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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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Nieter hohe Spitzsüüle ziert Vas Grab, den Rechtslehrer Professor Goldschmidt (gestorben 1897), den Mediziner Professor Traube (gestorben 1876), den Politiker Laster (gestorben 1884), den Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann (gestorben 1885), den Prediger Dr. Holdheim (gestorben 1869), den Großkausmann Herrmann Gerson (gestorben 1861), den Kommerzienrat Reichenheim (gestorben 1868) und den Chemiker Professor Magnus (gestorben 1870), Abraham Geiger (gestorben 1874), Leopold Zunz (gestorben 1886). Beerdigungen finden hier noch dann und wann statt (Kaufstellen). Berlin besitzt aber einen noch viel älteren jüdischen Friedhof. Derselbe ist in der Großen Hamburger Straße gelegen und wird schon seit vielen Dezennien nicht mehr benutzt. Hier ruht Moses Mendelssohn (er starb am 4. Januar 1786), der Philosoph und Freund von Lessing und Nikolai. (Seine Gattin liegt in Altona.) Außerdem ruhen hier der Arzt M. 'Herz (gestorben 1803) und der Mathematiker Meyer Hirsch (gestorben 1851). Wer wäre einmal in Prag gewesen und hätte den alteri Judenfriedhos nicht besucht? Mit Recht gehört er zu den vielen Sehenswürdigkeiten der böhmischen Metropole.- Nach Lösung der obligaten Eintrittskarte betritt man den weltberühmten Friedhof, welcher neben dem Wormser als der älteste des Kontinents gilt. Seine Größe beträgt 1,23 Hektar. Eine fast unübersehbare Menge von größeren und kleineren Steinen, eng aneinanderstehend, größtenteils stark verwittert, von Moos und Efeu umwuchert, jeder Stein nach Osten gerichtet, bietet sich dem Auge dar. Der eigenartige Anblick, welchen die zahllosen, dicht zusammengedrängten Steinplatten bieten, hat folgenden Grund: In dem engen Ghetto konnte nur ein beschränkter Raum, der sich nicht erweitern ließ, zum Friedhof auserkoren werden. Bald war der Raum verbraucht; da blieb nichts anderes übrig, als aufzufüllen und in jedes Grab eine zweite Leiche zu betten. Das wiederholte sich im Laufe der Zeiten mehrmals, so daß auf ein und demselben Grabe oft vier Gedenksteine stehen, welche die Namen der darin Liegenden tragen. Daher erklärt sich auch das beim ersten Anblick verwunderliche hohe Niveau des Friedhofes. Die geschilderte eigentümliche Erscheinung zeigen auch andere Judenfriedhöse, z. B. der viel kleinere in Eßlingen bei Stuttgart. Interessant sind die Grabhügel der großen Gelehrten und Meister. Aus vielen Grabzeichen erblickt man das Zeichen des Stammes (zwei Hände: das des Stammes Aaron, ein Krug: das des Stammes Levi, eine Weintraube: das des Stammes Israel). Unter den Gelehrten und Vornehmen ragen am meisten der Rabbi Löw hervor, seine vielen Schüler, ferner die Händle Schmiedes, deren Gatte Bascharis von Ferdinand II. in den Adelsstand mit dem Prädikat von Treuenberg erhoben worden, und der Mardochäus Meißl, der große Wohltäter unter seinen Glaubensgenossen. Aus den Kanten vieler Steine sind zahllose winzige Steinchen aufgehäust, nach alter Tradition als Beweise der Liebe und Verehrung der Angehörigen geltend. Und wenn im Mai, im Wonnemonat, die vielen mächtigen Holunderbüsche, die dies Fleckchen Erde zieren, ihren süßen, fast berauschenden Dust ausströmen, ist es ein schönes, poetisches Bild, das jeden Besucher fesselt. Wie sie so friedlich ruhen, die sich gefreut und die getrauert, gehaßt und geliebt, wie es schon von jeher unter Menschen gewesen, die von anderen