Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- ' * > m Unterm 10. April 1781 die Notiz! „Am Donnerstag vor Ostern nachmittags wurde auf dem herzoglichen Schlosse eine ganze Familie getauft, nämlich: der herzogliche Hosmusicus und Pantelonissc Noölly, ein bisheriger Jude (von den Portugiesen), nebst seiner Frau, und drei Kinder, zwei Töchter und ein Sohn. Der Vater war '50 Jahr, die Mutter eine gebohrne Engelländerin 24 Jahre. Die älteste Tochter 11 Jahr Die zweite 9 Jahr. Der kleine Sohn 4)4 Jahr. In Gegenwart der durchlauchtigsten Personen, des regierenden Herzog und Herzogin, der verwittweten Prinzessin Ludewig, des Prinzen Friederich und dero Frau Gemahlin als hoher Tauszeugen, im Beyseyn des Hofstaats und einiger anderer Zuhörer. Der Vater empfing die Namen Friederich und Ludewig Carl, die Mutter Friederika Charlotta. Die älteste Tochter Louisa, die jüngste Charlotta, der kleine Sohn Friederich. — Es müsse bey ihnen Wahrheit sehn und bleiben." NoSlli scheint reine Mission getrieben zu haben. Denn in seinem Hause wird mit Herzoglicher Höchster Erlaubnis der Königlich Schwedische Hof-Musicus Salomoni, welchen des Königs von Schweden Majestät von Noölli auf dem Pantaleon hat unterrichten lassen, getauft und hieß nun Carl Friedrich Wilhelm Salomoni. Nach den Worten des Kirchenbuches ward er an unserem Ort von der Wahrheit des Evangelii überzeugt und verließ mit manchen Kennzeichen einer Redlichkeit das Judentum. Am 8. August 1784 ward ebenfalls in Noellis Hause der Hofmusikus Levi und seine Ehegattin jüdischer Religion nach vorhergenommenem Unterricht getauft. Die neuen Christen erhielten die Namen Friedrich Ludwig und Louisa Friederica Neumann. Diese Notiz im Ludwigsluster Kirchenbuch ist von Clemens Meyer übersehen worden. Deshalb führt er Neumann gesondert von dem oben genannten Kapellmusikus Levi (Levin) an und sagt von ihm, daß er getaufter Israelit war, „1784 Herzoglicher Hosmusiker, bezog 1785 200 Rtlr. Gehalt, 4 Faden Holz, 4000 Stück Torf und 2. 19 Rtlr. Saitengeld. Er starb am 29. Oktober 1779 in Ludwigslust". Als er durch Unvorsichtigkeit mit einem Gewehr dem Koch Saal, einem Knaben, das Bein angeschofsen hat und um Erlaß der Strafe (50 Rtlr.) bittet, da läßt er in sein Bittgesuch, um zu wirken, die Worte einfließen: „Gottlob, daß ich ein Christ bin, denn meine vorige Grundsätze hätten mich bey diesen Unglück gewiß nicht so unterstützet mit dieser Gesinnung." — Rach seinem Tode ergeht an das Herzogliche Hosinarschallamt der Befehl: „Da der Hosmusicus Neumann gestorben ist und außer einer Mutter, welches eine Jüdin ist, keine Frau und Kinder noch sonstige Verwandte hinterlassen hat, so erwarten wir darüber, ob und wiefern die Mutter auf die Sterb- und Gnadenquartale Anspruch machen könne, einen gutachtlichen Bericht." Ludwigslust, 1. November 1799. Das Hofmarschallamt berichtet, daß nach einer Verordnung vom 28. März 1770 die Gnadenquartale nur den Witwen und Kindern, nicht aber sonstigen Verwandten des Verstorbenen zukommen, mithin die Mutter keine Ansprüche habe, dagegen das Sterbequartal von Rechts wegen zur Verlassenschast gehöre. (7. November 1799.) — Einige Quittungen Neumanns aus den achtziger Jahren belehren uns darüber, daß er für seine jüdische Mutter öfters Unterstützungen durch den milden Herzog Friedrich Franz I. erhalten hat. (Schluß folgt.) Lur Lage des jüdischen Virhhandrls. Von Dr. S. P i n c u s (Aachen). as „Komitee zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden des Regierungsbezirks Aachen", über dessen am 4. März d. I. unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. Janlus erfolgte Gründung itt Nr. 13 der „Allgemeinen ZeitliUg des Judentums" ausführlich berichtet wurde und das inzwischen unter den in Betracht kommenden