Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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gewiß auch dieser Band, der unendlich billig ist (80 Druckbogen für 1,80 Mort) und der in einer hübschen Auswahl so viele interessante Persönlichkeiten vorführt, sein großes Publikum hoben. Kritisch könnte man manches dagegen sagen, zunächst daß die Briefe keineswegs ausschließlich Liebesbriefe, sondern daß manche freundschaftliche Ergießungen sind, sodann hauptsächlich, daß bei außerordentlich vielen der erwähnten Persönlichkeiten das Interesse kaum angeregt, kaum warm geworden ist, wenn man es bereits wieder aufgeben muß und sich zu anderen zu tuenden hat. Vielleicht wäre es daher besser gewesen, unbekannte Menschen - denn wer weiß heute noch von Ursula Jreher oder Johann Adolf v. Glaubburg u. a. — wegzulassen und von bekannteren etwas mehr mitzuteilen. Die Herausgeberin hat den einzelnen Abschnitten biographische Notizen vorausgeschickt, die frisch und abwechslungsreich abgefaßt sind. Sie hat auch den Briefen aus älterer Zeit, die durch ihre Sprache schwer verständlich sind, erläuternde Anmerkungen hinzugefügt. In diesen Notizen sind freilich gar viele unnötige Bemerkungen und eine allzu gesuchte Ausdrucksweise. Um originell zu fein, braucht die Berfasserin die seltsamsten Redewendungen, z. B. von Friedrich Schlegel „dieses Flüchtlings vor sich selbst, der in einen Himmel sich einkaufen mußte, um frei in seiner Brust zu rverden". Der größte Teil der Sammlung ist ganz allgemeinen Inhalts. Daß ich das Buch an dieser Stelle erwähne, hak seinen Grund darin, daß manche Briese von und an Jüdinnen mitgeteilt werden, z. B. Briefe von Wilhelm v. Humboldt an Henriette Herz, Geutz an Nahe! Levin, Friedrich Schlegel an Dorothea Beit, geborene Mendelssohn. Schon aus diesen Briefen geht hervor, daß die Sammlung geeignet ist, das Interesse unserer Leser zu erregen. L. G. — I u di s ch e s I a h r b u ch s ü r d i e S chw e i z. Annuaire 1 s r a e I i t e p o u r 1 a S u i s s e. 5677. 1916/17. Heransgegeben von der Kommission zur Verbreitung jüdischer Volksbildung in der Schweiz. Publie par la comniission de Propagande cTediication popiiklire juive en Suisse. 11. Auslage. Verlag des Jüdischen Jahrbuches, Luzern. Eine Sanunlung von Gedichten, Sprüchen (aus dem Talmud und sonst), belehrenden Aussätzen, teils theologischen, teils geschichtlichen, teils medizinischen. Einen Kriegskalender kann man die Sammlung nicht nennen, doch gehen einzelne Beiträge auf den Weltkrieg ein, wie etwa der „Die Juden der Schweiz zur Zeit des Weltkrieges" oder„Das Friedensideal in unserer Tesilla", und der aussührlichste Aufsatz des ganzen Bandes „Ostjudentum und Westjudentum", der auf den Krieg und' die dadurch besonders spruchreif gewordenen Probleme ausführliche Rücksicht nimnrt. Tie Aussätze sind entsprechend dem vielsprachigen Charakter der Schweiz bald deutsch bald französisch geschrieben; ihre Verfasser sind keineswegs ausnahmslos Schweizer Schrifsteller. Einzelne Aufsätze haben es direkt mit der Schweiz zu tun, z. B. „Berner Brunnen mit jüdischen Motiven" oder,. Kleine Urkunden'aus dem Schweizer jüdischen Gemeindeleben". Endlich der „Ein jüdischer Centralverein", der auf den Verein zur Förderung des gesetzestreuen Judentums hinweist. Aus dem Titel des eben genannten Aufsatzes, wie aus der Tendenz mancher anderen Abhandlungen, kann man den Schluß ziehen, daß das Ganze von der strenggläubigen Partei ausgeht, doch tritt diese Tendenz nirgends abstoßend hervor. Der Kalender ist anständig gedruckt, manche der Abhandlungen sind mit Bildern geschmückt. Daß eine solche Sammlung eine zweite Auflage erlebt, ist entweder ein Zeichen der großen Anerkennung, die das Unternehmen in der Schweiz gefunden hat, oder ein Zeugnis rührigster Propaganda. Jedenfalls verdient die Tatsache eine Erwähnung. L- 0. — Spreemann & C o. Ro m an von Alice Bere nd. S. Fischer, Verlag, Berlin 1916. Dieser Roman würde vielleicht schon mi dieser Stelle Erwähnung verdienen, weil, m\m idy nicht irre, die höchst begabte Verfasserin jüdischen Ursprungs ist; sicher darf er aus dem Grunde erwähnt werden, daß eine allerliebste Episode eines jüdischen Hühneraugeuoperateurs darin vorkommt, der in den Berliner Mürztagen seines