verfolgt und gehaßt worden ihres Glaubens wegen, während nun, von allem Sein und Erdenschwere befreit, ihr unsterbliches Teil in den Gefilden der Seligen, in allen verheißenen Wonnen dahinschwebt. Jahrhunderte, ach, wie viele mögen es ihrer sein, schauen uns schweigend an, denn seit dem Tode Kaiser Josephs II. (1790) hat hier keine Beerdigung mehr stattgefunden. Stille Wehmut überkommt einen »ei diesen Reflexionen; und welcher Sterbliche, der Herz und Gemüt sein eigen nennt, könnte sich ihnen entziehen! Leider ist bereits ein kleiner Teil des Friedhofes der „Assanierung" zum Opfer gefallen; man hat nämlich vor mehreren Jahren damit begonnen, den so häßlichen und in jeder Beziehung aller Gesundheitslehre spottenden, früher nur von Juden bewohnten Stadtteil abzureißen und an seine Stelle lichte, stattliche Häuserreihen im modernsten Stile auszusühren. Und „Tote Menschen sind verklungene Töne", singt ein moderner deutscher Lyriker. Wie bekannt, besitzt Worms, die ehemals freie Reichsstadt am Rhein, die Stadt der Sage und Historie, neben dem ju Prag den ältesten Friedhof der Welt. Er ist nur drei Minuten vom Dom entfernt, westlich von der Stadt. Aber wehmütig beschleicht es einen, wenn man auf dem düsteren, verödeten Felde die grauen Grabsteine mit den verwitterten Inschriften erblickt. Die an der Mauer eingelassenen Tafeln gemahnen an die Opfer entsetzlichen Wahns; sie decken die Gräber von zwölf Männern, Märtyrern, die ihres Glaubens wegen den Tod erlitten. In der ehrwürdigen, von neuem Geiste unberührten Synagoge mit ihrer weltberühmten Raschikapelle, aus dem 11. Jahrhundert stammend, ein Seitenstück des Friedhofes bildend, lehrte einst vor länger als acht Jahrhunderten der große Bibel- und Talmudforscher, zu dem die Gelehrten und Großen seinerzeit pilgerten, und hier soll auch (ist es Sage oder Historie?) Gottfried von Bouillon bei dem weisen Rabbi und Propheten Rat und Weissagung eingeholt haben, bevor er den Kreuzzug gen Jerusalem unternahm. Herder sagt einmal: „Alles verwandelt sich, nichts stirbt. In schöner Verwandlung wird die Hoffnung Genuß und das Verlorene Gewinn." Sie jüdische Galle'). Von Albert K a tz. Bie ist nicht mehr, die jüdische Gasse, sie ist gänzlich verschwunden. Schau' doch hin, mein Freund! Eine tote Gasse, in der nur noch ein altersschwacher Turm steht, mit der Aufschrift: Es war einmal. Doch im Herzen der Dichter lebt sie fort: Vergüß ich dein, so magst du, Gott im Himmel, mich vergessen! Wo sind nur die Menschen von dort geblieben? Ich treffe ein Schwesterkind aus dieser Gasse, die einst gewesen. Man sagt mir, es sei mein Neffe. Ich aber erkenne ihn nicht. Er ist etwas dicker geworden, ja unheimlich, gar schrecklich dick. Die Backen sind geschwollen, gelb und bleich, auf der Stirn die Runzeln des Alters, das Haar ausgefallen, und seine Augenlider gleichen Glasstückchen einer zertrümmerten alten Fensterscheibe. Auch ist er so eingeschüchtert, hat immer Angst. Die Sonne dünkt ihm ein Spion, der Tag ein Denunziant, und geht die Tür zu seinem Zimmer auf, fährt er erschreckt zusammen: er glaubt, es sei jemand gekommen, um ihn sestzunehmen ... Eine andere Gestalt tritt mir entgegen. Sie ist blaß wie der Tod, mit zerzaustem Haar, wildflackernden Augen und einem eingeschrumpften Gesicht, das vor Krämpfen immer zuckt. Es ist eine entfernte Verwandte von mir — eine fromme Frau. .. ’) Aus dem jüngst erschienenen Werke von Nahum Sokolow: ^22 1-18 7[-12 DSU frei übersetzt.

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