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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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sollte, so ist damit keineswegs unser Judentum erledigt. Wäre das der Fall, so wäre uns das Judentum ja nur eiu> uns zufällig anhaftendes Beiwerk, das wir abroerfen können, wenn wir den weiteren Besitz für nutzlos hielten. Uns aber kann das Judentum nicht verloren gehen, denn es ist unlöslich mit unserem Menschtum verbunden. Es ist mvs Religion, aber eine Religion, die sich nicht in Formeln erschöpft, sondern die als die höchste Vervollkommnung der ethischen Idee Besitz genommen hat von allen Fasern unseres Seins. So wollen und müssen wir in unserem Judentum fortleben und es hinaufentwickeln zur Höhe wahrster Menschheitsidee. Das ist der Wille unserer Jugend. Hat dieser Wille vielleicht etwas gemein mit nüchternen Verträgen? Mir scheint, hier liegt viel mehr Verwirklichung als in der Gesinnung derer, die suchen durch Sophismen das Verhältnis zwischen Judentum und Deutschtum zu erläutern. Wir hören keinen Mißkläng. Die Verschmelzung zwischen Deutschtum und Judentum-, durch die weder das eine noch das andere vernichtetwird, das ist die Verwirklichung. Wir lieben unser Deutschtum, und heilig ist uns das Judentum. Deutsche Heimat, wir lassen dich nicht! In dir wurzelnd streben wir hinaus im Glauben unserer Väter zur reinsten, mvnschheiterlö senden Wahrheit. Es glüht der Morgen einer anderen Zeit. Wir Jungen grüßen sie. Wir hoffen auf sie. Es ist unsere Zeit. In unserem Willen wird das leuchtende Frührot zur strahlenden Sonne werden. Dann wird allen unser Ziel sich zeigen, und alle werden zu ihm emporsteigen. Vielleicht finden wir auf diesem Wege auch die Einheit des Judentums." O e t t i n g e r4) gibt eine lehrreiche Zusammenstellung. Ich habe die Schrift zu lesen versucht und vieles daraus gelernt, muß mich aber, da ich in diesen Dingen Laie bin, eines Urteils bescheiden. Was der Verfasser will, sagt er selbst in dem Schlußwort, und ich glaube am besten zu tun, dieses Schlußwort hier abzudrucken: „Im Gange der Kolon isierungsarbeit, die in der Anlage von größeren Kolonien bestehenwird, iverden alle Fragen, die in den letzten Jahren bei der praktischen Palästinaarbeit der zionistischen Organisation aufgetaucht sind, ihre Lösung finden. Die Okkupierung neuer Terrains wird sicherlich eine ansehnliche Anzahl von jungen Pionieren heranziehen. Kulturtechnische Arbeiten (Bewässerung und Trockenlegung), Meliorationsmaßnahmen, Wegebauten, verschiedene Anlagearbeiten für neue Kolo niegemein den werden, wennplanmäßig und mit entsprechenden Geldmitteln .angefaßt, neuen Einwanderern reichliche Arbeit verschaffen und die ergiebigsten Gelegenheiten zur praktischen Anlernung bieten. Die Periode der Anlagetätigkeit ist gerade diejenige, wo ungelernte Arbeiter am meisten praktische Handgriffe und Methoden lernen können, welche ihnen zunutze kommen werden, wenn sie zu Heimstättlern oder Kolonisten aufgestiegen sein werden. Das meiste Können, welches heute die palästinensischen Kolonisten -und Arbeiter auf-weisen, stammt aus der Zeit der Kolonien- und Farnlenbegriindungen. Die planmäßige Anlage und Ausgestaltung einer bestimmten "Anzahl von Koloniegenwinden während i-m voraus bestimmter, nicht zu langer Perioden wird noch andere wichtige Ausgaben durchführen helfen, wie das Problem, der Aufforstung der für landwirtschaftliche Zwecke ungeeigneten Ländereien, die weiteste Anwendung des genossenschaftlichen Prinzips auf dem Gebiete der Produktion, des Kredits, des Ein- und Verkaufes, die industrielle Verarbeitung gewisser Rohprodukte in Halbfabrikate und Dauerwaren usw. Koloniegründungen, bei denen von Anfangan solche Gesichtspunkte vorherrschen werden, werden sicherlich eine Anziehungskraft für jüdische Arbeitslust und jüdisches Kapital bilden. Für konkrete Koloniepläne, denen die Beteiligung der interessierten Ansiedler und der nationalen Institutionen gesichert sein wird, — für solche konkreten Vorschläge werden nicht nur die breiten Massen des jüdischen Volkes! -in viel höherem Grade als bisher zu gewinnen sein, sondern auch jene kapitalkräftigen Kreise, die bisher keine Kredite für palästinensische Unternehmungen zu öfif-nen geneigt waren. Gleich wie europäisches und amerikanisches Kapital zu 4) Nationalfonds-Bibliothek. „Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisten in Palästina." Von Jmgr. Agr. Jakob Oettinger. Herausgegeben vom Haüptbureau des Jüdischen Nationalfonds, Den Haag, Heulstraat 5. In Kommission heim Jüdischen Verlag, Berlin. haben sein wird für großzügige Hafen-, Bewässerütigs- und