Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229310--73186-3285653- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
---— 286 Ich wende mich um, schreite weiter. Ei, ei, Großväterchen, auch dn, auch du hier! Er aber zeigt Selbstbeherrschung, ist ruhig, viel, viel ruhiger als die anderen. Ich sehe mir den Alten genau an. Er hat einen ausfallend großen Kopf, weißseidenes Haar, eine hohe Stirn, gelb wie Elfenbein, und Augen, aus denen ein Geist strahlt, der gewaltiger und dauernder scheint als die Zeit. Um seine Lippen aber ist der Ansdruck ewigen Schmerzes sichtbar; die Blässe seines Gesichts verrät die ihn übcrmannende körperliche Schwäche: er kann, däucht mir, feine Füße kaum bewegen, droht vor Erschöpfung jede Minute umzusinken. Greif nicht, mein Freund, nach deinem Notizbuch, sammle hier kein Material zu einer Plastischen Skizze für irgendeine Zeitung, laß deine Hand davon — die Sache ist zu heilig . . . Mag der liebe Herrgott selbst dies alles zeichnen und niederschreiben ... Man wandert. Neue Galut-Wege, deren Ende unabsehbar, über Ströme und Schneefelder. Ein Gewitter hat sie mit sich gerissen, spielt mit ihnen und wirft sie wie faule Aepfel schockweise umher... Es ist nicht die alte Gasse. Neues Land, unbewohnt, als ob erst gestern erschaffen, wenig Städte, meilenweit kaum ein Dorf. Ein leeres, brachliegendes Land, offen, weiß wie ein Stück unbeschriebenes Papier. Ueber die weiten, weiten Felder jagt ein anderer Wind. Selten eine Stadt in Sicht, ungeheuer groß, mit weit auseinanderliegenden Straßen, mit planlos erbauten Häusern, die nach alle» Richtungen zerstreut — eine Stadt wie ein großes, ausgedehntes Torf. Menschen, Vieh und Bäume, alles ist größer und umfangreicher, alles aber auch so unheimlich, so schutzlos offen — und so weit ... Das Herz ist beklommen. Es ist ja alles ganz anders lind so weit . . . Geschieht dort, Gott bewahre, ein Unglück, so kräht ja kein Hahn danach ... Um der Schande willen, um der Tränen der hilfesuchenden Mütter und der Sorgen der schmerzbeladenen Väter willen erbarme dich, gütiger Gott, der ziellosen Wanderer! Erweise dich gnädig um derjenigen willen, die nicht gesäumt, dein Gebot zu erfüllen! Schau herab auf die weißen Tauben: die keuschen jüdischen Töchter und die jungen Kinder, die noch so sündenrein! Tu es um all derer willen, die jit Tode gepeitscht oder von den Husen der Pferde zertreten wurden! Vernimm die Seufzer der vor den Augen ihres Verlobten geschändeten jugendlichen Braut! Siehe und zähle die Tränen der auseinander gerissenen Familien, deren Glieder, in Wäldern umhcrirrend, sich am Tage vergeblich suchen und in der Nacht vor Schmerz und Sehnsucht keinen Schlaf finden! Tu es um der alten Bet- und Lehrhäuser willen, die jetzt in Trümmerhaufen verwandelt sind, um der vielen Tausenden, die, von Haus und Hof gejagt, auf ihrer Wanderung vor Hunger und Kälte umkommen! Ach, tu es um unserer frommen Väter und Mütter willen! Schomer Jisrael! Hüte und beschütze dein Volk, daß nicht untergehe der Ueberrest Israels und auch ferner nicht ermüde zu rufen: Sch'ma Jisroel! Ach, Herr der Welt! Hab' Mitleid, gib Kraft deinem Volke und vernimm sein Aufschreien zu dir: es kennt ja keinen anderen Gott als dich, der du unser und unserer Väter Gott warst und bist! Wie ein Vogel, der sein Nest verloren, wie ein Schiff, das führerlos aus dem Meere von den Wellen getrieben wird, sind jetzt die Kinder deines Volkes: auseinander gesprengt, schlaff und mutlos und von ihren früheren Zelten verdrängt — so weit. Es steht