Kreisen eine rührige und nicht erfolglose Propaganda für seine Bestrebungen entfaltet hatte, veranstaltete ain 17. Mai im Sitzungszimmer der Synagoge zu Aachen eine Versammlung, zu der sich außer den Komiteemitgliedern zahlreiche Viehhändler des Regierungsbezirks Aachen sowie auch Vertreter des Gemeindevorstandes und der Repräsentanten und sonstige Interessenten, im ganzen ungefähr 50 Personen, eingefunden hatten. Der Zweck der Versammlung war, weitere Kreise der jüdischen Bevölkerung mit den Ideen und Zielen des Komitees bekannt zzr machen und ihr Interesse dafür zu erwecken und außerdem einen peberblick über die bisher erreichten praktischen Resultate der Bewegung zu gewinnen. In seiner Begrüßungsrede schilderte der Vorsitzende Rabbincr Dr. Jaulus noch einmal kurz die Tatsachen, die zur Begründung des Komitees geführt hätten, nämlich die trüben Aussichten des Viehhandels für die Zeit nach dem Kriege, und wies auf das dreifache Interesse hin, das für die Bestrebungen des Komitees vorhanden sei und das sich ja auch in der regen Anteilnahme weiter Kreise gezeigt habe, nämlich einmal das Interesse der jüdischen Viehhändler selbst, die jetzt zum Teil l nur von ihrem Betriebskapital lebten und für die der Uebergang zur Weidewirtschaft eine neue Lebensmöglichkeit biete, ferner auch das Interesse der Stadt Aachen, die leicht durch den Zuzug mittelloser Kräfte des Mehhandels in Mitleidenschaft gezogen werden könne, und nicht zuletzt auch das Interesse der jüdischen Allgemeinheit, da es ja um das Schicksal vieler Tausende von jüdischen Viehhändlern geht, und da, wenn die Tätigkeit des Komitees in Aachen zu greifbaren Resultaten führen würde, die übrigen Gemeinden sich daran ein Beispiel nehmen und ähnliche Bestrebungen fördern und unterstützen würden. Darauf hielt der erste Vorsitzende-des Bundes der Viehhändler Deutschlands, Herr Hermann Daniel aus Koblenz, einen ungefähr einstündigen Vortrag, in dem er u. a. folgendes ausführte: Er beurteile zwar die Lage und die Zukunftsaussichteu des jüdischen. Viehhandels weniger pessimistisch als der Vorredner, da sich der solide und kapitalkräftige Viehhändler vielfach eine Vertrauensstellung bei den Bauern oft durch Generationen hindurch erworben habe, die nicht so leicht untergraben ' werden könne, aber trotzdem halte er die Ziele und Bestrebungen des Komitees für durchaus notwendig und nützlich. Zur näheren Begründung gab nun der Vortragende zunächst einen allgemeinen Ueberblick über die verschiedenen Entwicklungsstadien, die der Viehhandel während des Krieges bisher durchlaufen habe. Der Krieg habe die Behörden vielfach unvorbereitet getroffen, und so sei es in der ersten Zeit vielen unlauteren Elementen geglückt, Lieferungen zu erhalten und sich übermäßig zu bereichern; die Auswüchse dieses wilden Handels habe man aber ungerechterweise dem soliden Viehhandel zur Last gelegt, und so sei eine übertriebene Animosität gegen den Handel und die Kriegslieferanten überhaupt im Volke entstanden. Diese Animosität habe die bedauerliche Folge gehabt, daß die Behörden zunächst bei der Neuorganisation die Viehhändler überhaupt nicht zur Mitarbeit herangezogen hätten. Erst im Oktober 1915 habe das Reichsamt des Innern mit dem Verein der Viehhändler Fühlung genommen, und dieser habe dann aus Einsetzung von Höchstpreisen und Einschränkung des Betriebes der Konservenfabriken hingewirkt. Schließlich sei es dann bekanntlich zur allgemeinen Syndizierung des Viehhandels durch die Viehhandelsverbände gekommen, die, soweit es unter den obwaltenden Umständen möglich gewesen sei, die Interessen deslegitimen Viehhandels zu wahren sich bemüht hätten. In betreff der Zukunftsaussichten des jüdischen Viehhandels führte der Redner aus: es gebe in Deutschland ungefähr