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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 280 (sequence 4)
Language
German
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Zwischen der Heimat und den Reihen des Kampfes müssen die verschiedenen Linien und Zonen, sein, Gebiete, die das Unwetter vor sich und über sich hören, und Gebiete, die es aus der Ferne nur vernehmen. ES ist bekannt, und es ist selbstverständlich, daß die leitenden und die verwaltenden Stellen, in denen die Fäden zusammengefaßt und zusammengehalten werden-, sich dort befinden müssen, wo die vielen, Linien hinten zusammenlaufen. Die Lenkenden müssen gleichsam zurücktreten, desto weiter, je mehr sich in ihrer Hand vereint. Maßgebende Gründe können bisweilen dafür sprechen, daß auch für einen Feldgeistlichen sein Standort rückwärts gewählt wird. Manches Für und Wider kann 'darin zu erwägen sein: er gehört nicht zur kämpfenden Truppe, aber er gehört doch zu ihr hin, sie fordert ihn und seine Arbeit und daher auch das Zusammenleben mit ihr; aber es sind doch oft noch andere Aufgaben, die gestellt sind und die ihn verlangen. Wenn ein Zweifelsfall herantrrtt, so wird wohl immer das Schwerere das Nichtigere sein. Eines wird dann, auch immer mitbestimmen, der Gedanke an die Gemeinde, die einem für längere oder kürzere Zeit anvertraut ist. Selbstachtung und Achtung vor der Gemeinde bedingen einander. Ein altes jüdisches Wort spricht dies noch strenger und höher aus, es spricht vor: der „Ehrfurcht vor der Gemeinde", die jeder hegen soll, der vor sie hintritt. Sie setzt voraus, daß man mit der Gemeinde verbunden sei, mit ihr lebe und in ihr, innerlich zusammen, daß man zu ihr gehöre und nicht zu ihr komme. Auch die Stunden der Einsamkeit, in denen einer sich finden will, sollen dazu führen, daß er sie finde. Zumal unser Wort, das zu ihr gesprochen und von ihr gehört werden soll, kann wahrhaft hervorgehen nur aus der suchenden. Seele, die sich mit ihr verbunden wissen will. Es gibt verschiedene Aufgaben und verschiedene Plätze, die ihr dienen, aber für alle gilt: wir müssen ihr Leben innerlich mitleben, damit sie an unserem Leben teilnehmen kann. Treue ist Genreinschaft. In Anlehnung an den Satz eines Dichters, der den Bedingungen rrnd Formen seiner Kunst damit Ausdruck geben wollte, könnte die Predigt erklärt werden als ein Stück Leben, „gesehen durch ein Temperament". Sie kann ihr Thema immer nur im Leben finden und Leben ist ettvas, was unmittelbar erfahren, was erlebt werden muß, sei es nun in stärkerem oder schwächerem Temperament, im Suchen oder im Warten. Wir können nur von dem Leben predigen, das wir erlebt haben. Es ist ein ganz anderes Leben. als die Jahre des Friedens es gefordert und gegeben hatten, das an den Feldgeistlichen herantrrtt in unruhevollen und in stilleren Tagen, in Tagen, die zuerst voll des Außerordentlichen waren und mehr und mehr ein Gewohntes, oft ein Alltägliches geworden sind. Sie alle sind ein« Stück des Lebens geworden, wie für so viele, so für ihn. Die Zeit des /Friedens wird an manches von alledem anknüpfen, was die Seelen hier in sich ausgenommen, vielleicht oft in sich dnrchgekämpft haben. Es ist viel Gemeinsames, das so erfahren wurde, und es hat innerlich zusamnrengeschlossen. Die Hoffnung sagt, daß nerles Leben, auch Leben der Gemeinde, daraus erwachsen, wird. * Unsere Mitarbeiterin M. B. sendet uns folgenden Bericht: Dem Andenken Efronow ' widmet „Rjetsch" eine bemerkenswerte Betrachtung. Dieser gebildete und unternehmungsfrohe Jude war ein bahnbrechender Kulturträger für sein russisches Vaterland geworden und sein jüngst erfolgter Tod hinterläßt eine Lücke, die nicht so leicht auszufüllen ist. Ursprünglich war I. A. Efronow Großindustrieller und Eisenbahnunternehmer. Der Wunsch durch irgendein großzügiges Werk kulturfördernd zu wirken, lenkte zufällig sein Augenmerk auf das Verlegerwesen, das in Rußland noch ein großes Feld der Betätigung bietet. Mit vierzig Jahren, nachdem Efronow schon über ein ansehnliches Vermögen, verfügte, kam ihm der Gedanke, eine Enzyklopädie herauszugeben, und die Verwirklichung desselben trat überraschend schnell ein. Er zog einen großen Kreis von Gelehrten und