geschrieben: Du bist langmütig, überreich an Huld und Treue, du bewahrest Gnade bis ins tausendste Geschlecht; so sei doch, o Gott, gnädig und gedenke der Verdienste unserer Ahnen! Gedenke der blutigen Opfer unserer Vorfahren, die stolz und mutig Scheiterhaufen bestiegen, still wie Lämmer ihren Hals auf der Schlachtbank äüsstreckten, so es galt, ihren unerschütterlichen Glauben an dich zu bekennen und deinen Namen in der Welt zu heiligen. ' Sammle die Tränen, zähle die Opfer: Männer und Frauen, Greise und Jünglinge, Lehrer und Schüler, viele, viele Tausende waren es, die das Wort Kiddusch haschem mit ihrem Blute betätigten. — Ich verliere mich, wie ich merke, so ganz in dem Abschnitt, der Opferhandlungen enthält; ich lese ihn aufmerksam, mit dem „Tropp", weine nicht dabei, nein bewahre, ich weine nicht; nur mein Gesicht brennt, ganz so wie beim Lesen der Geschichte von der Opferung Isaaks am Neujahrsfeste oder der S'lichoth an den Bußtagen, dieser schlichten und doch so ergreifenden Poesien, die wir erst jetzt zu verstehen anfangen. Sag' die Wahrheit, mein Freund, sehnst du dich nicht nach der Lektüre so einer alten S'licha? Du kennst doch noch die Form ihrer Abfassung: die Verse, zumeist der Bibel entlehnt, alphabetisch fortlaufend, künstlich aneindergereiht, fein geordnet, alles in Reimen, und doch sprach und spricht diese und gerade diese Form seit vielen, vielen Geschlechtern nie vergeblich zu den Millionen jüdischer Herzen. Wollen auch wir etwas Volkstümliches schaffen, so müssen wir uns eben eines jüdischen, eines Wortes der heiligen Sprache bedienen, sagen wir: Jiskvr. Ja, Jiskvr! Er, wenigstens er soll aller Geschehnisse gedenken, da wir — es liegt einmal so in unserer Natur — alles so schnell vergessen; ich fürchte, wir sangen schon wieder an zll vergessen, ja, ich fürchte — wir haben schon vergessen. — Darum zurück zur alten Poesie, zu der Geschichte von dem Sündenbock, der in die Wüste geschickt und von einem hohen Felsen in den Abgrund gestürzt wird; zurück zum Inhalt der Aboda des Hohenpriesters am Versöhnungstage und — lacht, soviel ihr wollt — zurück auch zu dem alten „lln'sfane Tokef". Wir hielten dieses Gebet für eine fromme Dichtung eines einzelnen Mannes, der, von seiner gottesfürchtigen Seele gedrängt, ein übersinnliches Bild mit so in die Augen fallenden physischen Strichen gezeichnet hat. Nein, mein Freund, der Dichter war kein anderer als der ewige Jude: das jüdische! Volk in jenen vergangenen Geschlechtern. Ich kann es mir nicht vorstellen, daß ein anderes Volk als das jüdische sein Neiljahrsfest dazu benutzen würde, um sich vor Gott hinzustellen und im Gebete haarklein zu schildern, wie er an diesem Tage über die Welt zu Gericht sitze und im voraus jedes einzelnen Schicksal so genau bestimme: Wer in Ruhe leben, wer unstet umherirren, wer im Feuer und wer im Wasser umkommen soll. Auf solche Gedanken konnte nur das schwergeprüfte Judenvolk verfallen. Damals an den Ufern des Rheins und des Mains. Und diese Gedanken wurden auch in den folgenden Perioden gehegt, immer mehr entwickelt itnb weiter getragen an die User anderer Gewässer. Was wir nun beginnen sollen? Mensch! Verwandle dich in Zähne; alle deine 248 Glieder und 365 Adern mögen Zähne, scharfe, spitze Zähne werden, und beiße mit ihnen, beiße ... Wie wenn zackige Kieselblöcke, aufeinander prallend, sich reiben, getrieben von dem gewaltigen Strom riesiger . Wasserfälle in wilden Bergen. Daß sie Staub werden, wie - eine Feuerflut Funken spritzen und alles, alles verbrennen .