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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-08 · Heft 23 (8.6.1917) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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es eine Gottesgnade ist, vor der Zeit zu sterben. Esist ja mehr Gnade, für das Vaterland leben zu bleiben, ihm bis zum letzten Augenblick —" „Wissen Sie was?" Er steht jetzt vor mir und schaut mich traurig-ernst an. Und nach einer kleinen Pause: „Halten Sie mich für einen Antisemiten?" „Sie, Günther? Um Gottes willen! Wenigstens nicht mehr, als schließlich jeder Christ im innersten —" „Na, lassen wir mal da jetzt Ihre Sezierungsgelüste," sagt er abwehrend. „Ich denke, ich bin keiner. Ich trete jedem mit Nachdruck entgegen, der alle bösen Eigenschaften den Juden anhängen will. Das eigene Urteil hängt zu guter Letzt doch von den Juden ab, die man persönlich kennt. Ich habe Ihren Vater gekannt und kenne Sie. Da kann man nicht recht Antisemit sein." Wo soll das hin? Eine leise Freude bebt in mir auf, und doch, ich fühle es, da kommt noch etwas anderes, etwas Bitteres. Er steht jetzt am Fenster, den Rücken dem Zimmer zugekehrt. „Ich gebe Ihnen übrigens zu, früher war ich einer. Wir haben bei uns zu Hause da eine ekelhaste Sorte Juden, solche Geldprotzen, — es waren Vaters beste Kunden — aber die ganze Backstube hat sich immer über die Gesellschaft lustig gemacht, Vater obenan." Still, still, mahnt es in mir. Nicht einmischen, nicht vorgreifen! Du kennst ja die Bergheimer Juden nicht, vielleicht verdienten sie sich den Spott, und doch fühlst du auf einmal, als seien sie deine Freunde und Günthers Vater dein Erbfeind. Ich halte an mich. „Na, es sollte einmal einer versuchen, Sie vor mir mit dem widerlichen Chor in einem Atem zu nennen!" fährt er drohend fort. „Es gibt Juden und Juden, das habe ich früher nicht so gewußt. Aber einen bösen Fehler haben sie alle, und Sie ailch." „Nun?" Ich atme kaum vor Spannung. „Sie haben so etwas häßlich Zersetzendes," sagt er in abfälligem Ton, „nie nehmen sie mit dem Herzen einmal etwas gläubig und begeistert auf, immer kommen sie mit dem klügelnden Verstand und grübeln heraus, daß das alles nicht wahr und nicht schön und nicht echt sein kann. Finden Sie, daß das einen Menschen reicher macht?" Ich zucke die Achseln. Was soll ich rhm darauf erwidern! „Wie kommt das eigentlich, daß Sie alles so zergliedern müssen? Manches schöne Ding zerfällt doch, wenn man es auseinandernimmt!" Seine Stimme wird schon wieder etwas wärmer, die Angst zittert darin, daß ich beleidigt sein könnte. Aber ich sehe ihm ohne Gekränktheit ins Gesicht. „Günther, uns hat wohl so manches in jahrtausendealten Erlebnissen nachdenklicher gemacht als euch. Wenn Sie auch ein wenig über uns nachdächten, würden Sie das begreifen. Und Sie würden vielleicht auch einsehen, daß das Nachdenken über eine Sache und das Prüfen nicht immer etwas Böses ist. Die großen erhabenen Gefühle sind freilich schöner als die kleinmenschlichen, durchschnittsmäßigen, aber die kleinen noch tausendmal besser als die unwahren. Günther, ich hasse die Unwahrheit, auch die unbewußte, die anempfundene. Ich bin so froh, wenn Pastor Meißels echte Herzensfrömmigkeit ihn gefaßt und ergeben in Gotteswillen macht, damit er den namenlosen Verlust nur überhaupt ertragen kann — aber ihn als Gnade empfinden —" „Adieu, Tante Trude!" „Es heißt heutzutage: Auf Wiedersehen! Günther," sage ich lächelnd