Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · p. Seite 288

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229310--73188-3285655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wir find schon drin bei der Patientin, die über keine sei» will. Sic sitzt noch gerader als sonst, über auf ihrem Gesicht lagern rote, aufgeregte Flecke. „Hat er dir doch dervvn gesprochen?" sagt sie ärgerlich. „Ich habe der doch gesagt, du sollst nich," tadelte sie Benno. „Komm her, mein Tochter, ich Hab' anderes mit dir zu reden. Und du, mein Jung, machst der keine dummen Gedanken und gehst hibsch an deine Arbeit." Sie spricht streng mit ihm, wie mit einem Sextaner; er soll sehen, wie kräftig sie sich fühlt, aber die beiden verstehen sich. Er hat eine scheue Zärtlichkeit, die in seinen lächelnd besorgten Blicken liegt, er kann nicht schmeicheln wie Rosa. Er nickt uns zu und geht. „Das is en Mensch!" sagt sie bedeutungsvoll, „sollen nur so gehen, wie er's verdient. Nu aber, Kind, warum ich dich hergebeten habe — wenn de vielleicht,-wenn der Besuch kommt — siehste, da hast so en Ehein, es ist alles gleich ganz anders, wenn du da bist." „Also, Tante Phine, ich soll ein bißchen den Tisch decken und bei der Unterhaltung Helsen. Aber nichts täte ich doch lieber. Ich koche auch, Tante, der Lederhändler muß sich schon in unser Essen verlieben." „Nu ja, Kind, weißte, so me Kinkerlitzchen, de Nachspeise, die kannste machen. Fvr den Großstädter da, den Magdeburger, der mitkommt, is so was richtig. Aber de Suppe und den Gänsebraten mache ich doch lieber selber. Du kochst je wunderschön, mein Tochter" (sie legt beschwichtigend ihre Hand auf meine), „das haste von deine selige Mutter, die war ja aucf) so ne Hausfrau. Aber, weißte, du kochst doch e bißchen neumodisch, den aus Grindeln schmeckt vielleicht meins besser." „Und dem andern und uns allen sicher auch," sage ich herzlich. „Tante Phine, so wie du, kocht ja doch keine zweite. Ich ivollte dir bloß die Arbeit abnehrnen, aber mehr Erfolg haben wir sicher mit deiner Küche." „Nu, nu, red' nich," wehrte sie bescheiden, aber ein Glanz liegt auf ihr, als habe ich ihr einen Lorbeerkranz aufs Haupt gedrückt. Ich habe dann Tante bei den Festvorbereitungen nicht wiedererkannt. War das die wirtliche Hausfrau, deren Sparsamkeit ihre Enkelinnen sonst zur Verzweiflung bringt? „Na, ich kann nichts dafür, wenn sie platzen," sagte Paula sehr mürrisch, als sie noch eine zweite Einmachebüchse öffnen mußte. Es war Tante immer und immer noch nicht genug des zu Bietenden. „Weißte, Kind, und wenn de nichts dergegen hast, da wer wer abends e bißchen zu dir kommen, damit se deine Häuslichkeit auch emal sehen." ' „Aber erst recht, Tante, ich freue mich ja. Abendbrot essen die Gäste bei mir." „Nu, nu, das geht je nn nich, du hast je keinen koscheren Haushalt," und dann wieder beschwichtigend, indem sie meine Hand klopft: „Du kannst je nischt derfor, du bist je nich darnach erzogen, aber der ans Grindeln hält darauf. Der Großstädter natürlich, der hat je neuere Ansichten. Uebrigens, Kind, wieso steht auf en Schild bei dir an de Korridortür „Dr. Rehfeld"? Dein seliger Vater war doch Geheimrat? Das kann doch auch draufstehen?" „Das schreibt man nicht, Tante Phine, dafür wäre Väterchen nicht zu haben gewesen." „Nu, wenn er's doch is! Aber, na" — sie seufzt leise vor sich hin, „der selige Moritz is nie e praktischer Mensch gewesen." Und als ich schweige: „Nu, Doktor is je auch schön. Ich möcht das in bar Geld haben, was de Dr. Salomon in Roschmin an Geiwe hat. Ohßer guckt se eine von die Roschminer Judenfrauen an, außer Frankels, die die große Schuhfabrik haben. Na, das is gewöhnlich sö, Fabrikbesitzer