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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-08 · Heft 23 (8.6.1917) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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■vv;.r rwß**- Freilich, die Flucht ist die Antwort aus meine törichte Herzensfrage, das Erwachen aus meinem sonderbaren Traum. Günther mich lieben? Du lieber Himmel, wenn ihm jetzt zum Lachen zumute wäre, er lachte ja hell auf. Früher, wenn ich Väterchen einmal Liebeserklärungen machte, gewöhnlich geschah es, wenn irgendein Heiratskandidat für mich auftauchen wollte — und ihm sagte, daß mir ja auch gar kein Mann gefallen könne, weil ich einen so schönen Vater habe, meinte er immer lachend: „Die Schönheit liegt im Auge des Beschauers." So ist es hier mit dem auch. Im Auge des Beschauers hat die Glut gelegen, die ich im fremden Auge ausglimmen sah. Eine traurige Verwechslung, nichts weiter. Aber er ist frei —, er ist — vorläufig — außer Gefahr. Mittags meldet es mir sein trauriges Briefchen. „Von fünfzig Stellungspflichtigen gab es nur zwei Unglückliche. Alle anderen sind genommen. Aber der andere ist besser daran als ich, er weiß nichts von seiner Not. Er ist dreiviertel Idiot. Erwarten Sie mich vorläufig nicht! Ich habe die nächsten Tage so viel zu tun, oder, nennen wir das Ding beim rechten Namen, ich bin nicht imstande, irgend jemand, auch Sie nicht, zu sehen. Sie sehen ja die Dinge anders. Mit Gruß Günther." Günther, das sagt alles. Daß es dich nicht in der ersten Minute deines großen Schmerzes zu mir reißt, das klärt mich auf und macht mich wieder nüchtern. Und doch jubelt es weiter in mir: Außer Gefahr! Außer Gefahr! (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — G e schichte nbuch. Von Arnold Zweig. Albert Langen, München. Von den in. diesem Buch vereinigten Geschichten sind drei jüdischen Inhalts. Die erste: „Jerusalem errettet", ist ziemlich nichtssagend, mit manchen unkontrollierbaren Details gemischt. Die zweite Geschichte führt den Titel: „Allah". Allah ist der Spitzname eines christlichen Primaners, eines Jünglings, der sich durch seine Stattlichkeit, Begabung und sein angenehmes Wesen zum Liebling der Klasse aufgeschwungen und Prästde der gestatteten Kneipe ist. Als solcher hat er über einen Fuchsulk zu entscheiden, dessen Opfer ein kleiner, sehr talentierter, aber wegen feiner Ausnahmestellung arg angefeindeter Judenjunge ist. Er entscheidet ihn mit vielem Takt, indem er, ohne den Ulk zu verbieten, sich neben! 'den Juden setzt, ihm das Smollis anbietet und ihn dadurch stillschweigend in seinen Schutz nimmt. Das Milieu ist trefflich gezeichnet; der Autor tritt bescheiden zurück, ohne seine natürlich judenfreundliche Gesinnung besonders auszudrücken. Was wir ihm besonders hoch anrechnen, ist der Umstand, daß er aus den Juden keine Heroen macht, sondern die Glaubensgenossen des zum Gehänseltwerden Ausersehenen als ziemlich feige Mitleidende darstellt. Das Ganze ist ein ungemein lebendiges Stimmungsbild. Die dritte Novelle: „Die Flucht der Spandows" führt lebendig in die jetzt Mode gewordene Biedermeierzeit ein. Sie ist ganz ausgezeichnet: Zwei vornehme jüdische Familien einer kleinen Stadt; in der behaglichen Wärme, die von diesem Milieu ausströmt, die Verheiratung der Kinder dieser Häuser, Ruth Ostertag und Wolf v. Spandow. Das Mädchen schön, gebildet, vermögend, im stillen häuslichen Frieden erzogen. Der Jüngling, in Holland Teilnehmer a»r den Napöleonischen Kriegen, nach dem Frieden zurückkehrend, verheiratet sich mit dem Mädchen, und sie leben mehrere Jahre glücklich zusammen. Plötzlich entdeckt die Frau bei einer österlichen Reinigung in dem Schreibtisch ihres Mannes dessen Taufschein, den dieser vergessen hat (freilich eine sehr merkwürdige Voraussetzung), verläßt in Verzweiflung das Haus ihres Gatten und kehrt erst wieder dahin zurück, nachdem der Gatte geflohen und bald verschollen ist. Sie lebt das traurige Leben der Verzweifelten. Diese Geschichte ist wundervoll erzählt ltnb gibt ein herrliches Bild einer Jüdin und des ganzen liebenswürdigen Lebens in einer kleinen Stadt. Wir bedauern lebhaft, das; wir