Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 279 - mwtionen. bringt. Gegenüber dem Verlangen des Staatsrates, sofort!das gesamte Schul- und Justizwesen zu übernehmen, hat die deutsche Negierung auf einen Schutz der Minoritäten gedrungen. Insbesondere die deutsche Minorität in Lodz vertritt ja das große wirtschaftliche und kulturelle Interesse des Deutschtums, so daß ihre Erhaltung dringend notwendig erscheint, aber auch die fast 15 Prozent der Gesamtbevölkerung betragende jüdische Minorität beansprucht die Erhaltung ihrer kulturellen und nationalen Eigenart mit immer wachsendem Nachdruck. Auf ein dementsprechendes Ersuchen der deutschen Verwaltung hat sich nun der Staatsrat dahin ausgesprochen, daß er als Minoritäten lediglich die Litauer, Nuthenen, Weißrussen und Deutschen, keineswegs aber die Juden, anzuerkennen gedenkt, die nur ,Zugewanderte", also Fremde, seien. Er leugnet deshalb ihr Recht auf eigene Schulen ab. Mit dieser Klassifizierung stellte sich der Staatsrat genau auf den Standpunkt Rumäniens. Darüber, wie der Staatsrat überhaupt dazu tarn, Minderheitsrechte zu proklamieren, teilt der Bericht folgendes mit: „Der Staatsrat tut es nicht aus eigenem Willen. Erstens ist die ganze Behandlung der Nationalitätenfrage auf Anregung aus Berlin erfolgt. Sodann haben die Ruthenen, Litauer und Weißrltssen ihre Unzufriedenheit mit der polnischen Politik in schärfster Weise zum Ausdruck gebracht, Erst dieser Umstand hat die polnischen Führer gezwungen, eine neue Politik einzuschlagen. Sie tun nun so, als wollten sie den Nuthenen, Litauern und Weißrussen etwas schenken, während sie ihnen doch in Wirklichkeit zugunsten der polnischen Nationalität viel nehmen wollen. Handelt es sich doch nicht um die Rechte dieser Nationalitäten aus polnischem historisch-ethnographischen Gebiet, sondern auf eigenem nationalen Boden. In diesen Gebieten bilden aber nicht die erwähnten drei Nationalitäten, sondern eben die Polen die Minorität! Minderheitsrechte kommen lediglich in bezug auf die Deutschen in Betracht, und deshalb hat man sie auch bei der Aufzählung an die vierte Stelle gesetzt. Man gibt ihnen dadurch zu erkennen, daß man ihnen die Rechte auf national-kulturelle Eigenart nicht deshalb Zuspricht, weil es das Gewissen befiehlt, sondern weit man nicht anders handeln kann. Haben doch die Deutschen immerhin ein klein wenig zur Befreiung Polens beigetragen, haben sie doch die Möglichkeit, ein Wörtchen in die Verhältnisse hineinzureden! . . . Und den Juden will man keine Rechte gewähren, weil die polnischen Führer wähnen, es würde sich für die Juden niemand einsetzen. . . Die neuliche Zusage des Staatsrates, die Juden als gleichberechtigte Bürger in der Zukunft zu betrachten, erweist sich als nichtig. Recht bald nach' diesem Versprechen erfahren wir, daß die öffentlich anerkannten Bürger' im geheimen Protokoll als .Zngewanderte' unb ,Ankömmlinge' figurieren." Die erste Handlung des befreiten neuen Polens geht dahin, andere Ul unterdrücken und sie ihrer kulturellen Rechte zu beraubell. Die valtung des Staatsrates ist rrm so unverständlicher, als die preußischen Polen mit Zustimmung ihrer Landsleute im Königreich für die Provinz Posen die kulturellen Rechte fordern, die die Polen in ihrem eigenen Lande anderen verweigern. * So traurig es auch ist, daß das neu erstehende Polen einen derartigen Standpunkt einnimmt, so wäre es vielleicht denkbar, daß das Verfahren des Staatsrats, das freilich unter jeder Bedingung zu verdammen ist, hervorgerufen worden wäre durch die zionistische Gesinnung der dortigen Juden. Auch in Rußland gehen die Zionisten darauf aus, sich als Staat'im Staate zu betrachten, und es ist zu fürchten, daß solche Bemühungen ähnliche Wirkung Hervorrufen. So meldet die „Frankfurter Zeitung": Die Forde r u n g e u der Jude n. Stockhol m. Aus Kiew wird gemeldet: Die dortige jüdische Landesversammlung erklärte die jüdische Nationalität als eine öffentlich-rechtliche juristische Person und forderte für alle Juden die persönliche nationale Autonomie sowie eine besondere jüdische Volksvertretung in Rußland auf Grund des gleichen und geheimen Wahlrechts. * Nun ist auch das „freie" England zu Judenverfolgungen gelangt. Wenigstens meldet das „Berliner Tageblatt": „Times" melden aus Leeds: Am 4. Juni