und reiche ihm die Hand. Morgen geht er zur Stellung. Ich glaube, da halte ich seine Hand einen Augenblick länger, und sage wohl recht weich und bittend: „Denken Sie nicht so bös von mir!" „Ach nein," wehrte er, „das tue ich trotz alledem nicht. Ich denke immer, Sie sind in dem Punkt besser, als Sie selbst wissen. Sie haben doch sonst alle guten und edlen Eigenschaften. Es müßte denn wirklich ein Rassefehler sein, wenn gerade Sie —" Ich lache, und da verheddert er sich etwas. Und plötzlich ist er im Ton eines gestrengen Examinators: „Könnten Sie Ihr Liebstes freiwillig — ich sage nicht „gern"; ich sage bloß: „freiwillig" — dem Vaterland opfern?" Ich sehe ihn an und erschrecke selbst vor der Untiefe, die sich in meinem Herzen vor mir auftut. Traurig über mich selbst und doch offen und klar sage ich: „Nein, Günther!" „Sie könnten nicht Ihr Leben für das Vaterland hergeben?" „Doch, Günther," rufe ich schnell und ohne Ueberlegen, „jede Stunde, und mit tausend Freuden." „Ach, Trude, Tante Trude!" sagt er ganz selig vor Freude und küßt mir die Hand. „Sehen Sie, ich wußte es ja. Ich kenne Sie ja besser, als Sie sich selbst. Da haben Sie es ja." Er küßt mir immer wieder die Hand, als habe ich ihm ein Königreich geschenkt. „Gute Tante Trude!" | Und ich, in seine jubelnde Hochstimmung hinein: „Ach, Günther, das Opfer wäre ja gar nicht so groß, wie Sie denken. Ich," und da muß es heraus, die Wahrheit muß halt immer heraus, und wenn sie mich noch so verkleinert, „ich mache mir nicht viel aus meinem Leben." Er läßt meine Hand los und geht wieder auf und ab. Einmal seufzt er tief auf, ich weiß nicht, ob vor Schreck, daß mein Opfer nun doch wieder in nichts zusammensinkt, oder aus Mitleid mit mir und meinem unbefriedigend einsamen Dasein. Plötzlich bleibt er wieder vor mir stehen. „Wollen Sie mir morgen früh den Daumen halten, während ich bei der Ausmusterung bin?" „Ja, Günther!" „Wirklich?" ruft er sichtlich erfreut. „So gönnen Sie mir endlich das Glück, mit hinaus zu dürfen ins Feld?" er ruft es jubelnd, kindlich. Bei dem „Hinaus zu dürfen" jauchzt seine Stimme förmlich. „Sie halten mir bestimmt den Daumen! Tante Trude, was werden Sie dabei denken?" Und ich, indem ich ihm lächelnd ins Gesicht schaue: „Daß ich es Ihnen versprochen habe, und daß ich es deshalb tun muß, und daß so etwas ja, Gott sei Tank, doch nicht hilft." Zuerst fährt er wie im Schreck zurück, dann packt er meine beiden Arme, er vergißt sich ganz in seiner Aufregung, er schüttelt sie beinahe unsanft: „Sie — Sie" — wie er mich nur ansieht! Bei Gott, wenn es nicht so unmöglich wäre — du lieber Gott, ich bin vierzig, er siebenundzwanzig, ich würde sagen — verliebt hat er mich angesehen, die Zähne hat er zusammengebissen und wie in Schmerz und Wut und Liebe hat er mich angeschaut und fast zornig hervorgepreßt: „Sie —■ Sie — Sie Judenmädchen, Sie!" Was der Mensch sich doch alles einreden kann! Weil in mir sich ein Wunder, ein unfaßlich Wunder begeben hat, glaube ich. Märchenhaftes auch außerhalb meiner zu sehen. Günther, was sagtest du jetzt zu dem klügelnden, jüdischen Verstand? Einen Augenblick war es mir, als liebtest du mich und kranktest an deiner Liebe wie ich an der meinen. * Bewegte, drei Tage! Und doch, über allem steht das eine, das große Erleben: Günther ist auf ein halbes Jahr zurückgestellt. Was ist alles andere dagegen, sogar fein unfreundschaftlich Fliehen vor mir?!

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