und Studierte, die halten gewöhnlich zusammen, das is schon ein Stand. Aber die anderen — die existieren nich fvr se. Dasvr existiert sie-wieder nich sor de christliche Doktorsfvau und de Apothekerin. Heißt 'ne Reschante! Dabei tut ihr Mann immer sehr scheu mit den Dr. Salomon, besonders, wenn seine Klafte nich derhei ist. In der Gemeinderatssitzung soll er zu alles ja un Ämen sagen, was Salomon vorschlägt. Kunststick, der is der einzige Chochem zwischen de Chamaurim, und außerdem, keiner verschreibt so viel Rezepte wie er. En großer Gaunef, der Salomon! Wo er einen kann Geld abnehmen, tut er's. Aber in ihre Kaffees lädt de Apothekern de Salomon doch nich ein." * Und der große Tag kam. Das Mittagessen verlief tadellos. Vielleicht war ich wirklich ein wenig schuld, daß die Unterhaltung so harmlos und vergnügt dahinfloß. Mir kam die ganze Situation, und daß ich mit eingeweiht war in das Geheimnis, so urdrollig vor, daß ich vergnügter war, als ich sonst in fremder Gesellschaft bin. Vielleicht wirkte auch meine Beruhigung über Günthers Geschick so freudig in mir nach. Benno ist an sich still. Paula machte ein undurchdringliches Gesicht, stocksteif saß sie da, mit sestgeschlossenen Lippen — der Grindelner wurde jedesmal noch röter, als er von Natur schon ist — Haar und Hautfarbe, alles ist lichtrot, nur große braune Sommersprossen bringen etwas Abwechslung —, zeigte seine großen Zähne von einem Ohr bis zum anderen, wenn er ein paar Worte sprach, die ganz heiser vor Verlegenheit klangen. Aber er ließ seine wasserblauen Aeuglein keinen Augenblick von Paula. Tante überließ fast die ganze Unterhaltung mir und dem Magdeburger, obgleich der auch karg in Worten ist. Aber er hat ein merkwürdig ernstes und kluges Gesicht, und was er sagt, wirkt nie oberflächlich und banal, auch wenn es etwas Gleichgültiges ist. (»Fortsetzung folgt.) Sprrchssal. Die „Deutsche Warte", Herausgeber A. Damaschke, Organ des „Hauptausschusses für Kriegerheimstätten", brachte in Nr. 138 Ausgabe B, vom 20. Mai d. I. einen Leitaufsatz „Auch Israel?' Zn diesem Aufsatz wurde der Versuch gemacht, die zionistische Bewegung und Gründung eines unabhängigen Schutzstaates Palästina, eine Bewegung, welche von den Ententemächten in der Absicht, Palästina der türkischen Herrschaft zi? entziehen und es unter französisch-englischen Schutz zu stellen, ganz besonders voll Amerika und dem Botschafter Morgenthau sowie von Lord Rothschild in London gefördert wird, als eine gegen die Mittelmächte gerichtete unfreundliche Handlung der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu kennzeichnen. Bei der Gelegenheit wird der Botschafter Morgen thau als ein Diener des Mammonismus beschimpft, der für seine Wahlmache zugunsten des Präsidenten Wilson den Botschafterposten in Konstantinopel verlangte und erhielt. Der Verfasser des Aufsatzes behauptet, daß durch diesen Schachzug Morgenthaus und Rothschilds viele Hunderttausende von Juden für die Sache der Entente gewonnen sind. „Ich habe sofort unter Berufung auf die unparteiische Haltung der „Deutschen Warte" eine Entgegnung geschrieben und gebeten, im Hinblick auf die Tatsache, daß eine Anzahl Juden zu den Mitgliedern des Vereins „Bodenreform' und zu den Lesern der „Deutschen Warte" gehöre, diese Ent gegnung zu veröffentlichen, erhielt aber meine Entgegnung, unter nichtigen Gründen zurück. Darum möge hier die kurze Bemerkung stehen, daß die Ausführungen über Herrn Morgenthau völlig der Wahrheit widersprechen und daß auch die daran geknüpften Be merknngen über Stellung und Gesinnung der Zionisten völlig un richtig sind. Lehrer Hermann Becker (Wollstein i. P.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.