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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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281 lebten in Holstein, das ehemals zu Dänemark gehörte. In einem Briefe vom 25. November 1622 lud König Christian IV. die portugiesischen Juden in Amsterdam ein, sich in Glückstadt niederzulässen, wo er ihnen freie Religionsübung garantierte. Sein Nachfolger Frederik III. gestattet „den Portugiesen, welche die hebräische Religion bekennen", den freien Aufenthalt im ganzen Lande und Handel un8 Gewerbe in den Grenzen des Landesrechts. Das Privileg von 1657 wurde durch einen offenen Brief im Jahre 1670 nochmals bestätigt. Später kamen verschiedene Einschränkungen, die jedoch nicht rigoros gehandhabt worden sind.' Die erste jüdische Gemeinde wurde in Kopenhagen gegründet, andere Orte folgten bald nach. — In der Folge haben die Juden in Dänemark eine Heimat gefunden, wie sie gleich sicher und friedlich ihnen kaum in einem anderen Lande beschieden war. Eine Erklärung für Englands Judenfympathien im Orient. Der Versuch Englands, durch die Propagierung einer jüdischen Republik in Palästina jetzt im Weltkriege eine Art Protektorat über die jüdische Bevölkerung des Orients anzubahnen, reicht in seinen Anfängen bis in die Zeit Lord Palmerstons zurück, der als Minister des Auswärtigen die Sympathien und den Einfluß der jüdischen Massen für England und — den englischen Markt — erobern wollte. Lord Palmerston schlug damals vor, die Frage zu überlegen, ob England „als Bibelvolk" die Juden in Syrien, Palästina und dem Orient nicht in derselben Weise unter seinen Schutz nehmen solle, wie Frankreich sich zur Schutzmacht der römischen Katholiken dieser Länder aufgeschwungen habe. Neuerdings scheint dieses englische „Schutzrecht" aus der Rumpelkammer englischer Diplomatie hervorgeholt zu sein, und England, das seine Judensteundlichkeit als Verbündeter des zaristisch-absoluten und antisemitischen Rußlands so wohl zu beherrschen und zu temperieren verstand, kann jetzt, da sogar der östliche Bundesbruder an Menschenliebe und Gerechtigkeit das „freie Albion" übertrifft, den Juden gegenüber einmal wieder ein neues Register aufziehen. Lioniltilchks. 3 m allgemeinen werde ich von Zionisten boykottiert und infolgedessen nicht gewürdigt, ihre Schriften zu erhalten, doch gelangt von Zeit zu Zeit dieses und jenes an mich; daher soll iin der nachfolgenden U ober sicht von sechs kleinen Veröffentlichungen die Rede sein, die mir zugegangen sind. Ich weiß sehr gut, daß ich durch diese kleine Zusammenstellung in keiner Weise den Anspruch erheben kann, die gerade auf diesem Felde so überreiche Literatur irgendwie zu erschöpfen. Sehr harmlos ist das T a g e b u chJ. Es ist ein wirkliches Tagebuch mit unzähligen weißen Blättern, die nach Monaten geordnet und von denen das am Anfang jedes Monats stehende Blatt manchmal mit ansprechenden, mehr mit mißlungenen Zeichnungen geziert ist; der Kalender, der für Notizen bestimmt ist, ist für die Benutzer praktisch eingerichtet. Den Schluß machen die „Anschristen" (Adressen) der Blau-weiß-Bünde und ein paar Lieder. Der eigentlich literarische Teil umfaßt nur 50 Seiten. Er gibt in verschiedenen kleinen Aufsätzen eine. Uebersicht der jüdischen Feste und ihre Bedeutung, widmet einen besonderen Artikel dem Blau-weiß-Bunde; andere Aufsätze handeln hauptsächlich vom Wandern, geben Wanderschilderungen, prägen Wanderpflichten ein, sprechen über erste Hilfe und ähnliches. Da wir allenr, was der körperlichen Kräftigung der Jugend dient, das Wort reden, wenn es nicht allzuaufdringlich mit Zionistischem verknüpft ist, so können wir uns derartiges ruhig gefallen lassen. Auch *) Tagebuch für die jüdische Jugend 5677. 