kan: es zu judenfeindlichen Ausschreitungen, bei denen eine tausendköpfige Menge das Judenviertel durchzog und die Ladenfenster der Juden zertrümmerte. Es ist eine grausame Illustration zu den Ansprüchen dieses ehemals gerechten Landes, für die Kultur zu kämpfen. * Das „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" veröffentlicht in seiner Juninummer einen Bericht des Feldgeistlichen Rabbiners Dr. Baeck, die wir in gewohnter Weise unseren Lesern mitteilen: Den 18. Mai 1917. Von Mitte April bis Mitte Mai habe ich die gewohnte Reihe der Gottesdienste äbgehalten. Diese Wochen waren, wie in der Heimat ja auch bekaumt ist, hier im Nordosten zumeist eine Zeit der Stille, der ruhigen Straßen. Im Weben der Gedanken wecken oft die Gegensätze, die Kontraste einander aus den: Unbewußten hervor, und so wandte sich die Erinnerung ungewollt zu Tagen und Wegen zurück, über denen manches Ungewitter gelegen hatte. In solchem Rückblick treten dann eitrige Züge, in denen sich die Arbeit des Feldgeistlichen ansprägt, rroch bestimmter hervor. Sein Wirken verlangt einen inneren Zusammenhang mit seiner Gemeinde, die er hier draußen hat — für Monate, wie er zuerst geglaubt hatte, für fast drei Jahre nun schon, wie das Geschick gefügt hat. Eine gewisse Linie des Daseins muß ihn mit ihr verbinden, wenn er zu ihr reden soll inib von ihr ganz verstanden werden will. Unser Wort gewinnt seinen Ton der Wahrheit, mtxn es aus der Ehrlichkeit unseres Empfindens hervorklingt, nur das also ausspricht, was wir wirklich erfahren haben, und es wirkt auf den anderen als seine Wahrheit auch, wenn nnfer.e Rede ihm von seinem eigenen Erlebnis erzählt, es ihn fühlen läßt, -daß nufere Seele um das alles weiß, was auf ihn eingedrungen ist, was vor ihm bestanden hat. Nur aus solch innerer Verbindung kann sich die echte Predigt, kann sich der innerliche Verkehr aufbauen. Diese Gemeinsamkeit kann nicht völlig diejenige sein, in der sich Soldaten miteinander eins Nüssen. Der Feldgeistliche steht mit ihnen nicht in Reih und Glied, er führt nicht die Waffe, er gehört nicht zur kämpfenden Truppe. Aber um so mehr ist ein anderes erforderlich, daß er nämlich bei ihnen ist, ihnen benachbart und ihnen verbunden, daß seine Wege bei ihnen bleiben. Diese Gemeinschaft kann ihn mit den Kämpfenden vereinen, diese Gemeinschaft des Gebietes und Umkreises, die dadurch gegeben ist, daß er seinen Standort, sein Quartier dem ihren so nahe als irgend, möglich hat, räumlich nahe und in den Bedingungen nahe, so daß sie es sehen und erfahren können, daß er neben ihnen wohnt, unter ihnen weilt, zwischen ihnen kommt und geht. Diese räumliche Nähe wird innner als eine Kameradschaft empfunden, und sie ist in der Tat ein starkes Band. Sie ist gewnß nicht die Gemeinschaft des Handelns oder auch nur die des Ertragen? — diese verknüpft den Soldaten eigentlich nur littt dem Soldaten derselben Waffe und desselben Platzes, daher z. B. schon nicht mehr den Infanteristen mit dem Artilleristen -, aber sie ist doch eine Gemeinsamkeit im Erfahren und Erleben, gewissermaßen im Klima und auch in der Temperatur. Sie gewährt eine Unmittelbarkeit zu all den Kämpfenden hin; man steht mit ihnen zusammen auf dem gleichen Boden einer Gefährdung und einer Entbehrung. Sie können es wissen, und, was ebenso wichtig ist, selber darf man es wissen, vor sich selbst. Wenn man dann predigt und spricht, so redet zu den Soldaten nicht einer, der gekommen ist, um ihnen zu predigen, sondern es spricht einer, der bei ihnen ist und darum zu ihnen gehört. Die stete räumliche Nähe bringt eine innere Nähe. Es ist eine alte Wahrheit, daß der Mensch stärker wirkt als sein Wort. Seine Persönlichkeit, wie sie sich in seinen: Streben und Schaffen, in der Bewährung seines Lebens darstellt, bedeutet die eindruckvollste Predigt, die er halten kann. Und hier draußen gehört zur Persönlichkeit der Platz, den einer sich zumeist -- auch in Heimat und Frieden geht ja mancher soziale Gedanke davon aus; durch die Stelle, auf der die Arbeit geleistet wird, erhält sie einen bestimmten Charakter. Jedes Gebiet hat hier seine eigene Atmosphäre, die den Menschen, die dort sind, den besonderen Ausdruck und die besondere Geltung gibt. Sv gewährt der Platz auch den: Worte und seinem Ton eine Individualität und einen Gehalt.