Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229309--73173-3285639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zeit war eine unbekannte, etwa 60 Jahre alte Frau auf der Landstraße tot aufgefunden und aus dem evangelischen- Kirchhofe in Tlukowy beerdigt worden. Inzwischen ist an den Kleidungsstücken festgestellt worden, daß es sich um die vor etwa zwei Monaten von hier verschwundene Ortsarme Witwe Jacobsohn handelt. Es ist deshalb beantragt worden, die Leiche nach dem hiesigen jüdischen Friedhöfe überzuführen. —- B r o m b e r g. Fabrikbesitzer Aron stiftete für die Volksküche des hiesigen Vaterländischen Frauenvereins fünfzig Zentner Speisekartoffeln. M. Breslau, 1. Juni. Unter den vielen Wohlfahrtseinrichtungen unserer Provinz verdient die in ländlicher Stille Oberschlesiens, fern vom Getriebe des Industrie- und Hüttenbetriebes gelegene Kind er - h e i l st ä t t e i n Solbad I a st r z e m b hier einer besonderen Erwähnung. Eine Schöpfung des verewigten Rabbiners Dr. Münz (Gleiwitz), hat sie sich während ihres 27jährigen Bestehens als wahrhafte Segens- und Heilstätte erwiesen. Nach einer vierwöchigen Kur sind die kranken Kinder wieder gesundet an Körper und Geist in ihr elterliches Haus zurückgekehrt. Ueberrascht war man von dem gesunden Aussehen. Früher matt in den Bewegungen, teilnahmslos am Unterrichte, zeigen die Pfleglinge nach der Rückkehr aus der Heilstätte Regsamkeit und großen Eifer am Unterrichte. — Am 22. Mai hat die Anstalt wieder ihre Pforten für die diesjährige Saison eröffnet. Nahezu 200 Pfleglinge genießen alljährlich die Segnungen der .Heilstätte. Nach dem Tode des Dr. Münz ist Herrn Justizrat Berger (Königshütte), dem verdienstvollen Vorsitzenden des Oberschlesischen Synagogengemeindeverbandes, die Leitung anvertraut worden. Mit der ihm eigenen Tatkraft hat er es verstanden, trotz Ungunst der Verhältnisse, die Verpflegungsfrage sicherzustellen, hat bewährte Kräfte zur Aufsicht herangezogen und keine Kosten gescheut, um der Neuzeit entsprechende Einrichtungen zu schaffen, damit die Pfleglinge sich wohlfühlen und das Elternhaus nicht vermissen. Trotz allgemeiner Steigerung der Lebensbedürfnisse, pro Kind stellt sich die Unterhaltung jetzt auf 150 bis 160 Mark, hat die Verwaltung sich die Aufgabe gestellt, nicht nur Kinder aus Breslau und der Provinz, sondern auch aus anderen Teilen des Reiches aufzunehmen. So finden sich jetzt bereits Pfleglinge aus Berlin, Posen und anderen Orten ein. Wo die Bedürftigkeit vorliegt, erfolgt die Aufnahme unentgeltlich oder gegen mäßige Entschädigung. Ueberhaupt zeigt die Verwaltung das größtmöglichste Entgegenkommen bei den Aufnahmegesuchen. Daß eine solche Anstalt, die über eigene Fonds nicht verfügt, der Unterstützung weitester Kreise unserer Glaubensgemeinschaft teilhaftig zu werden verdient, wenn sie den gestellten Anforderungen, namentlich in jetziger Zeit, genügen soll, dürfte wohl außer Zweifel sein. Pflicht unserer Gemeinden, unserer Vereine, unserer wohlhabenden Glaubensbrüder und Schwestern muß es demnach sein, durch Spenden und regelmäßige Beitrüge den Fortbestand dieser Heilstätte zu ermöglichen, danüt unsere kranken Kinder weiter durch sie ihre Gesundheit wieder erlangen und nicht dem Siechtum verfallen, ihren Eltern eine Quelle des steten Kunnners und der Sorge, der Allgemeinheit eine Last. Beiträge nimmt die Dresdner Bank (Filiale Königshütte), Konto Kinderheilstätte Iastrzemb, Postscheckkonto 353, gern entgegen. M. Hamburg, 30. Mai. In seltener geistiger und körperlicher Frische beging dieser Tage Herr Levin Lion, der verdiente erste Vorsitzende der Hamburger Deutsch-Israelitischen Gemeinde, seinen 90. Geburtstag. Weit über die Hamburger Gemeinde hinaus ist das Wirken dieses hervorragenden Mannes anerkannt. Unter seiner Leitung ist unser Gemeindewesen gekrästigt und unter seiner Mitarbeit haben sich die Gemeindeiustitutionen herrlich entwickelt. Levin Lion entstammt einer alten strenggläubigen Hamburger Familie, und von früher Jugend an bezeugte er den Einrichtungen der Gemeinde großes Interesse. Im Jahre 1881 wurde er in das Repräsentantenkollegium gewählt, aus welchem er 1886 in den Vorstand der Gemeinde berufen wurde. Ihm gehört er seitdem bis heute ununterbrochen an; zuyr ersten Vorsitzenden wurde er im Jahre 1899 gewählt. Während seiner mehr als dreißigjährigen Zugehörigkeit zum Vorstände der Gemeinde hat Levin Lion in allen ihren Verwaltungszweigen eine überaus rege Tätigkeit entfaltet. Aber ganz besondere Verdienste hat er sich um die Entwicklung des Schulwesens und die Ausgestaltung der Armenpflege erworben. Alle seine Mitarbeiter betrachten es als eine Freude, mit ihm und unter ihm, dem Vorbild vornehmer Unparteilichkeit, der Gemeinde