Amtes waltet, zu in erstenmal in seinem Leben infolge seiner Politischen Erregung den Patienten beschädigt, an der Revolution teilnimmt und seinen Tod findet. Diese Episode ist nicht etwa eine Nachahmung der bekannten Figur des Hirsch Hyacinth von Heine' in den Bädern von Lucca, sondern eine frei erfundene und höchst originell gezeichnete Figur. Sonst hat allerdings der Roman mit Juden nichts zu tun. Es ist ein echt berlinisches Werk voll sprühenden Humors: die Geschichte eines Kaufmanns, der ans niedrigstem Stand sich zu einem Großkaufmann 'emporringt, eines höchst soliden Geschäftsmannes, des Begründers eines großartigen Warenhauses, der seinen gesicherten Reichtum seinen modernen Söhnen überläßt. Das alles ist mit so viel Laune und Behagen erzählt, das es auch 'bei dem Leser das höchste Wohlgefallen auslöst: das ganze Berliner Leben vorn Anfang der 40 er Jahre (bis 1880) zieht in 'den anschaulichsten Schilderungen cm dem Leser vorüber. Gerade in unserer schweren Zeit ist die Lektüre eines so harmlos erquicklichen Buches sehr zu empfehlen. L. G. Bjjrrdjfaal Zu Hei nes „Prinzessin Sabb at" („Allg. Ztg. d. Jud." 25. Mai 1917, S. 247) „Brüsselbrunnen" erklärt D. Sanders (Wörterb. der Dt. Sprache I, 230 f.) als rieselnde Brunnen, mit Zitat von Laubes Wort: brüselnder Springbrunn. Im Mittelhochdeutschen bedeutet brüseln: prasseln. Die Wortbildung auf —eln belegt Grimm, Deutsche Grammatik II, S. 100. — Vielleicht Heine selbst erst setzte das Wort Brüsselbrunnen zusammen, ein Ptätscherbrunnen meinend, wie im Verse zuvor der rauschende Jordan ebenfalls das Ohr des Träumers berührt. — In der Erinnerung des Dichters an Abrahams Geschichte oder im Traume des Prinzen verwirren sich mehrere Bilder; denn aus Genesis 24 Vers 10 s., und nicht aus Bethel, kommen die Kamele, die am Brunnen lagern. F. L i e b e r m a n n. * Berufsberatung. Ich habe bereits wiederholt zur Frage der „Berufsberatung" in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Stellung genommen. NUch interessiert ganz besonders das Kapitel der Berufsberatung für den mittleren und unteren Beamtenberuf. In erster Reihe, weil ich es für ersprießlich halte, daß den Glaubensgenossen ein neues Betütigungsgebiet in weiterem Umfange ^eröffnet wird, und dann, weil ich es für wünschenswert erachte, dstß eine gewisse, unbegründete Abneigung gegen den ehrenwerten Stand hierdurch beseitigt werden würde. Für den Stand geeignete Bewerber würden einem Berufe zugeführt werden, der sie einer viel gesicherteren Zukunft entgegenbringt, wie dies in vielen anderen Berufen der Fall ist. Herr Herrmann Becker sagt nun an einer Stelle seines Artikels „Zur Organisation für die Berufsberatung der Juden" in Nr. 18 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Mai: „. . . in den Mittelstädten und den kleineren Residenzstädten beit mittleren und unteren Beamtenberus — vorausgesetzt, daß die Stimmung in den städtischen und staatlichen Verwaltungsbehörden diese Beschäftigung geeignet erscheinen läßt empfehlen." Ich stimme dieser Ansicht des Herrn Verfassers keineswegs zu. Für das geeignetste Feld für die Betätigung unserer Glaubensgenossen als Beamte hatte ich besonders die Kommunen von Groß- Berlin im Sinne, da hier ein großes Beamtenheer gebraucht wird; dann läßt sich allerdings nichts dagegen einwenden, daß man auch an Mittelstädte usw. denkt. Daß man aber die Stimmung der städtischen bzw. staatlichen Verwaltungsbehörden erst sondieren müsse, halte ich für durchaus verfehlt. Wenn solche Bedenken geäußert werden, werden diejenigen, welche sich dent genannten Berufe zuwenden möchten, bzw'. deren Eltern leicht zurückschrecken. Wenn sestgestellt wird, daß es Verwaltungen gibt, die unsere Glaubensgenossen ihrer Konfessionszugehörigkeit wegen von der Bewerbung ausschließen, dann ist es in erster Reihe Sache des Verbandes der Deutschen Juden, energisch dagegen Stell unL zu nehmen. Eine Berufsberatung für den Beamtenstand läßt sich nur durch ein Hand-in-Hand-Gehen mit den vorgenannten Vereinen rationell verwirklichen. Aufgabe der maßgebenden Stellen wird dies sein. Gerade hier ist es notwendig, dem in jüngster Zeit so oft zitierten Worte Geltung zu verschaffen: „Freie Bahn dem T ü ch t i g e n!" N a t h a n C o h n (Charlottenburg).