und wie weit diese dabei Mitwirken dürften, könnten und wollten.?\d) verspreche mir von einer fesselnden Einführung in die genannten Gebiete ein steigendes Interesse der jungen Theologen an der Arbeit der Judenmission und eine wachsende Bereitwilligkeit zur Mitarbeit als Berufsarbeiter." — Die Schaffung von Lehrstühlen für die Wissenschaft des Judentums an den deutschen Universitäten ist eine alte Forderung von jüdischer Seite. Vielleicht wird hier die Judenmission ein Teil von jener Kraft, die Böses will und Gnies schafft. L. Frankfurt a. M., 8. Juni. Mitten aus dem vollen Leben heraus, geliebt von einer hinaebenden Gattin inld verehrt von gver prächtigen jungen Söhnen, der Ehes einer weitangesehenen, durch ihn schwullgvoll entwickelten Firina, glücklich in den Erfolgen seiner Tätigkeit, so mußte H e i n r i ch B o n d i in dem frühen Aller von, 51 Jahren uns jäh verlassen. Ter so unerwartet Geschiedene war eine Persönlichkeit, deren Zaltber sich so leicht keiner, der je mit ihnr in Berührung kam, zu entziehen vermochte. Ein Mann, der so gar nichts aus sich 31t machen bemüht war, hatte er doch oder vielleicht gerade deshalb die Herzen aller zu gewinnen verstanden: ein gerader, aufrichtiger, zielbewußter Mann, ein Jude im Sinne seiner großen Mainzer und Amsterdamer Ahnen irnd ein Freund der rastlosen Arbeit, wie nur selten sie zu treffen sind. In kurzen, kernigen Worten schilderte bei der eindrucksvollen Leichenfeier, zu der von nah und fern eitle große Anzahl Leidtragender herbeigeeilt war, Herr Rabbiner Dr. Nobel das Leben des uns so plötzlich Entrissenen. Anknüpfend an die Worte des Wochenabschnittes: „We-isch es kodoschow lau jieheje", daß der Mensch nur das als unverlierbares Eigentum mitnehme, was er sich hier auf Erden als Heiligtum erworben, gab Redner ein anschauliches Bild von des Tahingeschiedenen werktätiger Liebe und von seiner Tätigkeit, die an die große Vergangenheit und Geschichte unseres Volkes anknüpft. Als ewig leuchtendes Beispiel würde Heinrich Bondi seinen Söhnen und allen, die ihn kannten, vorangehen. Tiefergriffen widmete Herr Dr. War m b r u n n im Namen der Frankfurt-Loge dem dähingegangenen Bruder einige Worte der Trauer, wie er auch in diesem Kreise sich segensreich und mit voller Liebe bewährt habe. Herr Eduard Fe i st dankte dem Verstorbenell im Namen der Ehewra „Auf Gegenseitigkeit": sein ersprießliches Wirken in dieser der edelsten Menschenliebe gewidmeten Vereinigung werde stets in dankbarer Erinnerung bleiben. Möge der Allgütige die trauernde Gattin und Kinder trösten; ein guter, edler und hilfreicher Mensch ist von uns gegangen, dieses Bewußtsein wird allen, die if)iu nahestanden, den tiefen Schmerz zu lindern imstande sein.' tzollsnd. L2 Den Haag, 8. Juni. Im Monat Nt a i hat der Indische Nationalfonds insgesamt 8 2 7 6 8 Mark an Spenden vereinnahmt. Gemäß den letzten m der gesamten Presse veröffentlichten Mitteilungen über das durch Evakuierungen in Palästina verursachte Elend wurde u. a. darauf hingewiesen, daß durch Ameliorationsarbeiten auf den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds die arbeitsfähigen Flüchtlinge Verdienstmöglichkeiten erhalten und vor demütigenden Almosen bewährt werden sollten. Es erscheint dringend wünschenswert, daß 31t diesem Zwecke die Sammlungen für die Notstandsarbeiten des I. N. F. in stärkerem Maße als bisher betrieben werden, damit sie wesentlich zur Linderung der Notlage beitragen. Die Spendensumme im Monat Mai aus Oesterreich enthält diesmal eine größere Zuwendung von 15 000 Kronen, die ein ungenannt sein Wollender im J.-N.-F.-Bureau in Wien für 300 Dunam Persönlich erlegt hat. Er begleitete diese edle Tat nach der Mitteilung der österreichischen Sammelstelle mit folgenden Worten: „Meine Absicht geht dahin, für die Sache Propaganda 311 machen und zur Nachahmung anznregen. Ich meine, dies ist der Zweck des menschlichen Lebens, nicht nur für sich und seine Familie, sondern in gleichem Maße für sein Volk zu wirken . . ." Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß dem I. N. F. iit Oesterreich auch ein paar andere bedeutende Zuwendungen testamentarisch vermacht worden, sind. KuhlsnL z. Aus Rußland, im Mai. In der letzten Nummer von „Jewreiskaj Jisn" gibt A. Grünbaum in einem „Ter allgemeine russisch-jüdische Kongreß" betitelten Aussatz eine klare Aufstellung der Grundlagen und des Programms des Kongresses. Er führt ans, daß im Jahre 1905 mir einige wenige jüdische Persönlichkeiten die Forderung eines allgemein jüdischen Kongresses in Rußland ausgestellt haben, daß diese Forderung dann im Jahre 1906 von den Zionisten in Helsingfors erhoben wurde, und daß heute sich alle jüdischen Parteien Rußlands in der Forderung der sofortigen Einberufung eines solchen Kongresses einig sind, sogar der „Bund", der dem Kongresse den in Helsingfors festgelegten Namen einer „Nationaltagung" gibt. So stark hat sich das russische Judentum in den letzten elf Jahren nationalisiert. Ter Kongreß wll vor allen Dingen die Form der Organisation des russischen Judentums festlegen rmd die Forderung dieser Organisierung dann vor der künftigen Gründungsversam.nrlung erheben. Ter Kongreß soll ferner die Forderungen des jüdischen Volkes an den künftigen Friedenskongreß präzisieren. „Wir russischen Juden, die nunmehr befreit sind, müssen, ebenso wie es die amerikanische Judenheit bisher getan hat, kämpfen für die Durchführung der Gleichberechtigung der Juden, wo sie noch nicht gewährt ist. Wir russischen Juden, die das Hauptzentrum des Judentums sind, dürfen nie vergessen, daß auf uns die Pflicht ruht, alle Hoffnungen zu unterstützen, die die Juden auf Palästina hegen." — Am 22. April fand eine Sitzung der Mitglieder der Jüdischen Arbeiterpartei (Bund) statt. Es wurde über die Parteikonferenz Bericht erstattet. Die Konferenz beschloß, daß im Interesse