Verkehrs- Unternehmungen in Palästina., so werden sich auch die nötigen Kapitalien für die Finanzierung von Kolon iegründungeu finden, bei denen bereits ein bedeutender Teil des Anlagekapitals durch die beteiligten Elemente und jüdischen Organisationen zusamMnßebracht sein wird. Die kurze Periode — von, sagen wir, drei Jahren — mit einer verhältnismäßig beschränkten Anzahl planmäßiger Köloniegründungen mit im voraus bestimmten und gesicherten Budgets wird die beste Propaganda für die nächstfolgende Periode mit seiner bedeutend vermehrten Anzahl neuer Koloniegemeinden bilden." Ein Zionist Wilhelm B er kelh am rner?) wie er sich unter dem Vorwort unterzeichnet, spricht von der Friedensfrage. Was er eigentlich verlangt, ist mir nicht recht klar geworden. Eine beisti-mmre Forderung, die er ausspricht, ist die eines Grundkapitals von 100> bis 200 Millionen Mark. Wofür er sie aber eigentlich verwenden will, ob für einen selbständigen jüdischen Staat, „das nationale Endziel Palästina", oder wie es kurz vorher heißt „die endgültige stabile räumlich begrenzte Konzentration in Palästina und die mobile zeitlich begrenzte im neuen Wirtsland," wird nicht recht ersichtlich. Jedenfalls hoffe ich, daß eine Friedenskorlferenz, mit der es ja leider noch recht lange Zeit hat, sich aus solche Dinge nicht einlassen wird. Während die bisher kurz angezeigten Schriften alle selbständig erschienen sind, ist ein Aufsatz von M a x B r o d 5 6) in einer weit verbreiteten allgemeinen Zeitschrift erschienen, ein neues Zeugnis für die Unermüdlichkeit und Geschicklichkeit der Zionisten, ihre Ansichten gerade in solchen Zeitschriften zu verbreiten!, die sich eines großen Leserkreises rühmen dürfen-. Der Verfasser m-acht selbst auf die befremdliche Tatsache aufmerksam-, daß eine Delvegung, die kaumzwei Jahrzehnte alt ist, lwreits die dritte Phase erreicht hat. Die drei Phasen, die er unterscheidet, sind die folgenden: die erste von dern Auftreten Theodor Herzls 1896/1908. Es ist der politische Zionismus, „charakterisiert durch den Aufruf, zur Selbstbesinnung durch organisatorische und diplomatische Arbeit". Die zweite Phase i-st die spezielle Arbeit der jüdischen Kolonisation. Sie wird charakterisiert durch die Stiftung des Jüdischen Nationalfonds, durch die Schriften Acha-d Ahams, fetzt das politische und organisatorische Werk Herzls. fort, berücksichtigt aber besonders die Kleinkolonisation. Gegen diese- Beschränkung richtet sich die dritte Phase. Es handelt sich in ihrdarum, den jüdischen Geist neu zu wecken. Der Verfasser sagt darüber: „Dieses eigene Werk soll die Juden durch Neuschöpfungen im jüdischen Geist auf dem Gebiet sozialer Vereinheitlichung, -auf dem Gebiet des Gottesdienstes, der Erziehung, der Geselligkeit, der Jugendbewegung, Berufswahl, Volksgesundheit, Presse, Literatur-, Sexuatro form, auch schon in der Diaspora zueiner auf das Größte, auf Zion, eingestellten menschlichen Stufe emporsteigen lassen." Der Verfasser ist sich selbst klar darüber, daß -alle diese Bestrebungen schon, vor dein Zionismus existierten und daß sie eigentlich nur die Entwicklung zum Menschentum! bezeichnen. Aber er hilft sich mit der Wiederholung der Herzlschen Phrase „Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland." Man sieht aus diesem Satze ganz deutlich, daß der Zionismus als Endziel wirklich die Rückkehr der oder vielmehr aller Juden nach Palästina ins Auge faßt. Dies i-st nun aber durchaus eben allem dem, was wir deutsche Juden ersehnen und erstreben, entgegengesetzt. Was dagegen von einer Wiederbelebung des jüdischen Geilstes!, der Verinnerlichung des Judentums, von einer Stärkung der geistigen und religiösen Kräfte gesagt wird, soweit es eben -nicht mit Volkstum und Dolksbewußtsein zu tunhat, ist in keiner Weife neu, sondern wiederholt nur das, tvas seit dem Auftauchen des Liberalismus von Leopold Zunz an durch all die wackeren Männer, die ihm folgten, gesagt worden ist. Ist diese dritte Phase des Zionismus nichts anderes als Vertiefung und Verinnerlichung des Judentums, so können wir sie ruhig billigen. Nur darf eben damit nicht der Gedanke an ein jüdisches Volk und noch weniger die Hoffnung aus eine Rückkehr nach Palästina und auf die Bildung eines selbständigen jüdischen Staates verknüpft werden. I*. G. 5) Jüdische Kriegshefte — 1. Heft. Unsere Friedensfrage. Voneinem Zionisten. Moriah-Verlag, Wien. 1917. b) „Die dritte Phase des Zionismus." Von Max Brod. Erschienen in der „Zukunft" (Herausgeber Maximilian Harden), Jahrg. 25, Nr. 16, 20. Januar 1917, S. 72 bis 84. Berlin, Verlag der „Zukunft"^ Wilhelmstraße. 3 a.

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