zu dienen. Wenn Herr Lion auch in seiner Bescheidenheit alle Ehrungen abtehnen und seinen Geburtstag in stiller Zurückgezogenheit verleben wollte, ließen die maßgebenden Kreise es sich doch nicht nehmen, dem Leiter der Gemeinde die wohlverdienten Ehrungen zu bereiten. Am frühen Morgen erschien der Gemeindevorstand und überreichte ihm mit einer warm empfundenen, seine Verdienste besonders hervorhebenden Ansprache, welche der stellvertretende Vorsitzende, Herr Alfred Levh., hielt, eine von dem Bildhauer Kühl kunstvoll entworfene Plakette mit dem wohlgetrosfenen Bildnis des Jubilars auf der Vorderseite und einer Widmung auf der Rückseite. Nachdem das Repräsentantenkollegium seine Glückwünsche abgestattet, erschien eine Deputation von Gemeindemitgliedern unter Führung des Herrn Alfred Lisser, welcher, mit außerordentlich warmen und herzlichen Worten die Verdienste des Jubilars um die Gemeinde betonend, eine künstlerisch ausgestattete Adresse überreichte, demnach die vielen Freunde des Jubilars eine Levin-Lion- Stistung begründet. Die Zinsen des Stiftungskapitals sollen alljährlich am Geburtstage des Jubilars für wohltätige Zwecke verwendet werden. Nach den Bestimmungen des Herrn L. Lion sollen die Einkünfte für erholungsbedürftige Kinder verwandt werden. Der Herr Vorsitzende der Senatskommission für Angelegenheiten der israelitischen Religionsgemeinde, Herr Bürgermeister Dr. v. Melle, in Begleitung des Senatssyndikus Ludwig, sprach in einer längeren Rede seine Glückwünsche aus, in der er auf die großen Ereignisse hinwies, die der Jubilar während seiner langen Lebenszeit miterlebt hatte, und überreichte einen eisernen Portugaleser. Weiter erschienen noch Herr Oberrabbiner Dr. S p i tz e r und die Vorsteher des Synagogenverbandes, Herr Rabbiner und Prediger Dr. Leimdörfer und die Mitglieder des Vorstandes des Tempelverbandes, um persönlich ihre Glückwünsche darzubringen. Glückwunschadressen gingen u. a. von der Neuen-Dammtor-Synagoge und vielen Gemeindeinstitutionen ein. Groß war auch die Zahl der von hier und auswärts eingelaufenen Glückwunschtelegramme. 2Q Oldenburg, 1. Juni. Diediesjährige Sihungdes I ü d i s ch e n L a n d e s g e m e i n d e r a t e s für das Herzogtum Oldenburg fand am 20. Mai statt. Der Vorsitzende, Herr Lan-drabbiner Dr. M a n n h e i m e r erstattete Bericht über die Tätigkeit während des dritten Kriegsjahres, gedachte' der aus den Synagoge ngeme in den des Herzogtums im letzten- Jahve gefallenen Helden sowie des verstorbenen Mitgliedes Bloch aus Vechta. Die Versammlung ehrte das Andenken der Verstorbenen durch Erhebenvon den Sitzen. Nach der Verteilung der Staatszuschüsse für 1917 an die einzelnen Gemeinden wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Der Jüdische Landesgemeinberat tritt mit sämtlichen Gemeinden des Herzogtums der Freien Vereinigung für das orthodoxe Judentum zu Frankfurt am Main bei, in Anerkennung der großen Verdienste, welche diese Vereinigung sich um das Judentum und die jüdischen Gelneinden Deutschlands erworben hat. 2. Sämtliche Gemeinden treten als Mitglieder dem Lehrerseminar Zn Hannover sowie dem Verein für Kriegerheimstätten des Herzogtums der. 3. Die Diäten für die Lehrer des Herzogtums bei Reisen zum Religionsunterrichte in die Filialgemeinden wurden erhöht. 4. Die Drucklegung einer iüdischen Gesetzessammlung aller Staats- und Landesgemeinden. Ratsgesetze, Regierungsverfügungen usw. wurde beschlossen. 5. Ferner wurde beschlossen, durch Eingabe andie oberste Schulbehörde eine Aufnahnre der Zensurnoten im Religionsunterrichte der Religionssck-ulen. in den Schulzeugnissen herbeizusühren. 6. Eine Verfügung des Großherzoglichen Staatsnrinisteriums zu -erwirken, welche den Dispens vom Schreiben usw . am Sabbat und an Festtagen erleichtert. 7. Verwendung der Vermächtnisse des verstorbenen Fräulein E. Cohn zu Zwischenahn. 8. Aenderung bzw. gerechtere Verteilung der Beiträge zur Lehrerpensions-, Relikten- und Zentralkasse von seiten der einzelnen Gemeinden. Außerdem kamen die Fragen, welche für das Judentum im Innern von Wichtigkeit sind, wie Mischehenfrage und innere Mission, zur Besprechung und wurden den anwesenden Vorstehern Anregungen und Hinweise gegeben, um rechtzeitig einer Schwächung des Judentums durch innere Gefahren zu begegnen. Elberfeld, 30. Mai. Ueber das Thema „Unser Kaiser im Frieden und im Kriege" hielt am sechsten der vom Vaterländischen Hilfsausschuß veranstalteten Vortragsabende Herr Rabbiner Dr. Norde n im Evangelischen Vereinshause einen fesselnden Vortrag, der bei der zahlreichen Zuhörerschaft lebhafteste Anerkennung fand und sicher dazu beitragen wird, den volkstümlichen Veranstaltungen des Vaterländischen Hilfsausfchusses neue Freunde zu werben. Der