in unserem Raum so sehr l>eschränkt und mit Feuilletoumaterial auf lange hinaus so belastet sind, daß wir keinen Platz haben, unseren Lesern dieses Juwel mitzuteilen. Aber wir machen sie eindringlich aus diesen kostbaren Schatz aufmerksam und erklären ihn ohne Bedenken für eine der schönsten jüdischen Novellen, die wir überhaupt besitzen. L. G. Aus d e m Buch der Bücher. F e l d b i b e l, herausgegeben von: Verband der Deutschen Juden. — Seinen vielen Verdiensten um die jüdische Militärseelsorge hat der Verband der Deutschen Juden durch die Herausgabe dieser Auswahl aus der Heiligen Schrift ein neues hinzugesügt. Das handliche Büchlein kann der Feldgraue immer bei sich führen, um in einsamen Stunden sich in die Geschichte seiner Gemeinschaft, in die Gedanken- und Empfindungswelt jüdischer Führer und Propheten zu versenken. Denen, die Sehnsucht nach Gottes Wort empfinden, wird es in den Schrecken des Krieges ein Tröster und Helfer sein. Den anderen aber, den vielen, die ein solches Bedürfnis nicht kennen, wird, es eine neue, erhabene Welt eröffnen und den Sinn für Glauben und Glaubenswort erwecken. Ueber Auswahl und Uebersetzung ließe sich gewiß manches sagen. Jede Kritik tritt aber vor der Tatsache zurück, daß die Herausgabe einer solchen Feldbibel an sich ein unendliches Verdienst ist, und allen Gemeinden und Vereinigungen sei ihre Verbreitung dringend ans Herz gelegt. Keinen jüdischen Soldaten sollte es gelten, der nicht diesen kostbaren Schatz aus dem Schrifttum seiner Gemeinschaft besitzt. Der religiösen Wiedergeburt der Judenheit wäre damit die Bahn erheblich geebnet. F. G. — Trauerrede zur Einweihung des Grabdenkmals der jüdisch-russischen Kriegsgefangenen am 1. Selichothtag des Jahres 5675 zu Schneidemühl, gehalten von Rnbuiner I. Nobel, Schneidemühl. Frankfurt a. M., Vertag von I. Kaufstnann. 1916. Nobel versucht in angemessenen Worten die Gefühle deutscher Krieger und deutscher Juden bei der Einweihung einer Grabstätte russisch-jüdischer Kriegsgefangenen darzustellen. Ob es nötig war, der anspruchslosen Predigt ein Bild beizugeben, auf dem der Redner selbst erscheint, lasse ich dahingestellt. Auch wäre es wohl besser gewesen, die Rede, bevor sie in den Druck gegeben wurde, etwas sorgfältiger durchzusehen. Sätze wie die folgenden „dieser Geist der Eintracht und Menschengröße, der Judas Kraft zu einer Faust vereinigte, lebt und waltet im deutschen Volke. Viel Stämme und viel Zungen von der Maas zur Memel, aber ein Herz, ein Geist, eine Hand, eine Heldensaust, frei vom Makel unschuldig vergossenen Blutes" brauchten wirklich nicht durch den Druck verewigt zu werden. L. G. =. D i e Vereine v o m Roten Kreuz A a ch e n - S t a d t im Weltkriege 1914/15. Im Aufträge des Hauptausschusses der Vereine vom Roten Kreuz Aachen-Stadt herausgcgeben von Dr. H. Schweitzer. Druck: La Ruelle'sche Akzidenzdruckerei und Lithographische Anstalt (Jos. Deterre), Aachen. Das Werk hat für uns Interesse dadurch, daß S. 64 ff. ein kurzer Bericht des Rabbiners Jaulus in Aachen steht, der in schlichter Weise von seiner seelsorgerischen Tätigkeit berichtet. Er hat auf die Insassen der verschiedenen Lazarette durch Ansprachen gewirkt, ihnen Psalmen und Gebetbücher sowie die vom Verbände der Deutschen Juden herausgegebenen erbaulichen Schriften verteilt, sie mit Liebesgaben erfreut, das letztere ohne Unterschied der Konfession. Die jüdischen Insassen nahmen, soweit es ihr Gesundheitszustand erlaubte, an den Gottesdiensten in der Synagoge, an der Chanukaseier und au ixm Konzerten teil, die in der Synagoge und den Kirchen veranstaltet wurden. L. G. — Briese der Liebe aus drei Jahrhunderten d e u t s ch e r Vergangenheit. Auswahl und zeitgeschichtliche Lebensbilder von Charlotte Westermann. Eben,Hausen-München und Leipzig, verlegt bei Wilhelm Langewiesche-Brandt. Diese Briefsammlung, die etwa drei Jahrhunderte umfaßt — denn sie beginnt mit Luther und endet mit Fichte —, gehört einer der erfolgreichsten Sammlungen unserer Tage an. Wie die früheren Bände, die gleichfalls Briese, Gedichte und Denkwürdigkeiten enthielten — so wird

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