jungen Akademikern heran, sparte keine Unkosten und war nur daraus bedacht, ein gutes Werk zustande zu bringen. Das ist ihm im Laufe von vielen Jahren gelungen. In vielen Zehntansenden von Exemplaren hat er sodann die „Bibliothek großer Schriftsteller" herausgegeben und die „Bibliothek der Naturgeschichte" u. .v. a. m. Wenn die Kritik auch später mancherlei an diesem und jenem der genannten Werke auszusetzen sgnd, so haben sie zum literarischen und wissenschaftlichen Fortschritt in Rußland doch anerkanntermaßen sehr viel beigetragen. Die materielle Unabhängigkeit wie eine vielseitige Bildung bewirkten das Herantreten Efronows an kühne Verlagsunternehmungen, zu denen andere seiner Berufsgenossen sich nie so leicht entschlossen hätten. Er war mit den Schätzen des russischen, polnischen, deutschen, französischen und hebräischen Schrifttums sehr vertraut und bis zu seinen letzten Tagen las er täglich mehrere Stunden. Er hatte nicht nur den Drang, sondern auch das Talent, Werke herauszufinden, deren Veröffentlichung einen kulturellen Fortschritt zu sichern imstande war. Von fachmännischer Seite wird uns über die praktische Verwirklichung des Prinzips der produktiven Hilfeleistung, das in Litauen zwecks Wiederaufbau des ökonomischen Lebens unter den Juden angewandt werden soll, folgendes aus Wilna berichtet: „Wir haben hier bereits eine Gesellschaft unter dem Namen „Hilfe durch Arbeit" geschaffen, an deren Spitze Herr Ingenieur Klebanofs steht: ihre Hauptaufgabe besteht darin, Lehrwerkstätten zu gründen. Bisher wurden 13 Werkstätten mit 350 Schülern und Schülerinnen gegründet. Die Schüler werden in allgemeinen und hebräischen Fächern unterrichtet und erhalten zweimal täglich Essen; man versucht auch, ihnen nach Möglichkeit Kleidungsstücke und Schuhwerk zu verschaffen. Die Fortschritte der Schüler sind ganz außerordentliche; auf kürzlich veranstalteten Ausstellungen hatten ihre Arbeiten großen Erfolg. Es ist aus Mangel an Mitteln nicht möglich, die Zahl der Schüler und Schülerinnen zu verdoppeln, obgleich sich sehr viele um Ausnahme bewerben. Dieselbe Gesellschaft hat auch zwei Kinderheiure eingerichtet, wo Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Kinder während des ganzen Tages lassen können: so sind sie imstande zur Arbeit zu gehen und wissen, daß ihre Kinder nicht auf der Straße betteln zu gehen brauchen. Es wäre außerordentlich notwendig, noch wenigstens 3 bis 4 solcher Heime zu eröffnen, wozu aber 6000 Mark monatlich erforderlich wären. Der Verein ist aber infolge seiner geringen Mittel in fortwährender Gefahr, seine Tätigkeit aufgeben zu müssen, was wieder namenloses Elend über 600 bis 700 Kinder bringen würde. Neben der genannten Gesellschaft arbeitet auch „Die Bildungsgesellschaft" nach, dem Prinzip der produktiven Hilfe. Sie hat technische Kurse eingerichtet. Im vorigen Semester bestanden Kurse nur für Elektrotechnik, die . aber, dieses Semester für Mechanik, Wasserleitung usw. ausgebaut werden. Dies ist eine der wichtigsten Aus gaben des Hilfswerkes, da an höheren Arbeitern bei den Juden ein absoluter Mangel ist, was den Juden die Beteiligung an den städti schen Unternehmungen unmöglich macht; d. h. sie sind vorläufig davon ausgeschlossen, bei dem einzigen bedeutenden Arbeitgeber zurzeit mitzu arbeiten. Endlich haben wir einen „Verband von Handwerksmeistern" ge gründet. Diese sollen gemeinsam und unter Solidarhaft auf Kredit Ware für ihr Gewerbe einkaufen, sollen unter Verpfändung ihrer Erzeugnisse Kredite bekommen usw. Das ist das Allerwichtigste und Größte, was zum Aufbau des Handwerks jetzt dienen kann. Tocl, konnte aus Mangel an Geld diese Idee bisher leider' nicht verwirk licht werden." * Uns wird geschrieben: Kopenhagen. 260jähriger Gedenktag. Die dänischen Juden können in diesem Jahre den Gedenktag ihrer Niederlassung in ihrem Vaterlande feiern. Im Jahre 1657 wurde ihnen das freie Wohnrecht in Dänemark durch König Frederik HI. zugestanden. Die Niederlassung von Juden in Dänemark ist verhältnismäßig neuen Datums. Es ist zweifelhaft, ob es im Mittelalter dort auch nur vereinzelte Juden gab. Die ersten Juden, die im dänischen Reiche wohnten.

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