Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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40ÖÖÖ selbständige Viehhändler, wovon ein großer Teil, ungefähr 25 000, jüdischen Glaubens sei, obzwar genaue statistische Angaben darüber noch nicht vorhanden seien. Der jüdische Viehhandel sei besonders in West- und Süddeutschland vertreten» während er im Norden und Osten nur eine geringe Minderheit bilde; der größte Krebsschaden des jüdischen Viehhandels liege in der mangelnden kaufmännischen Vorbildung seiner Mitglieder, denn nur der intelligente Viehhändler werde sich in Zukunft behaupten können. Er halte es daher für wünschenswert, Viehhandelsschulen zu errichten. Es sei außerdem erstrebenswert, daß der jüdische Viehhändler als Nebenberuf Landwirtschaft und vor allem Weidewirtschaft betreibe, denn die Milchwirtschaft der Städte sei sehr rentabel; auch habe schon vor dem Kriege der Anteil der Viehhändler an der Fleischerzeugung ungefähr 33t» Prozent betragen. Derartige Bestrebungen könnten stets auf die Unterstützung des Bundes der Viehhändler rechnen. Außerdem sei am 11. Mai d. I. in Berlin eine Genossenschaftsbank deutscher Viehhändler G. m. b. H. gegründet worden, für die bereits dreiviertel Million gezeichnet sei, die aber unschwer fünf bis zehn Millionen aufbringen werde. Der Zweck dieser Gründung sei, den Viehhandel in jeder Weise zu unterstützen: so ihm das Auslandsgeschäft zu retten, da das Reich nur Zentralen unterstütze, ferner beim Ausbruch von Tierseuchen während des Marktes die Tiere zum Einkaufspreis anzukausen und zu verwerten; das Geld solle z. B. auch dazu dienen, den weniger kapitalkräftigen Mitgliedern unter die Arme zu greifen, die jetzt im Kriege ihr Betriebskapital aufzehrten, da der Viehhändler nur, wenn er Kredit geben könne, konkurrenzfähig sei; auch zur Beseitigung lokaler Uebelstände wolle die Bank beitragen. Zum Schluß zog der Vortragende noch einmal kurz das Resümee seiner Ausführungen: er glaube nicht an die Fortdauer, der Viehhandelsverbände'nach dem Kriege, da es unmöglich sei, den Zuchtviehhandel von einer Zentralstelle aus zu führen, doch halte auch er Maßnahmen für notwendig, da bei dem Uebergang vom Kriege zum Frieden die kriegswirtschaftlichen Zustände voraussichtlich noch auf Jahre hinaus beibehalten und so die Lage des -Handels sehr schwierig sein würde. Für diese schwere Zeit müsse sich der Viehhandel beizeiten rüsten durch Aneignung von kaufmännischer Bildung und auch von Kenntnissen in der Tierheilkunde, Anschluß an die Organisationen und Uebergang zur Weidewirtschaft in möglichst weitem Umfange. Nachdem die Versammlung dem Vortragenden für seine interessanten und sachkundigen Ausführungen ihren lebhaften Beifall ausgedrückt hatte, entspann sich eine mehrstündige Debatte über die aufgeworfenen Fragen, die schließlich zu folgenden Resultaten und Beschlüssen führte. Es wurde als die Hauptaufgabe des Komitees festgelegt, für die Beschaffung von kleinen Wiesengütern Sorge zu tragen, auf denen eine Familie, die eventuell nebenbei nochViehhandel betreibe, auch im Winter Milchwirtschaft treiben und so das ganze Jahr Beschäftigung und Unterhalt finden könne. Aus Anregung des Justizrats Dr- Francken wurde beschlossen, zunächst nur aus die Pacht und nicht auf Ankauf derartiger Güter auszugehen, da auf diese Weise die Kosten des Verfahrens verringert würden. Mit der Beschaffung der Güter würden einige Herren aus dem Komitee betraut, die wegen ihrer Sachkunde dafür besonders geeignet schienen. Ferner wurde durch Umlauf