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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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- 287 Es ist menschlich > > . ebenso wie der Inhalt des „Sch'foch chamoßcho" und des „Aw Horachamim-Gebcts". Aber das ist nicht alles. Erhebe ein Geschrei, daß die Erde sich spalte und die sieben Himmel erzittern; schrei wie der Ozean, wenn wilde Stürme mit Donnerpeitschen ihn züchtigen, schrei wie eine verzweifelte Mutter, wenn man ihr das Kind von der Brust reißt. Doch nein, auch dieses Schreien bringt nicht den ganzen Jammer, zum Ausdruck: es ist ja nur das alte, uns bekannte „Wajizaku"-). Nein, sei fröhlich in deiner Trauer, lache unter Tränen, sei stark, richte dich empor und erhebe dich immer höher und höher bis zur Stufe der Märtyrerfreude. Sei wie unser Erzvater Abraham, als er die Liebe zu seinem Kinde bezwang, zeige dich heldenmütig wie Rabbi Akiba, dessen große Seele, den „Echod" bekennend, wie ein weißes Flämmchen unter schwarzen Rauchwolken dahinschwand. Aber auch das ist nicht alles. Das ist bloß ein Teil des alten «Freuet euch mit Zittern", das die großen Chassidimrabbis so tief erfaßten und ihre Jünger lehrten. Dies alles und noch vieles andere hinzu schließen sich zusammen zu einem Alphabet, jedes einzelne für sich allein ist nur ein winziger Buchstabe. Tsntr Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (15. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) in zweites Kärtchen wurde mir gebracht, sogar von Tante Phine eigenhändig geschrieben. Sonst schreiben immer die Enkelinnen in ihrem Aufträge, wenn sie mir etwas Mitteilen will, was nicht Zeit hat bis zu meinem Hinkommen. Sie haben mich recht vermißt die Tage — (ach, Tante Phine, ich hätte nicht kommen können jetzt in der Unruhe vor der Entscheidung) — sie bitte mich dringend, heute, möglichst gleich »ach Tisch zu kommen (gern, Tante! Nun, wo ich Günther unbedroht weiß, gern), sie habe etwas Wichtiges mit mir zu sprechen. Ich täuschte mich nicht. Es handelt sich um den Lederhändler aus Grindeln, der morgen mit einem älteren Freund, auf den er sehr viel gibt, «der Paula auch ema mitsehen soll", kommen will. Im Korridor fiel mir Rosa, um den Hals, sie hatte vor Aufregung feuerrote Backen und ganz feucht funkelnde Augen: «Tante Trude, denk dir doch, wie himmlisch! Ich darf nach Roschmin zu Erna Frank, meiner aller allerbesten Freundin. Morgen früh fahre ich los. Ich bin ja starr über Großmamas Spendierbuchsen. Na, Beinkleider. Die Reise kostet nämlich sechs Mark. Ich freue mich auch so, daß ich allein fahre. Sonst führt immer Paula das Wort, aber diesmal bin ich die Hauptperson. Ach, geliebte Tante, komm doch erst mal zu mir mit, ich muß dir ja davon erzählen." Sie zieht mich, glühend vor Eifer, in ihr und Paulas Zimmerchen. „Nein, Rosel, ich muß zu Großmama, sie erwartet mich." „Ach, eine Sekunde bloß!" bettelte sie; „wenn du bei Großmama bist, sprichst du sowieso kein Wort mehr mit uns." „Großmama will mich auch ganz allein sprechen," wehre ich lachend. „Na also!" beharrt sie und stellt sich schützend von innen vor die Tür. „Setz dich, geliebtestes Tantchen! Ich sage dir, ich bin gar zu selig." *) Und sie schrien. „Hängst du den» so an der Freundin dort? Das wußte ich ja gar