1916 bis 1917. Zweites Tausend. Wien 1916, N. Löwit Verlag (Dr. Mayer-Präger). einzelne Erinnerungen aüA öem Kriege, die in änderen kleinen Mitteilungen wiedergegeben werdett> dürfen willkommen geheißen Werder:. Nicht minder günstig können wir von einer kleinen Broschüre^) reden. Sie enthält Erinnerungen an den verstorbenen Begründer des Zionismus, bringt ein Bild bei und gibt Auskunft über die Stiftung, die sich an seinen Namen knüpst. Etwas ausführlicher müssen wir aus eine Schrift Martin Bubers^) eingehen und ihr mit Ernst entgegen treten. Was Buber Persönlich gegen Herm. Cohen im einzelnen vorbringt, den er in nicht allzu geschmackvoller Weise beständig als „Herr Geheimrat" anredet, ge-" wiß nicht um dadurch besondere Achtung oder Verehrung zu bezeugen, wird Cohen selbst an dieser oder an anderer Stelle beantworten. Wir haben es nur mit den allgemeinen Gedanken zu tun, die Buber auseinanderzusetzen versucht. Und da gestehe ich, daß es mir körperliche und geistige Pein verursacht, „Bubersches Deutsch" zu lesen. Trotz aller Mühe, die ich mir gebe, vermag ich seine Sprache nicht zu verstehen. Nationalität ist, wie er sich ausdrückt (S. 11), „keine Natursache, sondern eine geistige Realität in Geschichte und persönlicher Aufgabe". (Verstehe das, wer kann!) Er behauptet ferner, der Zionismus gefalle sich nicht in Verhöhnung des Messianismus, sondern dessen „Entstellung und Verzerrung" (S. 17), die, wie er an derselben Stelle fortfährt, „die Heimlosigkeit des jüdischen Voltes als etwas absolut Wertvolles und Segensreiches verherrlicht." Dies und manches andere sind Behauptungen, aber keine Beweise. Es sind nicht eben, sehr ehrenwerte Fechterkünste, die Buber anwendet, um irgendwelche Aeußerungen Cohens aus ihren: Zusammenhänge Herauszugreisen und ihn dadurch in Widerspruch mit sich selbst zu setzen. Was Cohen gegen die Unwahrheit, den Zynismus und die Frivolität des Zionismus gesagt hat, bleibt auch-gegenüber diesen Einwendungen Bubers bestehen, ja wird erst recht durch sie bestätigt. Unsere eigene Ueberzeugung können wir nicht besser ausdrücken als durch den Abdruck einer sehr beredten Ausführung K. Alexanders, die wir in der neuesten Nummer der K.-C.-Blätter finden. Diese Sätze lauten folgendermaßen: „Die Zionisten lieben Palästina und betrachten das Land als ihre Heimat, aus dem man die Juden einstens vertrieben und in dem man sie auch heute noch nicht allzugern sieht. Wenn wir aber von unserer Liebe zum deutschen Heimatland sprechen, so nennen sie das Aufdringlichkeit. Nun sagt aber auch Buber: „Wir sehen die uns wesensverschiedene, aber nicht wesensfremde, die vertraute Wirklichkeit und gestehen', daß wir sie lieben: die Sprache, die uns zum Denken, die Landschaft die uns zum Schauen erzog, die schaffende Tiefe eines großen Volkstums, der wir für beglückendes Geschenk zu danken haben." Aber all das betrachtet Buber, der Kulturzionist, nicht als sein eigen. Aus seiner jüdischen Seele heraus schaut er die Umgebung, die ihm wesensverschieden bleiben muß. Wir aber sehen all das, was hier um uns ist, als unser eigen an. Auch wir haben eine jüdische Seele. Sie ist aber deutsch zugleich. Deutschtum und Judentum haben sich in unserer Seele zu einer organischen Einheit, — Deutschtum und Judentum haben sich in uns zur Einheit des Bewußtseins verschmolzen. Und doch sind auch wir unterwegs. Nicht im Buberschen Sinne; denn Buber hat sein Wort im ersten Aufsatz, auch wenn er es später umzudeuten sich bemüht, wie aus dem Zusammenhang erhellt, nur so ausfassen wollen: das Sehnen der Juden wird sich erst in Palästina Vollender:. Nicht aber nach Palästina richtet sich unser Sehnen. So endlich ist unser Streben nicht. Unser Ziel ist die Menschheit. In ihr wollen wir das Judentum fortbilden. Das" ist die Messiasidee. Man hat wohl gesagt: Unser Judentum — und dabei dachte man ganz besonders an den K. C. — sei ein Judentum von- Gnaden des Antisemitismus. Diese Behauptung ist ja eigentlich 51t töricht, als daß man länger bei ihr verweilen dürste. Wer sie taucht oft ans und sie wird sogar geglaubt! Deshalb muß es vor: unserer Seite mit aller Klarheit ausgesprochen werden: Unser Verhältnis zun: Judentum. wird durch den Antisemitismus nicht berührt.' Das Judentum ist uns etwasso Tiefinnerliches, Tiefseelisches, daß äußere Verhältnisse es nicht in: geringsten beeinflussen können. Wir sind Kämpfer des Judentums, aber wenn der Kampf gegen die äußeren Widersacher einmal beendigt sein ^)„Herzl-Wald" (Die Baum-Spende). Herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds, Den Haag. 3) Martin Buber: „Völker, Staaten und Zion". Ein Brief an Hermann Cohen und Bemerkungen zu seiner Antwort. 1917. R. Löwit Verlag, Berlin und Wien.

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