einer Liste festgestellt, daß sich unter den Anwesenden 14 Reflektanten befanden, die bereit waren, eine Weidewirtschaft zu übernehmen, wenn ihnen das Komitee finanziell und bei der Beschaffung der Objekte behilflich wäre; es wurde auch hervorgehoben, daß sich auch unter den jetzt im Felde Befindlichen Interessenten befinden. Nach einer längeren Diskussion über die Frage, auf welche Weise der nötige Geldfonds zu beschaffen sei, wurde schließlich ein Subkomitee von sechs Herren unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. Jaulus gewählt, das sich mit der Frage der Geldbeschaffung befassen, sich ferner mit den einzelnen Reflektanten in Verbindung setzen und sich um die Beschaffung der Landgüter bemühen solle. Der befriedigende und erfolgreiche Verlauf der Sitzung läßt die Hoffnung als gerechtfertigt erscheinen, daß das Komitee seine gemeinnützigen Ziele auch wird durchführen können, und somit ist diese Versammlung auch nicht ohne Bedeutung für die Gesamtheit des Judentums. Sie kann nicht nur zur materiellen Hebung des Standes der jüdischen Viehhändler beitragen, der ja einen beträchtlichen Prozentsatz des deutschen Judentums darstellt, sondern auch kulturell wertvoll wirken, indem sie auch die soziale Stellung der jüdischen Viehhändler hebt und die Juden zur erhöhten Pflege der Landwirtschaft veranlaßt. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna G o l d f ch m i d t. (14. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ch kenne die Leute kaum, wir grüßen uns flüchtig, aber ) ich krampst die Hände ineinander, ich kann mich zuerst gar nicht fassen vor Schreck und Erbarmen. Beinahe stadtbekannt ist es, wie das Ehepaar sich geplagt hat, um die Söhne so weit zu bringen — es herrschte viel Armut und Krankheit da im Hause, vier Kinder sind ihnen klein gestorben —, die Fremdesten haben sich mit an dem Emporblühen und Wohlgeraten der zwei einzigen, die ihnen geblieben sind, gefreut. Vor vierzehn Tagen starb der Aelteste, ein junger Arzt, heute — „Es steht ja schon in der Zeitung. Haben Sie sie heute noch nicht gelesen? Die Todesanzeige ist so herrlich, daß ich sie eingesteckt und für Sie mitgebracht habe." Er reicht mir das offene Blatt. Fettgedruckt steht obenan zwischen den Schwarzumränderten, mit dem Kreuz Versehenen: „Gott der Allmächtige hat nunmehr auch unserem zweiten und letzten Sohne die Gnade erwiesen, für das Vaterland sterben zu dürfen. Pastor Meißel und Frau." Ich lehne den Kopf an den Sekretär zurück, mir ist, als würge mir etwas Einschnürendes am Halse, ich lasse die Hand mit dem Blatt sinken, muß einen Augenblick die Augen schließen. „Nun, Tante Trude, was sagen Sie jetzt?" Triumph und stolze Rührung klingt aus seiner Stimme. Ich schüttele den Kopf, noch immer angelehnt mit geschlossenen Augen. „Nun? Wie nennen Sie nun das?" Und ich, indem ich ihm das Blatt müde zurückgebe: „Günther, das — das verstehe ich nicht. Das ist Verzückung, ist Unnatur, Günther, sagen Sie, was Sie wollen." „Aber hören Sie mal!" Klagend vor Zorn und Vorwurf klingt seine Stimme. „Günther, das ist," jetzt werde ich beredter, in meiner Erregung, „das ist die Natur verleugnen, sich selbst verleugnen und — und — das Vaterland dazu. Bedenken Sie doch, wenn die beiden prachtvollen Kerle, der Flieger, der sich das Eiserne Kreuz erster Klasse erworben hat, und der junge Arzt, der auch gleich in den Anfangswochen das Eiserne bekam, — wenn die noch lebten, was die dem Vaterlande noch nützen könnten, jetzt im Kriege und später im Frieden — es ist ja nicht wahr, daß