nicht. Ich denke, du kannst Roschmin als Ort gar nicht ausstehen." Nicht ausstehen — ist Rosas Wort. «Kann ich auch nicht," mit eifrigem Nicken, «das ist ja eben der Spaß. So drei Tage dort sein und immerzu denken: ich wohne nicht mehr hier, ich wohne in Wostock," — auf einmal lhat' sie sich hüpfend um ihre eigene Achse gedreht. „Geliebteste Tante, quäle doch bitte, bitte Großmama, daß sie mich schon unterwegs das neue Kostüm anziehen läßt, ja?" „Nein, Rosel, wir werden wohl Wichtigeres zu besprechen haben, und dein braunes ist auch noch gut genug für die Fahrt." „Auch gut," sagt sie schnell getröstet. «Wenn du meinst." Ich glaube, wenn Großmama das gesagt Hätte, hätte sie es nicht so schnell eingesehen. „Aber gleich dann dort ziehe ich es an. Ach, du, (wieder ein kleiner vergnügter Hopser, bei dem sie die Hände zusammenschlägt)» was meinst du, was die Roschminer da zu gucken und zu reden haben! Die gehen einen hübschen Stiefel angezogen." Sie kichert vergnügt schadenfroh. „Ueber meine Frisur werden sie sich auch wundern." Zum erstenmal ist ihr Gesicht ernst, andächtig-ernst sogar, sie steht jetzt mit langprüfendem Blick vor dem Spiegel. „In Roschmin wissen sie nämlich noch gar nicht, daß man die Haare jetzt so von den Ohren weg trägt. Dort gehen sie scheußlich. Ach, überhaupt, die Mädel dort tun mir leid, die haben so gar nichts von ihrem Leben. Ich könnte mich nicht mehr zurückgewöhnen. Was meinst du, wie die mich beneiden!" Und wieder lachen tausend Tcuselchen aus ihren Augen. «Wie ich wohl Erich Frank in der Frisur gefalle?" «Wer ist 'das, der Bruder deiner Freundin?" Sie nickt ernst: „Mein Verehrer." „So?" sage ich, nun doch etwas betreten, „und du interessierst dich auch für ihn?" Irgendwie muß ich mir doch die große Freude ans Roschmin erklären. Sie schüttelt den Kopf: „Hier in Wostock nicht mehr. Früher, in Roschmin — Gott, da hat man doch keine Auswahl. Er war ja der Allereinzigste — Paula hat einen feinen Verehrer, einen Bankdirektor aus Posen. Der war ganz verrückt hinter ihr her." „Na, und?" «Er konnte sich beherrschen. Was denkst du, er ist der Bruder von Frau Dr. Salomon. Die brächte sich um, wenn er Paula nähme. Als er abreiste, hat Paula ein wundervolles Bukett von ihm gekriegt. Aber das mußte sie gleich wegstecken, und ich durfte keinem Menschen etwas davon erzählen." „Warum denn?" „Weil Großmama sagte, nehmen täte er sie doch nicht, und da sollten sich die Roschminer nicht erst den Mund zerreißen. Aber die ganze Gemeinde wußte doch gleich was von dein Bukett, und alle sind sie gekommen und haben danach gefragt. Und Paula hat furchtbare Zanke gekriegt von Großmama." «Warum denn?" «Na, weil sie ins Gerade gekommen war, und weil er sic ja doch nicht nimmt." «Tante Trude, du hier?" Es ist Benno, der eben die Tür aufreißt. „Um Gottes willen, und Großmama erwartet dich drin mit Schmerzen. Sie ist sehr aufgeregt. Ich weiß nicht, was das mit Großmama jetzt ist, heute früh hatte sie wieder einen kleinen Anfall, ich wollte schon mal mit dir darüber sprechen." „Wieso hast du mir denn gar nichts davon erzählt?" frage ich, mich umwendend, Rosa. Sie duckt etwas. verlogen den Kopf. „Ich habe nicht gleich daran gedacht. Gott, wo es auch nun vorbei ist." ■

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